Die Kunstfigur Hulda Zwingli mischt seit einigen Jahren die Geschlechter- und Machtverhältnisse im Kunstbetrieb auf.
Bild: Hulda Zwingli
Kunst
Hulda Zwingli: Warum machst Du ein Buch?
Sie ist in nur ein paar Jahren zu einer viel beachteten und wirkungsvollen Kämpferin für Geschlechtergerechtigkeit in der Kunstwelt geworden: die Kunstfigur Hulda Zwingli. Wir haben uns mit ihr über ihr erstes Buch, ihre Erfolge und Misserfolge unterhalten, schriftlich und anonym.
Zürich, 29.05.2026
Liebe Hulda Zwingli,
Ich beginne nun unser Ping-Pong. Der Ablauf ist einfach: Wir spielen uns über die – sagen wir mal – nächsten acht bis zehn Tage in lockerer Folge Fragen und Antworten zu.
Also: Erstmal Gratulation zum schönen Buch. Ich durfte ja bereits das PDF lesen und anschauen. Die Publikation zeigt Dein bisheriges Werk sehr schön, ordnet Dich ein, kunsthistorisch, gesellschaftlich. Hast Du keine Angst, Deine anarchische Freiheit zu verlieren, so verewigt zwischen Buchdeckeln?
Lieber Mathias
Danke für das Kompliment, das Hulda auch gerne an die Buchgestalterinnen weitergibt.
Hier Huldas Antwort:
Im Gegenteil, das Buch ist eine Erweiterung! Zwischen glitzernden Buchdeckeln schleicht sich Hulda in Wohnzimmer und Amtsstuben. Die Seiten des Buches sind perforiert. Alle können Hulda Zwingli an die Wand hängen oder mit den Inhalten eine eigene Ausstellung gestalten. Merchandising ist ein potentes Mittel im Wahlkampf. #huldaforpresident
Herzlich Hulda
Ich wünsche Dir ja von Herzen, dass das mit dem Wahlkampf klappt und Du es schaffst. Vovon wärst Du dann die Präsidentin?
Es geht um Repräsentation und Mitbestimmung, weniger um ein konkretes Amt. Lange befasste sich Hulda vor allem mit dem Ungleichgewicht der Geschlechter in der sich avantgardistisch gebärdenden Kunstwelt, und nun spitzt sich die Situation in der Weltpolitik zu. Am langen Tisch der mächtigsten Delegationen der Welt sassen bei einem kürzlichen Gipfeltreffen ausschliesslich Männer.
In unserer Weltgegend haben wir die Möglichkeit zu wählen, abzustimmen und uns zu äussern. Nehmen wir die Verantwortung wahr!
Ja, das sollten wir unbedingt. Es ist ungut, dass die Geschicke der Welt in den Händen einiger älterer Herren liegen – auch wenn ich selbst bald eine solcher bin. Dass Du den Fokus Deines Engagments über die Kunstwelt ausweitest, passt zu einer Stelle im Buch. Da heisst es: «Hulda arbeitet nicht nur als Künstlerin, sondern als Aktivistin, Organisatorin und Netzwerkerin, die eine Vielzahl von Kämpfen gleichzeitig führt. Man kann nur hoffen, dass sich Huldas Gangsystem weiter ausbreitet und ihre maulwurfartige Wühlarbeit neue Verbindungen und Netzwerke schafft.»
#huldawho, oder: Wer ist Hulda Zwingli?
Während der Pandemie tauchte auf Instagram eine rätselhafte Figur auf: Hulda Zwingli. Hinter ihr steht eine anonyme Gruppe von Akteurinnen, die eine pseudohistorische, körperlose Kunstfigur erschufen, um Machtverhältnisse und Geschlechterungleichgewicht in der Kunstwelt sichtbar zu machen. Mittlerweile hat Hulda Zwingli internationale Reichweite erlangt und mischt die Schweizer Kunstszene weiterhin auf. Ihr Schaffen wird nun in einer Publikation aufgearbeitet.
Das Buch erscheint bei der Edition Clandestin
Veranstaltungen
bis Kunst im öffentlichen Raum
Zürich
bis Ausstellung
Musée Visionnaire , Zürich
Ich geh davon aus, dass nicht alle unsere Leser:innen Dich bereits kennen. Der Maulwurf scheint eine wichtige Rolle in Deiner Strategie zu spielen. Warum gerade ein fast blindes Tier? Du bist ja alles andere als Blind – oder trägst zumindest eine gute Brille.
Ursprünglich waren viele von uns blind.
Es fiel den meisten nicht auf, wie gross die Ungleichgewichte sind, auch bei der Möblierung des öffentlichen Raums mit Kunst, Brunnen und Denkmälern. Erst die Digitalisierung von Sammlungsbeständen und Ausstellungslisten, deren Zugänglichkeit im Internet und der damit verbundene geschärfte Blick machten das Ausmass sichtbar.
Die Kunstfigur Hulda Zwingli setzt sich aus Hulda und Zwingli zusammen, bediente sich beim Zürcher Reformator Huldrych Zwingli und der legendären Wirtin der Kronenhalle und Kunstsammlerin Hulda Zumsteg. Wikipedia meint, Hulda sei der hebräische Begriff für Maulwurf oder Wiesel, was beides passt. Laut dem Text von Irina Danieli im Buch geht der Begriff auch auf Wurzel zurück. Hulda wühlt sich durch die Untergründe der Kunstwelt und vernetzt sich rhizomatisch, dies tagesaktuell und flink auf Instagram.
Ebenda, auf Instagram, hast Du Dein Hauptmedium gefunden, wirst sogar als Influencerin betitelt, obwohl man das – so glaub ich – erst ab Follower:innen im sechsstelligen Bereich wäre. Trotzdem: Dein Insistieren in diesem Medium hat Wirkung gezeigt. Nun hat es aber mittlerweile auch nicht mehr den tollsten Ruf, dieses von AI-Posts geschwemmte Insta. Machst Du nun deswegen ein Buch?
Instagram bewährte sich als niederschwelliger, virtueller und interaktiver Ausstellungsraum. 2020 sassen alle zu Hause an ihren Geräten. Die Verantwortlichen der Kunstwelt hingen an Huldas Lippen. Die Followerschaft ist klein, fein und immer noch tragfähig. Sie ist ein Multiplikator, versorgt Hulda mit vielfältigen Informationen, und die Medienleute darunter berichten und liefern sogar Inhalte. Hulda wurde per Direktnachricht für Lesungen, Talks, Videos, u.a. für das Kunstmuseum Basel, und für eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich 2023/24 angefragt.
Hulda Zwinglis Ausstellung innerhalb der Reihe ReCollect! im Kunsthaus Zürich, 2023/24
Hulda führte KI in frühen Experimenten ad absurdum, als diese zum Beispiel aus der fiktiven Figur eine reale historische machte, die ihrem Mann Huldrych Zwingli bei seinen Schriften half und an der Pest starb.
Nun ist das soziale Medium aber unsicher und nicht sympathischer geworden. Hulda kann nicht abschätzen, wann die Inhalte bachab gehen oder die Plattform Hulda zur Flucht zwingt.
Vielleicht wird Hulda durch das Buch vor dem Scheiterhaufen gerettet.
In diesem Sinne markiert das Buch sicher eine Etappe auf einem langen Weg. Du hast viel erreicht, Öffentlichkeit für das Fehlen oder die Unsichtbarkeit von Künstler:innen im Kunstbetrieb geschaffen.
Mittlerweile sehen wir gefühlt in jedem Museum Ausstellungen von – oft älteren oder bereits verstorbenen – Künstlerinnen, die nun als Pionierinnen dargestellt werden, wie aktuell etwa Marisol in Zürich, Helen Frankenthaler in Basel oder Eleanor Antin in Vaduz. In diesem Sinne sind wir Deinem Ziel, Geschlechtergerechtigkeit in der Kunst, doch ein Stück näher gekommen. Oder wie siehst Du das?
Hulda wirkt! Der Erfolg ist nicht nur Hulda zu verdanken, es gab unzählige Vorreiterinnen. Der Echoraum der sozialen Medien hat wohl die Entwicklung beschleunigt. Die Kunstwelt bewegt sich in eine gute Richtung, aber wir müssen aufmerksam bleiben. Es braucht neben zeitgenössischen Positionen eine Aufarbeitung der blinden Flecken. Ohne weibliche Geschichte fehlt der Hälfte der Menschheit ein kulturelles Fundament.
In den letzten Jahren wurden unzählige vergessene oder bewusst verdrängte Künstlerinnen aufgespürt, aber Institutionen beklagen, keine Mittel dafür zu haben. Sehr viel Geld fliesst immer noch in Provenienzforschung für von Männern gesammelte männliche Kunst. Hulda findet nicht, dass diese Aufarbeitung überflüssig ist, aber schärft den Blick für das Ungleichgewicht.
Ansicht aus dem eben erschienenen Buch «#huldawho, oder: Wer ist Hulda Zwingli?»
Die Verschränkung von Kunstwelt und Markt samt Privatsammlern, die teilweise Institutionen als Durchlauferhitzer benutzen, wie es sogar die NZZ bezeichnete, sind mit Bedingungen für öffentliches Geld in Schach zu halten. Der Genderpaygap ist nach wie vor gross, je nach Segment sogar riesig. Museen müssen ihren Bestimmungszweck überdenken und sich unabhängiger machen, was hoffentlich auch zu interessanten Programmen führt, wenn nicht alle nur dieselben sieben Malerfürsten zeigen.
Es ist zu hoffen, dass die Entwicklung auch ein allgemeines Bewusstsein schafft, wobei Hulda die Weltpolitik nicht allein zu ändern vermag.
Wäre denn die Quote – also per Dekret immer gleich viele Vertreter aller Geschlechter – eine Lösung?
Hulda stellte fest, dass sie sich ohne Zählung selbst oft in den Verhältnissen irrt. Zählungen sind daher wichtig.
Pipilotti Rist forderte eine Quote.
Zusätzlich verlangt Hulda ein Genderbudgeting in Institutionen. Die Regeln müssen nicht starr sein und können auch über längere Zeiträume gedacht werden. Bisher waren öffentliche Gelder oft nicht an Bedingungen geknüpft. Aber wir haben den Gleichstellungsartikel in der Verfassung. Dem sind wir verpflichtet. #representationmatters
Und wie reagieren die Institutionen auf diese Forderung?
Nehmen wir an, die Forderung wird inzwischen flächendeckend gehört. Einige Institutionen haben bereits positiv reagiert und sich verändert. Huldas Pseudonym ist erstaunlich mächtig.
Es gibt aber auch schnoddrige abweisende Stimmen. Hulda und ihre Gefolgschaft werden weiter aufmerksam bleiben, zumal der Genderpaygap in Deutschland in Kunst und Kultur je nach Quelle zwischen 16% und 30% beziffert wird. In der Schweiz dürften die Verhältnisse ähnlich sein. Am anderen Ende klafft der internationale Auktionsmarkt extrem, was sich über Privatsammler auch auf Museen auswirkt. Das Volumen von Künstlerinnen liegt dort immer noch im einstelligen Prozentbereich.
Da gibt es also noch sehr viel zu tun, obwohl sich doch einiges in Bewegung gesetzt hat. In diesem Sinne dürfen wir das Buch als kleinen Meilenstein auf einem langen Weg bezeichnen. Ich freue mich darauf, das Werk in den Händen zu halten und danke Dir herzlich für diesen Austausch. Nur eine letzte Frage noch: Wie erhalte ich eine der Hulda-Brillen? Ich möchte in Zukunft an ihren scharfsinnigen Blick erinnert sein.
Die Brille aus dem Kunsthaus ging an die Sammlung der Zentralbibliothek Zürich über.
Hulda lebt aber nicht nur von Luft und Liebe. Es gibt zusätzlich eine Auflage von drei Stück, die über eine Galerie zu erwerben sind.
Für die Buchvernissage an der Buchmesse I never read in Basel produzieren wir einen Huldafächer mit Brille in hoher Auflage, weil es zur Zeit der Art Basel immer so heiss ist. Er kann auch vor das Gesicht gehalten werden. Zusätzlich gibt es eine Brillen-Postkarte. Beides wird am Stand der Edition Clandestin erhältlich sein. Als Siebdruck gibt es Hulda samt Brille in verschiedenen Varianten und Grössen. Die Seiten des Buchs Hulda Zwingli sind perforiert, und alle können sich Hulda samt Brille vielfach an die Wand pflastern. Der Wahlkampf ist gut vorbereitet.
In diesem Fall: Auf nach Basel! Wir werden mit unserer Edition und unserem neuen Magazin auch dort sein.
Ansicht aus dem eben erschienenen Buch «#huldawho, oder: Wer ist Hulda Zwingli?»