Das Gemälde «Geburt Christi» von Konrad Witz ist derzeit in der Ausstellung «Helen Frankenthaler» im Kunstmuseum Basel zu sehen.
Bild: zvg Kunstmuseum Basel
Kunst
Brief an Helen Frankenthaler
Unsere Autorin hat die Ausstellung von Helen Frankenthaler im Kunstmuseum Basel besucht. Sie hat der 2011 verstorbenen Künstlerin einen Brief geschrieben.
Basel, 19.06.2026
Liebe Helen Frankenthaler
Es ist ART Basel 2026.
Ich habe mich vor dem Kunst-Spektakel und seinem Publikum in Sicherheit gebracht, wie eine Katze, die an Silvester vor den Explosionen der Feuerwerke in die ruhigste Ecke des Hauses flüchtet.
Im grossen Haus unserer Welt sind Museen solche Orte der Stille. Und heute habe ich Glück: Die Kunstmeute drängt sich an diesem für Juni aussergewöhnlich heissen Mittag an Eröffnungen.
Die Menschen wollen ja weniger da, sondern vielmehr dabei sein.
Und so ist es still und kühl im Kunstmuseum Basel, das Dir eine grosse Ausstellung widmet.
Diesen Brief schreibe ich Dir im Wissen, dass Du unsere Welt vor 15 Jahren verlassen hast. Aber das ist kein Grund, ihn nicht zu schreiben. Wieso sollten wir nicht auch mit den Toten Korrespondenz führen? Sie haben es verdient, nicht vergessen zu werden und irgendwie hoffe ich, dass Ihr auch uns Lebende nicht vergesst.
Ich kannte bisher zwar Deinen Namen, Deine Bilder habe ich jedoch noch nie im Original gesehen.
Was für ein Fest!
Ein Fest der Farben, ein Fest des Fliessenden, des sich weitenden Moments, der leuchtenden Horizonte, der tanzenden Wolken.
«Wolke sein!», das möchte ich auch, eine Wolke in Sandalen.
Federlicht wird da der Schritt, frei und wehend der Geist. Und gegen Ende meines Rundgangs, im achten Raum, verneige ich mich innerlich vor einem Deiner Bilder. «Brother Angel» hast Du es genannt.
Anita Haldemann, die Kuratorin der Ausstellung, hat es neben ein viel älteres Bild aus der Sammlung des Museums gehängt. Es stammt aus der Werkstatt der deutschen Malers Konrad Witz, der 1446 in Basel gestorben ist: «Die Geburt Christi».
«Brother Angel» von Helen Frankenthaler und «Geburt Christi» von Konrad Witz im Kunstmuseum Basel.
Bild: zvg Kunstmuseum Basel
Maria, in ein petrolblaues, goldbesticktes Gewand gehüllt, betet vor ihrem Kind. Vater Joseph hält sich im Hintergrund. Tiere wohnen der Szene bei: der Ochs, die Eselin, Schafe und ein Hirtenhund. Der Himmel über dieser Szene ist goldenes Ornament. Golden wie die Heiligenscheine über den Köpfen von Mutter und Kind.
Die sind ja mittlerweile in Verruf geraten, diese goldenen Kränze. Zu unrecht, wie ich finde.
Ebenso erging es den Engeln. Auch sie haben wir abgeschafft, dummerweise, denn sie waren ja die Boten zwischen Gott und den Menschen. Seither ist Ruhe in unserem spirituellen Briefkasten.
Immerhin, ein wenig von der göttlichen Ewigkeit hat sich im Endlos-Scrolling auf unseren Handys erhalten.
«Mondo povero!», würde der Mönch Francesco den Vögeln heute wohl zurufen.
Damit Du, Helen, mich richtig verstehst: Ich gehöre keiner Kirche an, würde mich am ehesten als tempellose atheistische Taoistin bezeichnen. Dass es über zweitausend Jahre vornehmlich Männer waren, die abertausende Marias gemalt, und parallel dazu den weiblichen Körper verteufelt haben, halte ich für eine Schande.
Die Vorstellung jedoch, dass es Wesen gibt, die zwischen uns und dem Unergründlichen der Welt vermitteln, finde ich eine Bereicherung. Seien es die Dschinn im Islam, die Feen im Märchen, die Dämonen der Antike, die Bodhisattvas im Buddhismus, die indischen Devas, die Totemtiere der amerikanischen Indigenen oder eben die christlichen und jüdischen Engel.
Das Gemälde «Brother Angel» ist derzeit in der Ausstellung Helen Frankenthaler im Kunstmuseum Basel zu sehen.
Bild: zvg Kunstmuseum Basel
Bei Konrad Witz halten die Engel Briefe in den Händen. Und ich lese Deinen «Brother Angel» auch als eine Art Engels-Brief – mit Absender Helen, was ja die «Strahlende» oder «Leuchtende» bedeutet.
Das Personal – die Mutter, das Kind, der Vater, die Tiere, die Engel – sind auf Deinem Bild verschwunden.
Geblieben ist goldenes Strahlen, durchbrochen von drei himmelsblau leuchtenden Ausblicken.
Die blutroten Spritzer auf dem Goldgrund erinnern mich an Maria, an die Schmerzen der Geburt.
Tosende Stille und Frieden.
Wie profan.
Wie schön.
Wie wertvoll.
Könnte ich Harfe spielen, ich würde dem Brother Angel ein Ständchen darbringen.
Ich bleibe lange so stehen, bis ich meine müden Füsse in den Sandalen spüre.
Bin eben doch keine Wolke, bloss Fleisch und Knochen. Immerhin mit einem Wasseranteil von rund 60 Prozent.
Ausschnitt aus «Big Brother», Helen Frankenthaler
Bild: Margarita Balthermia
Ich danke Dir, Helen, für diesen wunderbar geweiteten Augenblick an einem ganz normalen Montagmorgen.
Mit herzlichen Grüssen
Margarita Balthermia
Helen Frankenthaler.
Bis 23. August 2026. Kunstmuseum Basel