Ralph Tharayil nach dem Gespräch im Café Dorle in Berlin Kreuzberg.
Bild: Dilbahar Askari
Theater und Literatur
Ralph Tharayil: «Ich zweifle an diesem Alleinig-Sein»
Der Autor Ralph Tharayil schreibt Theatertexte, die sich einem Grundgefühl unserer Zeit stellen: Wie lässt sich die Gegenwart greifen, wenn es doch unzählige mögliche Perspektiven gibt? Unsere Autorin hat sich sein Stück «Mogli oder this is not the way to the waterfalls (wirklich nicht» an den Bühnen Bern angeschaut und den Autor in Berlin zu einem Gespräch getroffen: über Hauptstadt-Kulturpolitik, Ohnmacht, Angst, Einsamkeit und Mut beim Schreiben.
Bern/Berlin, 26.05.2026
Der bei Basel aufgewachsene Schriftsteller Ralph Tharayil hat 2023 sein vielbeachtetes Debüt «Nimm die Alpen weg» veröffentlicht, das 2024 auch in der Regie von Marin Blülle für die Bühne adaptiert wurde.
Im Rahmen seiner Hausautorenschaft an den Bühnen Bern setzte er sich in der Spielzeit 24/25 kritisch mit Rudyard Kiplings beliebten, bei genauem Hinlesen aber zutiefst kolonial geprägten «Dschungelbüchern» auseinander.
Das entstandene Stück «Mogli oder this is not the way to the waterfalls (wirklich nicht)» hatte in der Inszenierung von Miriam Imbrahim diesen Januar in den Vidmarhallen Premiere. Mit der Regisseurin verbindet Ralph Tharayil seither eine künstlerische Kollaboration: Ihr nächster gemeinsam entwickelter Theaterabend «I. Grief. Different. Ein Trauerfest» eröffnet am 18. September die Spielzeit am Theater Bremen.
Die Autorin hat sich die vorletzte Vorführung von «Mogli oder this is not the way to the waterfalls (wirklich nicht)» angesehen und Ralph Tharayil in Berlin, wo er seit 10 Jahren lebt, zum Gespräch getroffen.
Ein rastloser Text
Wie lässt sich die Gegenwart greifen, wenn es doch unzählige mögliche Perspektiven gibt? Wie erzählen, wenn Sprache selbst historisch und ideologisch durchdrungen ist, uns ständig auf falsche Fährten schickt?
Diese Fragen scheint sich Tharayils Theatertext zu widmen, der sich in eine Art Schwindel hineinschraubt:
Obwohl die Inszenierung von «Mogli oder this is not the way to the waterfalls (wirklich nicht)» in den Vidmarhallen in Bern noch unter einem zirpenden grünen Blätterdach und mit der vermeintlich verlässlichen Formel «Es war einmal ein Wald» beginnt, bleibt darin nichts an Ort und Stelle: Mogli, der Junge, der, von Wölfen grossgezogen, in Kiplings Fassung in der Wirrnis des Dschungels zu seinem «Mensch-Sein» zurückfinden muss, ist nur ein einzelner Strang im Knäul dieses rastlosen Textes.
«Mogli oder this way is not the way to the waterfall (wirklich nicht)» von Ralph Tharayil feierte an den Bühnen Bern Premiere.
«Der Dschungel hat eigene Gesetze, sprunghafte, flatternde Gesetze», heisst es, bevor der Text schon wieder weiter springt, hüpft, flattert:
Ständig verschiebt sich der Fokus, tauchen neue Erzählfragmente, neue Stimmen auf: Werner Herzog, der am Set von «Fitzcarraldo» über den Fluch der tropischen Landschaft fabuliert, Mata Hari oder aber Tantalos, ein «griechischer Rohstoffmagnat». Kiplings Wölfe kippen kurzfristig in die Gegenwart: werden zu «Grauen Wölfen» mit «Baseballschlägern und Butterfly-Messern», zu Vertretern einer nationalistischen Logik der «Schläge und Hiebe», einer dringend zu «unlearnenden Hassstruktur».
Das dreiköpfige Ensemble spricht sich synchron oder sich ergänzend durch die Assoziationsketten, als vielbeinige Erzählspinne «Bagheera kiplingi» sucht es immer wieder nach dem Überblick, setzt zu erzählen an, verhaspelt, korrigiert sich, beginnt von vorne.
Hin und wieder steigt aus dem Textdickicht ein leuchtender Satz auf, den man notieren, an dem man sich festhalten möchte:
«Wenn man sich selbst sein muss, ist die Sinnkrise nicht weit».
Oder, leiser, poetischer: «Diese Haut, die dir nicht, mir nicht gehört.»
Unweit vom Kottbusser Tor
Drei Wochen später fahre ich in Berlin mit der U8 nach Kreuzberg, um Ralph Tharayil zu einem Kaffee zu treffen. Es ist der 4. Mai, die Spuren der hier traditionell üppig ausfallenden 1. Mai-Demonstrationen sind schon grösstenteils beseitigt worden, ich steige am Kottbusser Tor aus, hinein in das übliche Wimmelbild: Graue Wohntürme, Imbissbuden, Blumenläden, dröhnender Kreisverkehr.
Das Handy lotst mich am Trubel vorbei, zum Café Dorle am ruhigeren Rio-Reiser-Platz. Das «Dorle» befindet sich in einem grossen terracottafarbenen Eckhaus, auf den Bänken unter der grünen, ausgefahrenen Markise, die Segelschiffstimmung verbreitet, ein Kreuzberger Leute-Gemisch, selbstgedrehte Zigaretten, Kaffee, Bier, ein einzelner, in sich gekehrter, graubärtiger Urberliner.
Drinnen ist es fast leer. Drei Leute tippen auf einer den Raum überblickenden Empore stoisch in ihre Laptops, eine ältere Person ist leuchtstiftig sinnierend in einen über den Tisch gebreiteten Text vertieft, vom Tresen her beruhigendes dickbauchiges Geklimper, Musik.
1. Mai 2026 in Berlin: Der Demonstrationszug «Revolutionärer 1. Mai - Freiheit. Frieden. Solidarität.» zieht über die Oranienburger Strasse in Kreuzberg.
Bild: Fabian Sommer/ Keystone/dpa
Ralph Tharayil, weist, die Sonnenbrille noch vom sommerlichen Wochenende her im Haar, durchs Fenster nach draussen: «Wie ruhig es hier ist heute, vor vier Tagen war die Strasse randvoll, wegen der Partymeute kamen wir mit der Demo kein Stück mehr weiter.»
Und dann, bevor es um seinen Theatertext, um Literatur, ums Schreiben im Allgemeinen geht, geht es erstmal um Berlin.
Die Kieze, die Mietpreise, die Konflikte, die diese Stadt prägen.
Tharayil kommt auf die Polizeigewalt im Kontext der Pro-Palästina-Demos, die angespannte politische Gegenwart im Allgemeinen zu sprechen:
«Dass wir uns einschreiben in die Geschichte und die Geschichte sich einschreibt in uns, das habe ich noch nie so direkt erlebt wie hier in den letzten zweieinhalb Jahren in Berlin», sagt er.
Ich muss an seinen Theatertext denken: Die Logik der Hiebe und Schläge, die dringend zu unlearnende Hassstruktur.
Ralph Tharayil erklärt, das Berliner Kulturleben sei längst nicht mehr so offen, wie es vorgebe, zu sein. «Diese Offenheit gilt nur, solange inhaltlich nicht an das Selbstbild des deutschen Staates und an die Grundfeste der deutschen Erinnerungskultur gerührt wird.»
Diese Diskursbegrenzung hätten Kulturschaffende in aller Drastik zu spüren bekommen. Natürlich wirke sich dies auf sein künstlerisches Schaffen aus. Wie alle stelle er sich Fragen, hinsichtlich der eigenen Rolle im Ganzen, der Positionierung und Relevanz der eigenen Arbeit.
Tharayil sagt: «Ich habe in dieser Lage Mühe, zu schreiben.»
Gelingt es ihm, sich manchmal aus der akuten Gegenwart zurückzuziehen? Braucht er das für seine Arbeit nicht auch?
Die tägliche Herausforderung
«Ich zweifle immer mehr an diesem Alleinig-Sein, an der Vorstellung des Rückzugs, die der Literatur anhaftet», erwidert Tharayil. Er achte viel mehr als früher darauf, in Dialogen zu bleiben. «Die Idee, dass ich allein mit meinem Schreiben dem Weltzustand gerecht werden soll, das funktioniert für mich nicht. Das schaff ich nicht», sagt er.
«Das, was alles gleichzeitig passiert, hier in Berlin und überall sonst – diese Synchronität ist überfordernd, es ist anstrengend, das alles ineinander zu integrieren, sich überhaupt zu verorten in seiner körperlichen Präsenz, sich zu verorten in jeglichem Koordinatensystem: politisch, ästhetisch, geographisch. Das ist eine tägliche Aufgabe.»
Gleichzeitig habe das Gefühl, sich mittendrin im Geschehen zu befinden, auch durchaus etwas Reizvolles, ergänzt Tharayil.
«In der Schweiz passiert einem das nicht so leicht.»
Das Gespräch springt weiter:
Die verinnerlichte Verwertungslogik, der Elevator Pitch, Maschinen, die inzwischen für uns denken, schreiben.
Angst ist kein Privatbesitz
Ich lese Ralph Tharayil einen Satz aus Heike Geisslers literarischem Essay «Arbeiten» vor:
«Die Hauptarbeit, die ich verrichte, ist es, mich aus den Angstgebinden der Welt zu locken, zu schneiden. Und die Hauptarbeit ist es mutig zu sein, es zu werden oder zu bleiben.»
«Hm», sagt er, «das ist schön». Er seufzt. «Ich glaube Angst und die Vereinzelung sind so mega Themen in der Literatur, viel mehr als in anderen Kunstgattungen.»
Er überlegt einen Moment. «Vielleicht ist das ja das Kollektive in der Literatur: Dass sie zeigen kann, dass die eigene Angst kein Privatbesitz ist.»
Wir verlassen das Café und biegen in eine Seitenstrasse ab, auf der Suche nach einem geeigneten Ort für ein Foto. Ich halte Ausschau nach einem ruhigen Hintergrund.
«Den findest du in dieser Ecke von Kreuzberg nicht», sagt Ralph Tharayil, lacht. Er stellt sich an die nächste Kreuzung, ich knipse, er zeigt mir ein Foto auf seinem Handy: Dieselbe Strasse voller Leute, Fahnen, Transparente der Antifa, über den Köpfen rotes Glimmen, als wäre ein Meteorit eingeschlagen.
«Da vorne hat’s gebrannt», erklärt er. Dann verabschiedet er sich freundlich. Ich schlage den Weg Richtung Kotti ein, schweife mit dem Blick über einen zugetaggten Hauseingang: oh welt, steht da in schnörkeliger Schrift.
Ralph Tharayil ist im Rahmen der lyrischen Diskurs-Reihe «Die Wann» am 28. Mai zum Thema «ICH, ICH, ICH. Identität, Persönlichkeit und Perspektivität im Gedicht» im Literaturhaus Basel zu erleben.
«Nimm die Alpen weg» (2023,Volant & Quist) erscheint 2027 unter dem Titel «Roll Back the Mountains» auf Englisch bei Seagull Books (London/Kolkata, Übersetzung Jon Cho-Polizzi).