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Die Autorin und Musikerin Sara Calörtscher hat das Libretto zur Kammeroper «Annemarie» geschrieben.

Bild: Fabienne Gantenbein

Musik und Literatur

Sarah Calörtscher – Was fasziniert Dich an Annemarie Schwarzenbach?

Eine Kammeroper am Festival Zeit:fluss im Engadin thematisiert das abenteuerliche und schwierige Leben von Annemarie Schwarzenbach. Die Autorin Sarah Calörtscher hat das Libretto geschrieben. Wir haben uns mit ihr über die Bedeutung der Journalistin und Autorin, über antifaschistischen Widerstand, queeres Leben und die Entstehung der Oper ausgetauscht.

Von Mathias Balzer

Sils i.E., 23.06.2026

9 min

Liebe Sarah

Ich beginne nun unser Ping-Pong. Der Ablauf ist einfach: Wir spielen uns über die – sagen wir mal – nächsten acht bis zehn Tage in lockerer Folge Fragen und Antworten zu.

In unserem Podcast hast Du vor gut einem Jahr erzählt, dass Du als Kind Opernsängerin werden wolltest. Nun bist Du zumindest schon mal Librettistin einer Kammeroper. Ein Zufall?

Eigentlich glaube ich nicht an Zufall – und auch nicht an Bestimmung –, aber eines folgt immer aus dem anderen, oder?

Hätte ich mich nicht für ein klassisches Gesangsstudium interessiert, hätte ich nicht Musik und Bewegung studiert, hätte ich Till Löffler, den künstlerischen Leiter von «Zeit:fluss», nicht kennengelernt und auch nicht die eine Freundin, über die ich zum Dramaturgiestudium gekommen bin, und hätte ich nicht Dramaturgie studiert, hätte ich nicht angefangen Theaterstücke zu schreiben, und dann wäre Till auch nicht auf die Idee gekommen, mich für «Annemarie» anzufragen. Und ich glaube, ich als Kind hätte ziemlich schnell auch gedacht, dass die Rolle der Librettistin besser zu mir passt, als die der Opernsängerin.

Hast Du vor der Anfrage vom Festival Zeit:fluss das Werk von Annemarie Schwarzenbach bereits gekannt?

Nein – leider nicht. Ich war überrascht und habe mich über das Entdecken ihres Werks gefreut. Gleichzeitig war ich auch wütend, weil es ein Beispiel mehr dafür ist, das weiblich gelesene und queere Menschen in der Geschichte oft «vergessen» werden und nicht genug breit rezipiert werden.

Annemarie Schwarzenbach

(1908–1942) war eine Schweizer Schriftstellerin, Journalistin und Fotografin. Zu ihren wichtigsten Werken zählen die Reisereportagen «Winter in Vorderasien» und «Das glückliche Tal» sowie der Roman «Das Wunder des Baums». Als überzeugte Antifaschistin bezog sie früh Stellung gegen den Nationalsozialismus – ein Bruch auch mit der eigenen Familie. Eng verbunden war sie mit Erika Mann und der Reisejournalistin Ella Maillart, mit der sie 1939 durch Afghanistan reiste. Mit androgynem Auftreten und Reisen durch Europa, den Orient und die USA wurde sie zur Symbolfigur weiblicher Selbstbestimmung. Sie starb 1942 mit 34 Jahren in Sils.

Ende der 1980er-Jahre wurde sie wiederentdeckt und in bestimmten (literarischen) Kreisen ist Annemarie Schwarzenbachs Werk längst bekannt und besprochen. Aber nebst Frisch und Dürrenmatt hätte ich als junger Mensch wirklich sehr gerne etwas von Annemarie Schwarzenbach auf der Leseliste meines Deutschunterrichts gehabt. Ich habe mich von ihrer Sprache sehr angezogen gefühlt und fast alles gelesen, was mir in die Hände gekommen ist.

Ja, mir ging es ähnlich. Meine Lesekarriere startete ja bereits in den 1970ern – und obwohl ich im Engadin aufgewachsen bin, habe ich erst Mitte der 1980er-Jahre zum ersten Mal etwas von ihr gelesen. Am meisten hat mich ihre Autofahrt nach Afghanistan fasziniert, begleitet von ihrer damaligen Partnerin Ella Maillart, der Schweizer Sportlerin, Reiseschriftstellerin und Fotografin. Diese Reise war dann ja wiederum Vorbild für die Indienreise von Nicolas Bouvier und seine fantastischen Bücher «Die Erfahrung der Welt» und «Der Skorpionfisch». Bei beiden war es dieser literarische Journalismus avant la lettre, der mich interessiert hat. Aber wie macht man aus einem solchen Werk, aus einem so ereignisreichen, heroischen und tragischen Leben eine Kammeroper? Wie bist Du da vorgegangen?

Ich habe lange überlegt, was mein Zugang sein könnte. Ich wollte etwas finden, was auch mit einem Aspekt aus der heutigen Zeit in eine Resonanz treten kann. Zuerst habe ich alles gelesen, was mir in die Finger gekommen ist – von und über Annemarie Schwarzenbach.

Nebst ihrer Sprache, die mich in Bann gezogen hat und auf die ich versucht habe zu reagieren, konnte ich dann sehr an ihrer antifaschistischen Haltung anknüpfen, gerade auch in Bezug zu ihrer doch eher privilegierten Herkunft. An dieses Gefühl, vor einer drohenden Gefahr warnen zu wollen, in einer Situation, in der die Bedrohung noch runtergespielt wird.

Die Annemarie in der Kammeroper ist eine Figur, und ich habe ihr die Figur einer Journalistin zur Seite gestellt, die aus der heutigen Zeit schreibt und denkt. Das ist mein Versuch, mit der Fiktionalisierung umzugehen und sie transparent zu machen, und gleichzeitig auch eine Verbindung zu unserer gegenwärtigen Lebensrealität zu öffnen.

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Ein Sommer für
Annemarie Schwarzenbach in Sils i.E.

Das Sils Museum widmet der Autorin unter dem Titel «Anderen Himmeln entgegen» eine Ausstellung.
Diese Präsentation im Sils Museum ist Teil des Gemeinschaftsprojekts «Friedrich Nietzsche und Annemarie Schwarzenbach –UNESCO Weltdokumentenerbe in Sils».

Neben dem Sils Museum beteiligen sich das Nietzsche-Haus, die Biblioteca Engiadinaisa sowie das Zeit:fluss Kulturfest und widmen den beiden Persönlichkeiten drei Ausstellungen, zahlreiche Vorträge, Lesungen, Gespräche, Filmvorführungen und Kulturspaziergänge sowie einen szenischen Dialog. Das gesamte Programm finden Sie auf einer Sonderseite von Sils Tourismus

Am Rande erscheint ja auch ihre Mutter, Renée Schwarzenbach-Wille, Tochter von Ullrich Wille, General der Schweizer Armee im 1. Weltkrieg, der bereits in den 1920er-Jahren Adolf Hitler und andere Figuren der NSDAP in seiner Villa Schönberg in Zürich empfangen hat. Niklaus Meienberg hat das alles ja in seinem Buch «Die Welt als Wille und Wahn» aufgearbeitet.
Renée Schwarzenbach-Wille war wie ihre Eltern deutschfreundlich und soll Adolf Hitler bereits früh finanziell unterstützt haben.

Die Auflehnung von Annemarie Schwarzenbach gegen den Faschismus war demnach auch Auflehnung gegen die eigene Familie. In Deiner Oper sagt Erika Mann, ihre Geliebte, zu Annemarie: «Deine Mutter ist eine von ihnen. Du musst dich von ihr trennen. Bekenne und trenne Dich.»

Konnte sich Annemarie denn je richtig von ihrem Elternhaus distanzieren?

Nein, ich denke nicht. Und ich glaube, das Verhältnis ist auch nach ihrem Tod schwierig geblieben. Annemaries Mutter hat viele Texte ihrer Tochter zerstört und vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten. Annemarie ist mit 34 Jahren gestorben – wäre es ihr später im Leben gelungen?

Mit allen Abhängigkeiten, die in familiären Kontexten vorherrschen, stelle ich es mir sehr herausfordernd vor, sich gegen Menschen aufzulehnen, die man gelernt hat zu lieben.

Die Journalistin, die zu Annemarie nach Sils im Engadin reist, gerät in Deinem Libretto in eine Art Tagtraum, in welchem sie Annemarie und Erika Mann begegnet. Auf der Reise dorthin diskutiert sie mit einer Schaffnerin im Zug. Wofür steht diese Journalistin?

Die Journalistin soll über Annemarie Schwarzenbach schreiben – während sie in der Recherche steckt, entdeckt sie ähnliche Ängste in ihrem eigenen Leben wieder.

Sie erkennt in Annemaries Widerstand gegen eine faschistische Politik Parallelen und wird mit ihren Ohnmachtsgefühlen konfrontiert. Gleichzeitig ist sie für mich als erste Figur die auftritt, auch diejenige, die den Blick vorgibt: Sie träumt sich Erika und Annemarie herbei – beide treten durch ihre jetzige, zurückschauende Perspektive auf.

Und wofür steht die Schaffnerin?

Die Schaffnerin ist für mich eine Figur, die trotz aller Warnzeichen weiterhin auf der eingeschlagenen Strecke bleiben will, aus Furcht vor der Entgleisung. Sie spürt die Unsicherheit, klammert sich aber an Regeln und wehrt sich dagegen, die Notbremse zu ziehen.

Ja, sie sagt – oder singt –  in Deinem Text Sachen wie diese:

Es gibt gar keine Gefahr
Aufgrund von Zweifel
wird der Weg nicht verlassen

Überhaupt ist das Libretto geprägt von einer sehr verdichteten Sprache. Und der Text ist, so scheint es mir, auch durchzogen von diesem Gefühl des Widerstands, den Du oben beschrieben hast. Etwa an dieser Stelle:

Wir wandern am Rand
und scheitern immer wieder
Wir stolpern über unsre Füsse
Doch wir fallen nicht

Du schreibst ja selber auch Songs, trittst als Musikerin zum Beispiel mit der Band Strange Modes auf. Wie unterscheidet sich das Schreiben für die Oper vom Schreiben für Pop?

Wenn ich Lyrics für die Band schreibe, schreibe ich nicht für Figuren. Wenn ich Dramatik schreibe, dann oft musikalisch, aber nicht gezielt dafür, dass sie auf eine Musik gesetzt werden. Es ist das erste Mal, das sich das in Form des Librettos für mich verbunden hat, und es war eine sehr schöne Erfahrung: Es hat Spass gemacht, sich «Lyrics» für Figuren auszudenken und schon beim Schreiben daran zu denken, dass die Worte gesungen werden – aber auch zu versuchen, rhythmisch interessante Sachen zu machen und angelegte Rhythmen zu brechen.

Die Musik hat die Berner Komponistin Céline Fankhauser komponiert. Was war zuerst da, das Libretto oder die Komposition oder ist das in gemeinsamer Arbeit entstanden?

Céline und ich standen schon früh im Austausch und haben uns schnell auch erste Skizzen geschickt. Manchmal habe ich auf Ideen von Céline reagiert, und manchmal umgekehrt. Es war für mich sehr schön, immer wieder mit ihr im Austausch zu sein und sich auch gegenseitig zu inspirieren.

Und was für eine Art Musik darf das Publikum erwarten?

Die Musik von Céline versetzt mich sofort in die Zugreise durch von Bergen umrandete Tälern, wie ich sie aus Graubünden kenne. Mit den ersten Tönen sehe ich, wie sich die Sonne zwischen diese gigantischen Felsmassen drückt, schön und doch auch bedrohlich. Die Musik erzählt viel und zeigt, was für Stimmungen da sind, auch wenn die Figuren es selbst gerade nicht verstehen. Darin liegt auch ein filmischer Aspekt, es bleibt aber verspielt, «weird», und durchaus humorvoll.
Ganz besonders freue ich mich auf den Choral am Ende des Stückes.


«Annemarie» wird am 31. Juli 2026 in Sils i.E. uraufgeführt.
Das vollständige Programm des Festival Zeit:flluss finde Sie hier.