Für Andrea Saemann ist Performance das Feld, um Fragen zu teilen und damit gross zu halten.

Für Andrea Saemann ist Performance das Feld, um Fragen zu teilen und damit gross zu halten.

Bild: Muda Mathis

Performance

Andrea Saemann – im Erbgut der Performancekunst

Die Kaserne Basel nimmt Andrea Saemanns Stück «Aus der Luft gegriffen» noch einmal ins Programm. Das dreitätige Performancefestival «Before Today» erprobt zeitgleich das Überleben früherer Liveperformances. Anlass, mit der Künstlerin übers Erben und Vererben nachzudenken.

Von Isabel Zürcher

Basel, 04.11.2026

8 min

«Man steht auf vielen Schichten.» Andrea Saemann sagt das mitten in ihrem jüngsten Stück. Sie sagt es mit jener empathischen Verwunderung, mit der sie soeben noch Pionierinnen der Performancekunst aufleben liess oder das Mobiliar in der grosselterlichen Villa in Düsseldorf.

Das Sofa, dessen Holzrahmen in den 1930er-Jahren in einem milden Abricot gestrichen war, ist jetzt dunkelrot gefasst und steht gewöhnlich bei Saemann zuhause, unweit vom Schreibtisch, wo die 64-jährige Künstlerin Konzepte verfasst, korrespondiert, Netzwerke baut.

In der Kaserne Basel wird das Sofa zum Requisit. «Ich mochte diese Wucht aus dem Alltag. Es ist, wie wenn ich auf Reisen gehe: Da habe ich am liebsten Kleider, die ich schon ein, zwei Tage getragen habe. Ich muss denken können, es sei einfach ein Übergang in eine andere Welt, aber meine Kleider sind immer noch da.»

Nicht nur mit dem Sofa bleibt die Künstlerin vor Publikum entschieden ganz bei sich: Subjektivität ist der Treibstoff ihrer Nachdenklichkeit und die Performance das Feld, um Fragen zu teilen und damit gross zu halten.

Das Elternhaus am Handgelenk

«Meine erste Performance war bereits ein Tauchen in die Vergangenheit, anhand von meinem Elternhaus. Ich war jetzt Künstlerin, zurück aus dem Ausland und wollte wissen, woher ich komme. Die Frage war, was da eigentlich herausströmt aus jenen Möbeln oder aus jener Lampe oder aus jenem Bild oder Kasten.» Gespeichert in einer VHS-Kassette baumelte das Elternhaus dann in einer Handtasche am Handgelenk. «Das war schon sehr angenehm!»

Andrea Saemann in ihrer biografischen Peformance «Aus der Luft gegriffen».

Andrea Saemann in ihrer biografischen Peformance «Aus der Luft gegriffen».

Bild: Karin Salathé

Gemeinsam mit der Kunstwissenschaftlerin Katrin Grögel und Chris Regn nahm sich die Künstlerin Jahre später mit «Performance Saga» den Beweggründen an, die etwa Carolee Schneemann 1975 eine schmale Schriftrolle aus der eigenen Vulva zaubern liess oder Joan Jonas in den 1960er-Jahren zu den Hopi-Indianern führte.

Ganz konkret und körperlich in die Erfahrung von Vorläuferinnen hineinzustehen heisst, aus dokumentierten Gesten ein eigenes Wissen zu schöpfen und aus dem zeitlichen Gap das reale Gefühl für Unterschiede zum Hier und Heute.

Von ihrem Dozenten in Hamburg stammte diese Empfehlung kaum. «Ich war ja bei Bernhard Johannes Blume in der Klasse, der hatte bei der Prüfung gesagt: Was ist Performance? Frauen können eh nur wie Blüten dastehen. Und warten, bis die Biene kommt.»

Das war Mitte der 1990er-Jahre und Saemanns Interesse am eigenen Durchlaufen von Themen und Dingen längst erwacht. Sie wurde Forschende, entschied sich fürs Sprechen, fürs Zusammenarbeiten mit Weggefährt:innen aus der Kunst und für deren Echoräume aus Theorie oder Kritik.

Ob sie im Duo kuratiert, Performanceprogramme entwickelt oder, wie die letzten Jahre, fürs Performancefestival in Giswil einstand: Begegnung bleibt der Dünger für ihr ganzes Tun. «Ich bin keine Studiokünstlerin. Das Tollste finde ich, Momente zu bauen, wo sich jemand auf eine andere Art zeigt. Es darf auch nur ein wenig aus dem Alltag herausgehoben sein. Einfach so. Darum geht es doch!»

Der nackte Terminator

Das neue Stück «Aus der Luft gegriffen» nimmt uns mit in einen Wechselstrom zwischen fragendem Erinnern und Saemanns unmittelbarer Präsenz. Ihre durchlaufend spontane Rede wird unterbrochen von vorgefertigten Videos. Da weiht sie uns ein in ihre Entwicklung des «interior Scrolls», welcher das Re-Enactment jener ikonischen Pose à la Schneemann erst möglich machte.

Sie zoomt ihre Finger heran beim Reisstest von Textilien oder schreitet als Terminator, breitbeinig und nackt durch ihren eigenen Keller. «Da kommt etwas Fremdes hinein. Denn den Terminator hätte ich selber nie gewählt.» Es war der Impuls des Kunstkredit Basel-Stadt gewesen, sich mit Populärkultur zu beschäftigen, der Saemann mit Science Fiction verkuppelte.

«Jetzt ist er drin im Stück, auch, weil die ganze Diskussion um KI immer heftiger wird. Dass der Terminator in mir drinsteckt, finde ich schon eindrücklich. Zu merken, dass ich mich nackt so einrichten kann, dass ich mich wohlfühle, ist eine Entdeckung. In seiner Sichtbarkeit hat der ältere Körper etwas Politisches.»

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Andrea Saemann in ihrer Performance «Aus der Luft gegriffen».

Bild: Frank Ellenberger

Saemann steht für ein Erzählen, dessen Flüchtigkeit nach besonderen Formen der Archivierung ruft, wobei sich ihr Interesse auch am Fotoalbum nährt, das den Weg aus Düsseldorf in die Schweiz und schliesslich in ihren eigenen Hausrat gefunden hat. Ein Bild zeige den Grossvater mit nacktem Oberkörper in Cademario auf der Wiese (die Grossmutter trug ein kleines Bustier damals). Physische Ertüchtigung nach Bircher-Benner hatte Konjunktur und damit ein neues Lebensgefühl.

Nacktheit, einst das «Eintrittsticket» in die Performancekunst, scheint heute ganz normal und damit etwas abgegriffen. Doch was der kunsthistorische Kanon längst verdaut hat, ebnet immer neu in aller Plötzlichkeit die Schwelle ein zwischen privatem Empfinden und öffentlichem Sein.

«Nacktheit muss man ein bisschen üben», sagt die Performerin darum ermutigend. An der vorderen Bühnenkante hat sie ihr T-Shirt abgestreift und uns mitgenommen zum vermeintlichen Urzustand ihrer Disziplin.

Geld ist keine neutrale Substanz

Dass sie tief in die eigene Familiengeschichte eintaucht, hat auch mit ihrem Status als Erbin zu tun. Und mit der Dramaturgin, die das Projekt begleitete. «Barbara Ellenberger war ein Glücksfall. Weil sie sagte, du brauchst an dieser Stelle mehr als deine Erfahrung. Du musst deine Familienerzählungen um Fakten erweitern.»

Ein einziges Mal, noch als Bub in Düsseldorf, habe ihr Vater den Grossvater weinen sehen. Das war an Weihnachen 1938. Das Leben in der Villa, mit Privatauto, Angestellten und eigenem Tennisplatz verliess die Familie 1939 erst kurz vor Kriegsausbruch. Kann es sein, dass niemand wusste um die Repressionen im Land, um den Zugriff der Kriegswirtschaft gerade auf die Stahlindustrie, für die der Grossonkel im Management sass?

Der Chronist und Holocaust-Überlebende Viktor Klemperer widerspricht. «In seinen Tagebüchern erlebe ich ganz physisch, was es bedeutet hat, in dieser Zeit in Deutschland jüdisch zu sein. Das war das erste Mal, dass ich das überhaupt an mich heranliess. Ich hatte es einfach sehr lange nie genau wissen wollen. Doch wenn das Geld zum eigenen wird, stellt sich die Frage, woher es kommt. Ich hätte sagen wollen, Geld ist eine neutrale Substanz, also transferierbar. Aber so ist es nicht. Geld ‹schwingt› genauso.»

Solche Schwingung muss man aushalten: «Beim ersten Durchlauf durch das Stück hatte ich eine Art Hexenschuss und bin zusammengekracht. Es gibt da immer noch eine Angst vor Verrat.»

Als Erschütterung schlägt der Erbgang auf der Bühne zu. Und «Wwwhhumm!» steht die Frage im Raum, wie sich Kapital sinnvoll «in die Breite» verteilen lasse, wo keine direkten Erben den Lauf der Dinge vorzeichnen.

 

Andrea Saemann in ihrer Performance «Aus der Luft gegriffen»

Andrea Saemann in ihrer Performance «Aus der Luft gegriffen»

Bild: Frank Ellenberger

Die Performance, in der sich Saemann mit der der US-amerikanischen Performance- und Videokünstlerin Carolee Schneemann befasste, hat der Kunstkredit Basel-Stadt 2025 in die Kunstsammlung aufgenommen.

Als Kaufgegenstand besteht «Saemann meets Schneemann» (2004/05) aus einer Videoaufzeichnung der Performance sowie aus einem ganz neu formulierten, schlichten Regelwerk: Saemann plädiert darin für die Wiederaufführung existierender Performances unter der Auflage, dass die jeweilige Performerin, der jeweilige Performer dem Vorbild live begegnet. Und unter dem Vorzeichen eines Generationensprungs. Ob zu Vorläuferinnen oder mit Blick auf jüngere Akteur:innen, lässt sie offen.

Als Partitur für künftige Live-Events stellt ihr Schaffen jedenfalls eine vitale Zukunft in Aussicht: Von so viel Offenheit, subtilem Humor und Mut, der Wucht des Alltags zu begegnen, bekommen wir selten genug. Ihr eigenes «Eintrittsticket» in die Performance übrigens sei gewesen, dass sie sich zugestand, im Live-Moment Emotionen zuzulassen und während Performances auch zu lachen.


«Andrea Saemann: Aus der Luft gegriffen», Kaserne Basel: Mittwoch, 11. und Donnerstag, 12. November, 19.30 Uhr

«Before Today», Performancefestival, Ausstellungsraum Klingental, Basel: Freitag, 12. bis Sonntag, 14. November.