Im Rahmen des Projektes «Chur durchwuehlen» hat Peter Trachsel am 1.11.2012 seine Performance «Wo die Welt hockt» gezeigt.

Im Rahmen des Projektes «Chur durchwühlen» hat Peter Trachsel (1949-2013) im November 2012 seine Performance «Wo die Welt hockt» gezeigt.

Bild Olivia Item

Performance

Kunst säen in der Peripherie

Welche Strategien generiert Kunst in der ländlichen Peripherie? Was sind dort ihre Chancen und was die sprichwörtlichen Steine, die im Weg liegen? Wie sich Herangehensweisen und Konzepte in den letzten vierzig Jahren verändert haben, zeigt eine Recherche in Graubünden. Sie schlägt einen Bogen vom Performance-Pionier Peter Trachsel, über Vera Malamuds und Pascal Lamperts Lebensmodell im Val Mustair bis zu einer jungen, kollektivistisch agierenden Generation um den Künstler und Musiker Leander Albin.

Von Mathias Balzer

Chur, 10.03.2026

24 min
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Atlas zur Performance in der Schweiz

Dieser Text ist ein Beitrag zum Buch «Atlas Revolving Histories – zu translokaler Performance Kunst Schweiz»

Die Publikation ermöglicht eine erste Übersicht über die Performance Szenen, Künstler*innen, Aufführungsorte und Festivals in der vielsprachigen Schweiz. Aus erster und zweiter Hand werden Einblicke und Querbezüge zwischen den unterschiedlichen Performance-Netzwerken ermöglicht. Ausgehend von kollektiven Recherchen und Mappings an verschiedenen Orten haben Autor*innen «Performance Landschaften» von Santa Maria Val Müstair bis Basel und von der Ostschweiz bis zum Genfersee beschrieben.

Beginnend in den Anfängen der Performance Kunst, Mitte der 1960er-Jahre, reichen die Beiträge bis zum aktuellen Geschehen. Die Geschichte der Performance Kunst ist nicht einheitlich. Sie setzt sich aus verschiedenen Erzählungen zusammen, wird von pluralen Konzepten umfasst, durchquert mehrere Sprachen, Orte und disziplinäre Rahmungen.

Erhältlich beim Vexer Verlag

Diese Publikation folgt auf das Buch «Lesebuch Revolving Histories – zu translokaler Performance Kunst Schweiz», welches im Jahr 2025 erschienen ist.

Vernissage en Tour

28.03.26: 17 h La Ferme de la Chapelle, Grand-Lancy, Genève
15.04.26: 19.30 h Sphères, Zürich
21.04.26: 18 h Kunst Halle Sankt Gallen, St.Gallen
09.05.26: 15.30 h Friart, Fribourg
13.05.26: 19 h Redaktion, Luzern
21.05.26: 19 h Museum Tinguely, Basel
30.05.26: 19 h Arsenic, Lausanne
04.06.26: 18 h Bündner Kunstmuseum, Chur
26.06.26: 19 h Stadtgalerie, PROGR, Bern

Die Performance ist eine periphere Kunstform, auch wenn die Qualitäten ihres Live-Charakters von Institutionen zunehmend als publikumswirksame Events geschätzt werden. Performance ist meist fragil und risikobehaftet, gerade wenn sie den schützenden Kunstraum verlässt und die Reibung mit der Öffentlichkeit sucht. Dieses Wagnis verschärft sich noch, wenn die Kunst ihr urbanes Feld verlässt und die Peripherie aufsucht.

Trotzdem, oder gerade deswegen, zieht es seit Generationen Künstler:innen aufs Land. In der Schweiz war die Gemeinschaft auf dem Monte Verita bei Ascona eine Art Urszene dieser Pendelbewegung zwischen urbanen Konflikten und vermeintlich ländlicher Idylle.

Aber nicht nur Natursehnsucht und die Suche nach dem «richtigen» Leben sind deren treibende Kräfte. Das Land, das abgelegene Tal oder unscheinbare Dorf können ein Schutzraum vor dem Getöse der städtischen Kulturwelt sein. Zumindest bis in die 1970er-Jahre war die Peripherie meist ein noch von der Kunst unberührtes Blatt. Sie bot – und bietet immer noch – Raum für die Entstehung neuer künstlerischer Strategien, ganz nach dem Motto: Wenn es Du nicht machst, dann macht das hier niemand.

Die Peripherie kann idealer Ort für Aussenseiter sein, die eine andere Dringlichkeit suchen, als sie das Aufgehobensein in einer städtischen Kunstszene bietet. Denn Kunst – und im Speziellen Performance – auf dem Land bedeutet auch, sich der Reibung mit einer meist konservativ geprägten, kunstfernen Gesellschaft auszusetzen.

Rückzug in die Freiheit

An einem Samstag, Ende der 1990er-Jahre, versammelt sich eine Picknick-Gesellschaft in Küblis-Dalvazza im Bündner Prättigau. Sie pilgert nicht zu einem lauschigen Wiesenplatz; nein, es ist Winter und die Teilnehmenden sind mit Stuhl und Lunch-Box eingeladen, sich auf dem Gehsteig entlang der Hauptstrasse aufzureihen und nichts anderes zu tun, als zu essen, zu trinken und sich zu unterhalten.

Wir sind zwar auf dem Land, aber der Verkehr gleicht jenem zu Stosszeiten in einer Stadt. Die Touristen zieht es massenweise in die Höhe. Ihre verdutzten Blicke hinter den Windschutzscheiben auf die so gemütlich dasitzende Gruppe sind das eigentliche Spektakel des Anlasses. Peter Trachsel hat mit seiner Hasena, dem Institut für fliessenden Kunstverkehr, zum Picknick eingeladen.

Diese Performance vereint viele Elemente, die Peter Trachsels Werk geprägt haben: soziale Interaktion, Einfachheit der Mittel, Essen als gemeinschaftsstiftende Tätigkeit, Plädoyer für das einfache Leben, gepaart mit Gesellschaftskritik und schalkhaftem Humor. Und, allem voran: die Entwicklung künstlerischer Strategien in der ländlichen Peripherie.

Trachsel hatte 1987, mit 48 Jahren, das kleine, im Winter schattige, an der Strasse nach Davos gelegene Küblis-Dalvazza zum Wohn- und Arbeitsort erkoren – und blieb dort bis zu seinem Tod im August 2013. Der aus Schaffhausen stammende, ursprünglich gelernte Dekorateur, war – nach längeren Aufenthalten in Berlin und Catania – erst Student und später Dozent an der F+F, der Schule für experimentelle Gestaltung in Zürich, gründete 1981 in seiner Wohnung in Zürich die Hasena und realisierte unterschiedlichste Ausstellungs- und performative Auftrittsformate.

Ende der 1980er-Jahre war die Entscheidung aufs Land zu ziehen, ein noch deutlicheres Statement für das Schaffen in der Peripherie, als es dies heute ist.

Postauto und Züge fuhren weniger und langsamer, die Dörfer waren noch stärker von den Einheimischen geprägt als heute, wo oft Zweitheimische in der Mehrzahl sind. Für Recherchen musste noch die Bibliothek in der Stadt konsultiert werden. Der Fernaustausch mit anderen Künstler:innen war nur per Telefon am Festnetzanschluss, per Fax oder Brief möglich.

Peter Trachsel stellte sich den Herausforderungen, Vor- und Nachteilen eines Künstlerlebens in der Peripherie konsequent. Den Dozenten-Job in Zürich hat der alleinerziehende Vater an den Nagel gehängt und finanzierte sich über Projekte und Gelegenheitsarbeiten vor Ort, unter anderem auch als Totengräber im Dorf.

Besuchte man ihn in seinem bescheidenen Haus mit der rudimentär eingerichteten Küche wurde augenscheinlich, dass selbstgewählte Bescheidenheit eine der Triebfedern seines Schaffens war. Sowohl in praktischen Lebensfragen wie bei der Wahl künstlerischer Mittel plädierte er – meist mit einem Lachen – für die unaufwändige, einfache Lösung.

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Das Kulturzentrum Passagenhaus in Dalvazza wurde von Peter Trachsel gegründet und errichtet und wird heute noch sporadisch für Performance-Anlässe genutzt.

Bild Olivia Item

Was Trachsel aber sehr wohl aus der Stadt mitgebracht hatte, war sein weitläufiges Netzwerk. Diesem bereitete er eine Bühne unweit seines Wohnhauses am Eingang zu Dalvazza. Mit Unterstützung der ortsansässigen Zimmerei verwandelte er ein baufälliges Prättigauerhaus in ein geschindeltes Atelierhaus mit Flachdach.

Daneben steht – noch heute – ein über ein Baugerüst zugänglicher Schiffscontainer mit Archiv zu seinem eigenen Schaffen und zur Schweizer Performancekunst – und einer öffentlich zugänglichen Bibliothek, die bei seinem Tod 4000 Bände umfasste. Nach seinem Tod wurde die Bibliothek vom Kulturzentrum Nairs in Scuol, Trachsels Nachlass vom Bündner Staatsarchiv übernommen.

Neben dem Atelier steht ein Holzpodest als Freiluftbühne inmitten von Wiesen und Mäuerchen, das Ganze ein wackliges Provisorium, das kam, um zu bleiben – und das heute noch temporär von Performance-Projekten bespielt wird.

Die Peripherie als internationale Drehscheibe

Dieses Camp wurde zum Dreh- und Angelpunkt von Trachsels künstlerischer Tätigkeit, die nun oft diejenige des Kurators und Gastgebers war. Die Liste der geladenen Künstler:innen ist zu lang für diesen Text, aber sie würde einen guten Teil der Performance-Szene seiner Generation abdecken.

Auch zur Szene in der Kantonshauptstadt Chur pflegte Trachsel intensive Verbindungen, etwa zum Ausstellungsort Aquasana rund um die Künstler:innen Elisabeth Arpagaus, Thomas Zindel, Andrea Sonder und Markus Casanova.

Oder zum Kurator und Galeristen Luciano Fasciati, der mehrere Ausstellungen und Projekte mit Trachsel verwirklichte. Und innerhalb des gross angelegten Projekts «Chur durchwühlen» entstand 2012 eine Zusammenarbeit mit dem Theater Chur.

Waren die zur Residenz, zur Performance oder Ausstellung geladenen Künstler:innen zu Beginn vor allem in Küblis zu Gast, weitete Trachsel seinen Radius mehr und mehr ins ganze Prättigau aus.

Mit dem 2012 lancierten Projekt «Museum in Bewegung» erklärte er alle 14 Gemeinden des Prättigaus zu Kunstorten, wo professionelle Performer:innen, aber auch Leute aus dem Tal, ortsspezifische Aktionen und Werke aufführten. Das «Museum in Bewegung», das grösste seiner Art, wurde als Mitglied in den Verband der Schweizer Museen aufgenommen.

Einer, der Kunst sät

Die Verbindung von Lebensweise und Werk in einem peripheren Kontext war zentral für das Schaffen Trachsels – und steht auch exemplarisch für unterschiedliche Strategien: Die Entwicklung und Einbindung von externen Netzwerken, das Wirken vor Ort mit den dort vorhandenen Mitteln, ortsspezifisches Arbeiten, agieren ausserhalb der Kunstmarktgesetze, Begegnung mit einem kunstfernen Publikum, Einladungen für Residenzen und nicht zuletzt die Pflege und Behauptung einer – zumindest damals noch – peripheren Kunstform, der Performance, in einem ländlichen Umfeld.

Für Trachsel war immer klar, dass sein Wirken eine Herausforderung für die Talbevölkerung ist. Eine kleine Schar eingeschworener Fans und einige wenige, aber grosszügige Unterstützer:innen, begleiteten zwar die Tätigkeiten der Hasena. Viele beäugten jedoch das seltsame Treiben vor ihren Haustüren eher verwundert bis argwöhnisch.

Etwa wenn Boris Nieslony von Landquart aus mit einem Tisch auf dem Rücken das ganze Tal durchwanderte und auf den Dorfplätzen zum Austausch einlud. Trachsel sagte damals in einem Interview mit der «Südostschweiz»:

«Dadurch, dass wir immer wieder komische Dinge in den Alltag bringen, entstehen eben ungewöhnliche Gedanken. Das hat mit Freiheit zu tun, zumindest aber mit einer gewissen Lust.»

Die Bespielung der kunstfernen Peripherie als Freiraum, musste er sich aber auch erarbeiten. Argwohn sei ihm zwar nie begegnet. «Die Leute sagen eher: Verstehen wir nicht. Und dann sage ich immer: Vergesst doch das Verstehenwollen!»

Widerstände überwinden, das müsse man an einem solchen Ort andauernd. Er sei, so Trachsel, zwar angekommen und akzeptiert worden, aber auch immer der Fremde geblieben. Da sei auch gut so. «Es waren ja immer Fremde, die neue Ideen in die Täler gebracht haben. Als Einheimischer wäre ich wohl mit vielen Projekten gescheitert. So aber bin ich halt der ‘Trachsel’, einer der Kunst sät aus einem gewissen Anderssein heraus.»

Eine Landschaft wird zur Inspiration für viele

Ist das bündnerische Prättigau Peripherie, so ist das Val Müstair die Peripherie der Peripherie. Bereits die Fahrt durch den Schweizerischen Nationalpark und über den Ofenpass ist eine landschaftliche und kulturelle Zäsur. Rund 1500 Einwohner:innen leben in diesem Tal, das sanft Richtung Italien abfällt. Sie sprechen zwar das romanische Idiom Jauer. Das Leben richtet sich aber ebenso stark nach dem angrenzenden Südtirol aus.

In diese Landschaft sind 2012 Vera Malamud und Pascal Lampert gezogen, von Zürich ins Dorf Sta. Maria. Die Malerin und der Performer wohnten zuerst im Dorfkern in einem alten Haus mit Scheune, bevor sie 2016 an der schmalen Strasse zum Umbrailpass ein Wohn- und Atelierhaus erbaut haben, mit je einem Arbeitsraum für sich und einem Gastatelier.

In ihrem Fall ging zumindest ein Traum in Erfüllung, den viele mit einem Leben in der Peripherie verbinden:

Sie fanden an diesem Ort eine Art Konzentration für ihre Arbeit, die sie so in der Stadt nie erlebt hatten.

Das sei für sie beide ausschlaggebend gewesen, um zu bleiben. Und das Val Müstair hielt noch eine weitere Überraschung bereit. «Wir leben hier mittlerweile viel extrovertierter als in Zürich», sagt Vera Malamud. Das habe einerseits mit dem vielen Besuch zu tun, der ihr manchmal auch zu viel werde. «Aber es ist nun einmal so schön hier, und wir kennen mittlerweile so viele Leute, da fährt immer wieder mal jemand vorbei, hält und klingelt.»

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Vera Malamud und Pascal Lampert bei der Performance «karabuki», entworfen vom Schweizer Performance-Duo Porte Rouge.

Bild: Peter Lüem

«Es war eigentlich meine Idee hierher zu ziehen», sagt Vera Malamud. «Wir waren bereits als Kinder hier oben in den Ferien. Meine Eltern hatten ein Haus gemietet und nachher eines gekauft. Ich wollte bereits als kleines Mädchen immer hier her. Jetzt habe ich es halt erst mit Fünfzig gemacht!» – Aber vorerst mal nur probeweise.

«Wir waren zu Beginn wirklich unsicher, ob es funktioniert», erzählt Pascal Lampert. In einer solch schönen Landschaft zu wohnen, sei das eine. Aber hier arbeiten zu können und den Kontakt zur Kunstszene zu halten, wieder eine ganz andere Sache. «Unsere erste Idee war, hier oben zu leben und gleichzeitig ein Atelier in Berlin zu haben.»

Er habe es vorerst noch mit einem Atelier in Zürich versucht. Aber das Hin und Her sei zu kompliziert geworden, und bald wurde klar, dass sie weder Zürich noch Berlin brauchen. «Das war für uns selbst eine grosse Überraschung», so Lampert.

Pascal Lamperts Performance «Punkt für Punkt zur Stadt hinaus», 2014 in Glurns.

Der weitere Grund für den intensiven Austausch ist das Gastatelier, das im selben Gebäudetrakt unter den Ateliers von Vera und Pascal liegt. Dieses ist seit dem Bau fast immer ausgebucht. Auch die kommenden beiden Jahre seien schon belegt.

Eine Residenz erhält man auf eine Bewerbung hin. Zeitlich sei diese im Grunde unbeschränkt, aber in den meisten Fällen sind es ein bis zwei, manchmal drei Monate. Der Ort sei eigentlich offen für alle Sparten, es sei aber naheliegend, dass über ihr Netzwerk vor allem Bildende Künstler:innen und Performer:innen zu Gast sind.

Sie kommen aus der ganzen Welt – und sie kommen oft auch wieder, weil das Tal für sie zu einem Inspirationsort wird.

«Im Moment haben wir eine recht gute Mischung aus Leuten, die zum ersten Mal hier sind und solchen, die wiederkehren», erklärt Vera Malamud. «Und der Austausch ist meistens wertvoll. Die Gäste reflektieren unsere Arbeit und wir die ihrige. Das öffnet immer wieder neue Perspektiven.»

Mit dem Aufenthalt ist für die Künstler:innen keine Verpflichtung verbunden. «Die Leute sollen ohne den Druck hier sein, etwas produzieren zu müssen», sagt Pascal Lampert. «An einem solchen Ort muss man erst einmal ankommen. Es gab schon ein paar Veranstaltungen, aber die sind eher die Ausnahme. Das Duo Porte Rouge zum Beispiel kündete von Beginn weg an, dass sie am Ende des Aufenthalts eine Performance hier im Hof machen werden.»

Die Auseinandersetzung mit den Menschen als Türöffner

Im Gespräch mit Vera und Pascal wird deutlich, dass die Entwicklung eines solchen Lebens- und Arbeitsortes Zeit braucht. 2022 noch antwortete Pascal eher verhalten auf die Frage, wie sich denn das Verhältnis zur Talbevölkerung gestalte. Man lasse sich leben, aber das Interesse an ihrer Arbeit halte sich in Grenzen, sagte er damals achselzuckend. Doch zwei Jahre später hat sich das Blatt gewendet – und zwar über ein ganz spezifisches Projekt.

2022 begannen Pacsal Lampert und Corina Bott von der Naturparkorganisation Biosfera Val Müstair mit dem Oral-Historie-Format «Far reviver il passà / Zeitzeugen».  Sie befragten die Einwohner:innen des Tals nach ihren Erinnerungen und nahmen die Gespräche auf Video auf.

Wie hat man im Val Müstair gearbeitet als vieles noch echte Handarbeit war? Wie wurde Landwirtschaft betrieben? Wie sah das gemeinsame Zusammenleben aus?

Dieses Projekt mit der Bevölkerung sei ein Türöffner gewesen. Die Videos wurden 2024 in der Chasa Jaura präsentiert. Das Talmuseum habe, so Vera Malamud, noch selten so viele einheimische Besucher:innen gezählt.

«Auch dass wir einen Fotografen aus dem italienischen Taufers in die Ausstellung eingebunden haben, trug zu einer Veränderung der Wahrnehmung unserer Arbeit bei», sagt Lampert.

«Nun wissen die Leute, dass wir Kunst und Projekte machen, die sich auch mit ihnen und dem Tal hier auseinandersetzen; und nicht irgendwelche Exotismen, die wir jemanden unterjubeln wollen.»

Die künstlerische Expertise von Vera Malamud und Pascal Lampert ist auch in den kommenden Jahren gefragt. Gemeinsam mit dem Künstler Andreas Frick wurden sie von der Biosfera beauftragt über drei Jahre hinweg das Ausstellungsprojekt «plomer plajer culer» Romanisch für «schichten, falten, fliessen» zu realisieren.

Das Kunst- und Sensibilisierungsprojekt hat zum Ziel, Kulturakteure, Künstler:innen und Wissenschaftler zu verbinden. Acht Kunstschaffende aus der Schweiz und dem Vinschgau werden sich mit dem Wandel von Landschaft und Klima auseinandersetzen und die Spuren der Zeit in ihren Werken sichtbar machen. Welche Formate in den drei Jahren genau entstehen werden, sei Teil des Prozesses, so Lampert

Ist Kultur der Schnee von morgen?

Dass eine tourismusnahe Parkorganisation sich auf einen solch gross angelegten künstlerischen Prozess mit offenem Ausgang einlässt, ist in Graubünden, und wohl im gesamten Alpenraum, relativ neu. Aber auch in den Bergen wird das Klima heiss und heisser – und bringt das Konzept der Aprés-Ski-Kulturveranstaltung langsam aber sicher zum Schmelzen. Das ist bereits den meisten klar.

Graubünden investiert deshalb innerhalb eines Regionalentwicklungsprojekts in das Zusammenspiel von Kultur und Tourismus. Das 2023 lancierte Format «Graubünden Cultura» hat sich zum Ziel gesetzt, die Region als führende Destination in Sachen Kulturtourismus in den Alpen zu positionieren. Dabei setzt der Verein, zusammengesetzt aus Vertretern des Tourismus und der Tourismus- und Kulturforschung, gezielt auf die Entwicklung neuer, zukunftsträchtiger Formate.

Leben in der Peripherie der Berge ist – zumindest hierzulande – eben auch ein Leben inmitten eines globalisierten Tourismus. Dass künstlerische Strategien für dessen Zukunft herangezogen werden, lässt aufhorchen.

Auch wenn Pascal Lampert diese Entwicklung vorerst eher kritisch sieht: «Natürlich ist der touristische Impact hier auch ein Thema. Aber ich habe bei diesem Zusammenspiel von Kultur und Tourismus auch meine Zweifel. Künstler und Touristiker sprechen eine ganz andere Sprache. Der Slogan, den nun alle im Munde führen, Kultur sei der Schnee von morgen, das ist doch Blödsinn. Ich möchte mich von solchen Sachen nicht vereinnahmen lassen, bin aber gleichzeitig sehr offen. Wichtig ist, dass wir auf Augenhöhe miteinander reden können.»

Weggezogen, um heimzukehren

«Buatsch» heisst auf Rumantsch Sursilvan Kuhfladen. Es ist aber seit 2019 auch der Name eines Kunst- und Kulturfestivals in Tersnaus. In dem Dörfchen am linken Eingang zum Val Lumnezia leben noch 35 Einwohner. Einer von ihnen ist der 32- jährige Künstler und Musiker Leander Albin.

Er ist hier aufgewachsen und wollte dann vor allem eines – weg. Er liess sich in Samedan zum Schreiner ausbilden, zog dann nach Bern zum Studium, absolvierte die gestalterische BMS und Pädagogische Hochschule.

Immer mit dabei auf dieser Wanderschaft: seine Instrumente, die Klarinette und die E-Gitarre. Erstere habe er bei einem Ländlermusiker spielen gelernt. Mit der zweiten schrammte er in einer Teenie-Band mit. Eine weitere Begleiterin in seinen Wanderjahren war die Kunst. Aber erst in Bern fand er ein Umfeld, das mit ihm dieses Interesse teilte.

Mittlerweile ist Leander Albin wieder in sein Heimatdorf zurückgekehrt – und hat unterschiedliche Projekte initiiert. Etwa das bereits genannte Kulturfestival «Buatsch», das seit 2019 bereits viermal über die Bühne ging.

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«Landmaschinentheater» am Buatsch Festival im Juli 2022 in Tersnaus.

Bild: Avi Sliman

Mit der Theaterkünstlerin, Autorin und Älplerin Jelena Moser entwickelte er das Format «Ei vergnan a secalmar», ein «Landmaschinentheater», bei dem von Bauern ausgeliehene Geräte und Fahrzeuge die Hauptrolle spielen. Ein Format das Kunst und Landwirtschaft und seine Protagonist:innen in eine neue Form des Austausches bringt.

Mit der Autor*in und Performer*m Asa S. Hendry und der Theaterschaffenden Rosa Rotach bildet er die Gruppe Pop-up Mountain Company. Ihre Produktionen thematisieren Identität, Sexualität, Beziehung und Aufbruch – jeweils gespiegelt im Umfeld der Bergwelt.

Mit dem Projekt «Residenza» bringen Albin und Aline Schoch Kunstschaffende aus ganz Europa ins Val Lumnezia.
Und last but not least macht Leander Albin immer noch Musik, in seiner eigenen Formation oder als Theatermusiker und Performer.

Der Traum vom besseren Leben

Wieso aber hat er sich entschieden, wieder in sein Heimatdorf zurückzukehren? «Bereits als ich wegzog, dachte ich, aus diesem Dorf könnte man noch viel mehr machen», erzählt er. «All die leerstehenden Häuser, das Brachliegende, ein Dorf mit 35 Einwohnern, ohne Schule, Beiz und Laden. All das birgt ein grosses Potential.»

Albin ist ein Kind der Klima-Generation. Nicht verwunderlich, wenn er sagt:

«In meinem Umfeld gab es immer mehr Menschen, die den Traum hatten, aufs Land zu ziehen, in den Bergen zu leben. Aber dies nicht alleine. Daraus entwickelte sich die Idee, etwas zusammen auf die Beine zu stellen.»

2018 entstand aus dieser kollektiven Sehnsucht nach einem besseren Leben, die «Bergstatt – Bewegung für ein solidarisches und nachhaltiges Leben in den Bergen».

Im Konzeptpapier dazu heisst es: «Wir alle möchten uns für ein solidarisches Zusammenleben und für eine nachhaltige Lebensweise engagieren – und wir haben Lust, dies im Berggebiet oder in Verbindung mit dem Berggebiet zu tun. Dazu braucht es einen Austausch; es braucht Inspirationen von der Stadt in die Berge und umgekehrt. Es gibt Fertigkeiten zu erlernen, Wissen zu erwerben und Netzwerke zu knüpfen, dass im Berggebiet eine neue Lebendigkeit wachsen kann.»

Aus dieser Idee heraus entstand ein Format jährlich stattfindender Retraiten. Mitstreiter:innen aus seiner Generation luden Menschen mit unterschiedlichem Erfahrungshorizont zum Austausch. Die Themen: «Eine WG im Dorf – Berge als Lebensort», «Kunst auf dem Land», «Gemeinschaftliches Wirtschaften», «Kreisläufe im Bergdorf» oder «Wohnraumpolitik in den Bergen».

«Am Anfang war das mehr ein Träumen, eine Vision.» sagt Albin.

«Es ging dabei immer auch um eine Reflexion darüber, was wir da genau tun. Was bedeutet es für uns, aber auch für die Menschen an solchen peripheren Orten, wenn wir dort zu leben beginnen.»

Teilnehmende seien zwar auch Leute aus der Kulturszene gewesen. Die meisten seien aber aus der Landwirtschaft gekommen – oder haben Interesse an der Landwirtschaft mitgebracht. Älpler:innen, die auch Gemeinderät:innen waren, Künstler:innen, junge Landwirte, Theaterpädagogen, Videofilmer und Produktionsleiter:innen. «Eigentlich war es eine wild durchmischte Truppe», sagt Albin im Rückblick.

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Leander Albin, Asa Hendry und Rosanna Rotach.

Bild: Mayk Wendt

«Grundsätzlich gab diese Initiative den Beteiligten Kraft und Energie, um ihre jeweiligen Projekte anzugehen», so Albin. Einige machten sich auf ins Tessin oder ins Berner Oberland. Gleichzeitig entstanden in der Region der Val Lumnezia weitere Initiativen. Etwa das Residenz- und Atelierhaus in Versam oder das Kultur-, Gast- und Residenzhaus «Bündner Rigi».

«Buatsch», das Festival in Tersnaus war von Beginn weg auf den Austausch zwischen Talbevölkerung und Initiant:innen ausgelegt, auf der Verbindung von Landwirtschaft und urbanem Leben, auf das Zusammentreffen von Dorfkultur und zeitgenössischem Kulturschaffen.

«Mittlerweile kommen immer mehr Menschen aus dem Tal. Die staunen dann, wenn sie unsere Awareness-Konzepte lesen. So hat das Ganze schon auch eine politische Komponente»

erzählt Albin. Aber es nehmen eben auch Menschen aus dem Dorf Teil, verkaufen handgestrickte Socken oder Kristalle.

Das Residenzprogramm ist mittlerweile vom alten Schulhaus in Tersnaus, wo zwei Wohnungen zur Verfügung standen, in ein altes Klosterhaus bei Rumein gezogen, wo dem Projekt 14 Ateliers und ein Veranstaltungssaal für jeweils einen Monat im Jahr zur Verfügung stehen.

Spartenübergreifend werden Künstler:innen aus allen Weltregionen ins Val Lumnezia geladen, dort mit der Kulturszene vernetzt und ihr Schaffen mit einzelnen Veranstaltungen der Talbevölkerung näher gebracht.

Durchzug schaffen für die eigene Kreativität

2019 ist Leander Albin nach Ternsaus zurückgekehrt. Er wohnt immer noch dort, hat mittlerweile aber auch ein Atelier in Chur, in den Gemeinschaftsräumen von «Raumstelle Chur». Nachdem er die genannten Projekte mitentwickelt hat und zwei Jahre als Lehrer eine auf dem Land recht öffentliche Position eingenommen hatte, habe er diese räumliche Distanz gebraucht.

«Ich habe gemerkt, ich muss aufpassen, dass mich diese traditionellen Strukturen hier oben nicht absorbieren. Ich fühlte mich schnell mal eingeengt. Man lebt ja nicht alleine. Man hat Arbeit, tauscht sich aus, nimmt am Leben der anderen teil. Bald stellt sich die Frage: Muss ich gewisse Lebensrealitäten einfach akzeptieren? Wohne ich einfach hier – oder beginne ich mich mehr zu engagieren?»

In die Politik zu gehen, wäre ein nächster Schritt. Er wurde auch schon dafür angefragt. «Das wäre im Grunde schon interessant», sagt Albin. «Gerade wenn man zum Teil im Clinch liegt mit der Gemeinde oder die Kommunikation nicht rund läuft. Sich politisch zu engagieren, wäre schon ein nächster Schritt, um etwas bewirken zu können.»

Er sieht aber auch, wie die künstlerischen Formate beginnen, Wirkung zu zeigen. Die alteingesessene Kulturszene in der Surselva begrüsse den frischen Wind, den seine Generation ins Tal bringt. Albin ist mittlerweile aber auch bewusst, dass solche Prozesse Zeit brauchen.

 

Das Buatsch Festival, 2024 in Tersnaus.

Das Buatsch Festival, 2024 in Tersnaus.

Bild: Korbinian Perl

«Mein Vorteil ist, dass ich hier aufgewachsen bin und dass ich weiss, wie die Menschen hier ticken. Man muss auch manchmal Kompromisse eingehen, gerade wenn man etwas erreichen will. Auf keinen Fall sollte man den Menschen hier missionarisch begegnen. Oft sind sie ja auch einfach da, weil sie die Ruhe hier oben geniessen. Die wollen vielleicht gar kein sehr belebtes oder neu belebtes Dorf.»

Mittlerweile interpretiert er seine Rückkehr nicht mehr so eng. Er müsse nicht immer im Dorf sein, sondern sieht Tersnaus eher als Angelpunkt. «Ich möchte mich auch nicht auf diesen Ort versteifen oder mir beweisen müssen, dass das jetzt alles funktioniert. Das Ganze muss sich bewegen können. Ich möchte kein engstirniger Bergler werden. Oder ein verbitterter Oppositioneller.»


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