Thomas Spielmann lässt in Davos die Farben tanzen.

Thomas Spielmann lässt in Davos die Farben tanzen.

Bild: Mathias Balzer

Porträt

Thomas Spielmann zeigt Flagge

Das Kulturprojekt «Heitere Fahne» in Davos bringt hundert Farben in die Alpenstadt. Ein Spaziergang mit ihrem Erfinder Thomas Spielmann wird zum Gespräch über den Ort, die Kraft von Fahnen und mehrdimensionale Biografien.

Von Mathias Balzer

Davos, 24.09.2026

11 min

Davos liegt an diesem Spätsommernachmittag unter einer grauen Wolkendecke. Der kühle Wind hat die heisse Luft der vergangenen Wochen weggeblasen. Thomas Spielmann erwartet mich am Bahnhof.

Eine auffällig gross gewachsene Gestalt in Turnschuhen, Jeans und blauem Kordsako. Weisser Bart und weisse Haare, die hinter der Schildmütze in den Nacken fallen. Eine kräftige schwarze Brille, durch die ein freundlicher, zugewandter Blick geht.

Er freut sich sichtlich über den Besuch. Wir fahren mit seinem E-Mercedes hinter das Kongresshaus, gehen durch eine Galerie aus Tourismusplakaten und landen auf der Promenade.

Thomas Spielmann und ich haben uns zum Spaziergang verabredet. Winkend und kurz innehaltend grüsst er da und dort Bekannte. Er lebt seit 40 Jahren in Davos und er tue dies immer noch gerne. Seine Praxis als Kieferorthopäde hat er 2018 aufgelöst – sein Domizil mit seiner Ehefrau hier oben jedoch behalten.

Flanierend reden wir uns langsam warm. Und schnell wird mir klar: Mit diesem Mann könnte ich Gespräche über viele Themen führen. Etwa darüber, wie er, der sich lange Jahre in touristischen Gremien engagiert hat, sich über den neuen Claim eines so kulturträchtigen Ortes ärgern kann: «Sports unlimited».

Oder wir könnten über das Kirchner Museum sprechen, dessen Stiftungsratspräsident er war.

Darüber, dass die Davoser Stimmbevölkerung 2024 ein finanzielles Engagement zum Erweiterungsbau für die renommierte Sammlung Ulmberg abgeschmettert hat.

Und darüber, wie es dazu kam, dass die Sammlung nun ans Bündner Kunstmuseum kommt.

Spielmann könnte auch ausführlich über das WEF als Klumpenrisiko für Davos diskutieren, dass Davos nicht darum herumkomme, sich damit auseinanderzusetzen. Oder darüber erzählen, wie er sich gegen den Bau einer Migros Filiale im Park neben dem Kirchner Museum engagiert hat. Überhaupt wäre «Engagement» ein Thema bei diesem Mann, der als Präsident des Bündner Kunstvereins wohl viel über die Kulturpolitik im Kanton zu erzählen hätte.

Oder ich könnte hier ausführlich über den Kunstsammler Thomas Spielmann schreiben, wie es 2007 Sabine Windlin in der «Basler Zeitung» getan hat. Über seine Sammlung, von der 2011 Teile unter dem Titel «Nouvelle Collection» am Kunsthaus Pasquart in Biel gezeigt wurden und von der ich später noch etwas zu sehen bekommen werde.

Aber ich bin wegen etwas ganz anderem hergereist.

«Heitere Fahne»

Sie waren schon beim See zu sehen, am Eingang zu Davos, und wehen auch hier an der Promenade: Lange Stoffbahnen, festgemacht an den Strassenlaternen. Sie zeigen nichts, oder besser: Sie bekennen Farbe, ausschliesslich Farbe, und zwar in exakt hundert Nuancen, destilliert aus der Palette von Ernst Ludwig Kirchner.

Für einmal flattern hier nicht Logos der Davoser Kongresse, Werbung für Sportanlässe oder Kantonsfahnen zum 1.August. Diese sonst übliche Beflaggung macht immer wieder mal Pause – und just in diese Lücken hat Thomas Spielmann sein Projekt «Heitere Fahne» platziert. Nicht bloss für einen Sommer, sondern für die nächsten drei Jahre wird dieser Farbenwald regelmässig für Abwechslung und Irritation sorgen.

 

Ernst Ludwig Kirchners Farbpalette flattert in Davos im Wind.

Ernst Ludwig Kirchners Farbpalette flattert in Davos im Wind.

Bild: zvg

Der Titel «Heitere Fahne» wäre einem Bündner nie in den Sinn gekommen. Er stammt aus dem Bernischen oder Solothurnischen, wo Spielmann herkommt.
«’Heitere Fahne’ ist ein eher veralteter Ausdruck des Erstaunens», erklärt er. «Etwas schärfer gefärbt, kann er aber auch Unmut ausdrücken. Beides passt auf besondere Weise zu Davos.»

Selbst ein von ihm angefragter Linguist habe keinen entsprechenden Ausdruck im Bündner Dialekt oder im Romanischen gefunden. Der Bündner oder die Bündnerin würde, positiv gewendet wohl «Saperlott», und negativ «Gopfverteckel» ausrufen.

Staunen und Ärger. Spielmann gefällt diese Ambivalenz und er ist sich der politischen Dimension einer solchen Intervention bewusst. «Fahnen stehen ja für Identität, für eine Gemeinde, für ein Land. Sie können aber auch für Werte wie Freiheit, Revolution oder Glauben stehen. Hier stehen sie für die Schönheit der Farben, die Kirchner in dieser Landschaft entdeckt hat. Denn an Winterabenden ist der Schnee hier wirklich gelb oder rot oder orange. Und die Wälder leuchten manchmal wirklich tiefblau oder violett. Man muss nur genau hinschauen.»

Das tut Spielmann auch während wir den heiteren Fahnen entlang promenieren. «Schau mal da, dieser Kontrast! Und da, das hab ich so noch nicht gesehen», ruft er aus und zückt die Kamera. Er freut sich darüber, vom eigenen Werk überrascht zu werden. «Würden wir von oben darauf schauen, könnten wir sehen, wie sich Kirchners fein abgestufte Palette über Davos legt.»

Protest? Schönheit? Kunst?

Was ist das Ganze aber nun? Eine augenzwinkernde Spielerei? Aktivismus? Eine Intervention? Ein Aufruf an die Menschen, die Schönheit der Landschaft richtig wahrzunehmen, anstatt sie dauernd als Sportgerät zu nutzen? Ein Protest gegen eine eher kulturfeindliche Stimmung vor Ort? Zeigen, dass es auch anders ginge? Aktionskunst?

Spielmann vermeidet das Wort «Kunst» und sagt lieber «Kulturprojekt für Davos». Aber alles oben genannte könne man durchaus mit «Heitere Fahne» assoziieren. Ihn habe diese zeitliche Lücke interessiert, in der die Kandelaber unbeflaggt sind. «Genauso wie mich der Zwischenraum zwischen Kunstwerken fasziniert.» Und er habe eine möglichst reduzierte Form gesucht.

Dass sich ein direkter Link zur aktuellen Ausstellung «Farbenrausch» im Kirchner Museum ergeben hat, sei Zufall. Er und Direktorin Katharina Beisiegel hätten noch in den jeweiligen Vorbereitungsphasen entdeckt, dass da zwei Ideen glückhaft miteinander korrespondieren. Mitarbeitende des Museums halfen dann auch, die einhundert Farben der Fahnen zu bestimmen.


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Was ebenfalls zu einem solchen Projekt gehört, ist der Bewilligungs- und Finanzierungsmarathon. Weil die Promenade Kantonsstrasse ist, musste neben der Gemeinde auch der Kanton angefragt werden. Kontakte zur Destination Davos, zur Kulturfachstelle, zu den Elektrizitätswerken Davos mussten geknüpft werden. Letztere sind dafür zuständig, die Fahnen nach einem minutiösen Plan auf- und abzuhängen.

Für den geübten Kommunikator Spielmann kein Problem, sondern Teil des Werks. «Der Prozess hin zum Projekt, die Gespräche und Überzeugungskünste, zu merken, wie sich Skepsis in Begeisterung oder zumindest respektvolle Toleranz wandeln kann, ist ebenso Teil des Werks wie die Fahnen selbst.»

 

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An der Expo 64 in Lausanne sind alle 3089 Gemeindeflaggen der Schweiz gezeigt worden.

Über Fahnen und Spielmanns Herkunft plaudernd verlassen wir die Promenade Richtung Eisstadion. 1964, als Elfjähriger Schüler, habe er an der Expo in Lausanne im Schülerumzug Wasserwellen pantomimt. In Erinnerung sei ihm aber vor allem die riesige Pyramide aus sämtlichen 3089 Gemeindeflaggen der Schweiz geblieben. Seine Faszination für Fahnen habe seither nicht nachgelassen.

Diejenige für Kunst nahm ihren Anfang mit einer Kopie eines Bildes des Solothurner Malers Frank Buchser, das bei ihnen zuhause hing. «Das Licht auf diesem Bild ist dermassen toll», sagt er und betont: «Mein zuhause war ein bürgerliches Elternhaus.» Das Zeichnen habe er von seiner Mutter mitbekommen, selbst Malende und Handarbeitslehrerin.

Das Museum als Zuhause

Das Original von Buchser entdeckte Spielmann mit 15 Jahren im Kunstmuseum Solothurn und mit ihm die ganze Sammlung. «Für mich ein Schlüsselerlebnis. Das Haus und die daneben liegende Kantonsbibliothek wurden mein zweites Zuhause.» Da er die Texte zur Kunst oft nicht nachvollziehen konnte – «ich hatte das Bildungsniveau schlicht nicht» – beschloss er noch während seiner Lehre in Bern als Fotolithograf die Matura nachzuholen.

Obwohl er ein paar Jahre später, nach Vorzeigen seiner Zeichnungsmappe, direkt der Fachklasse an der Kunstgewerbeschule in Basel hätte beitreten können, entschied er sich für ein Medizinstudium. «Ich dachte damals, da erfahre man etwas über den Menschen. Was ein Trugschluss war», sagt er und lacht.

 

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«Heitere Fahne»: Die Farben der Davoser Landschaft säumen nun die Strassen im Ort.

Bild: Mathias Balzer

Wir sind mittlerweile im Kurpark angelangt, wo zwei Metallskulpturen von ihm stehen. Schöne, sehr reduzierte Arbeiten. Die eine ist eine abstrahierte Hommage an Giacomettis «L’Homme qui marche». Die andere ein abstrahierter Olivenzweig, das Friedenszeichen. «Zur Erinnerung an die in der Schweiz internierten Mitglieder der American Air Force 1944/45» steht auf einer Plakette.

Lebt der Kierferorthopäde, Kunstförderer und -sammler ein Doppelleben als Künstler? Seine Antwort wirkt gelassen: «Um nur auf die Kunst zu setzen, stand mir im entscheidenden Moment wohl mein innerer Kleinbürger im Weg. Meine anderen Engagements und Interessen hier am Ort oder aktuell für den Bündner Kunstverein standen und stehen immer im Vordergrund.» Und das sei auch gut so. «Das Leben selbst ist ja eine Art Kunstwerk. Aus meinem ist jetzt eben dieses geworden.»

Wie oft Menschen, die eine vielgestaltige Biografie haben, spricht Spielmann zurückhaltend über seine. Er weiss wohl, dass die Leute schnell irritiert sind, wenn sie jemanden nicht in eine einzige Schublade stecken können.

Im Kunsthaus des «Amateurs»

Wir fahren noch zu den beiden Dorfenden, wo die heiteren Fahnen im grossen Bogen über den Kurven flattern und sich wunderbar in die graugrüne Landschaft einfügen. Dann geht es zu einem Kaffee in Spielmanns Haus. Was er von aussen lachend als «Lebkuchenhäusschen» bezeichnet, entpuppt sich als kleine Kunsthalle. Hier sind die Werke nicht rund um Hausrat und Möbel drapiert, sondern umgekehrt.

Ganze Installationen, etwa von Roman Signer, dürfen sich durchs Wohnzimmer rollen. Von Möbeln ist nur das Allernötigste zu sehen. Die Liste der Künstler:innen ist so lang wie prominent: Steiner/Lenzlinger, Daniela Keiser, Evelina Cajacob, Pascal Lampert, Franz Gertsch, Jason Rhoades, Eva Aeppli, Isabelle Krieg, Thomas Hirschhorn, Miriam Cahn und viele, viele mehr.

Und während Thomas Spielmann mir in seiner Bibliothek – umgeben von Hunderten exquisiten Kunstbänden – die Pläne für «Heitere Fahne» zeigt, Cantuccini und einen Espresso in einer innen goldenen Tasse serviert, fühle ich mich ein wenig ins 19. Jahrhundert versetzt.

Damals gab es sie noch, jene «Universalgelehrten», «Amateure», Sammler-Mäzene und Künstler mit mehrdimensionalem Lebensentwurf. Das Gegenteil des Spezialistentums im gegenwärtigen leistungsgetriebenen Zeitalter der Ich-AG. Wie schrieb schon der polnische Literat Witold Gombrovicz mitte des 20. Jahrhunderts: «Wehe dem, der (nur) einen Beruf hat.»

Spielmann erinnert mich an Figuren wie Paul Gachet, den Arzt von Auvers, der van Gogh behandelte, unter dem Pseudonym «Paul van Ryssel» selbst radierte, Impressionisten sammelte und mit den Künstlern befreundet war. Oder an den Lebenskünstler Gustave Caillebotte, Maler im Kreis der Impressionisten, Mäzen, Flaneur, Bootsbauer und Regattasegler, Gärtner und Philatelist.

Ist es Zufall, dass an der Bücherwand eine Einkaufstasche aus Papier von Rémy Zaugg hängt, auf der schwarz auf weiss steht:

 

 

Einkaufstasche aus Papier von Rémy Zaugg. Herausgeber: Aargauer Kunsthaus.

Einkaufstasche aus Papier von Rémy Zaugg. Herausgeber: Aargauer Kunsthaus.

Bild: Mathias Balzer


Das Projekt «Heitere Fahne wird bis 2029 in Davos gezeigt und kann auf Instagram verfolgt werden.
Die Ausstellung «Farbenrausch» im Kirchner Museum Davos ist noch bis am 3. Januar 2027 zu sehen.