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Isolde Schaad ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen ihrer Generation.

Bild: Ayşe Yavaş

Literatur

Isolde Schaad – Ist das Schreiben eine Heimat?

In ihren Kolumnen, Reportagen, Erzählungen, Essays, Theaterstücken und Romanen nimmt die 1944 in Schaffhausen geborene Isolde Schaad kein Blatt vor den Mund. Für ihre «Entweihungen» habe sie in der Schweiz durchaus einen Preis gezahlt, gab sie zuletzt 2024 in einem «Zeit»-Interview bekannt, vor allem von ihren männlichen Kollegen sei sie literarisch lange ignoriert worden. Inzwischen befindet sich die bald 82-jährige Schriftstellerin im selbstverschriebenen, noch immer sehr umtriebigen «Ruhestand». Unsere Autorin hat sie in Zürich besucht.

Von Dilbahar Askari

Zürich, 23.06.2026

10 min

Es hat immer etwas Verblüffendes an sich, eine Person anzutreffen, die man bereits über ihre Bücher zu kennen meint. Zuhause hat man sich ungehemmt in dieses ausbuchstabierte Innenleben vertieft, ohne diesem Gegenüber jemals in die Augen geblickt zu haben. Und nun fragt man sich:

Wie wohnt sie wohl, die Schaad, die sich jetzt schon seit über 50 Jahren in vor Sprachlust flirrenden Texten kritisch und hellwach beobachtend zum Zeitgeschehen äussert? Wie richtet sie sich ein? Ästhetisch-asketisch oder eher versinkend zwischen sich türmenden Stapeln Papier wie die grosse, 2021 verstorbene Wiener Dichterin Friederike Mayröcker?

Über die schreibt Isolde Schaad in ihrem Essay «Soll ich mein Idol besuchen?» (1997): «Ich gehe in ihrer Seilschaft weit unten, sodass Sie mich gar nicht sehen können. Denn ich bin nur eine von manchen in Ihrem poetologischen Hochgebirgskurs.»

Isolde Schaad

Isolde Schaad, geboren 1944 in Schaffhausen, lebt seit 1967 in Zürich und gehört zu den namhaften Schweizer Autorinnen der 68er Generation. Ihre Spezialität ist die kritische Gesellschaftsbetrachtung, die sie mit Scharfsinn, Humor und hohem sprachlichen Können der nahen und fernen Umgebung widmet.

Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit hat sie stets auch publizistisch gearbeitet, bis zum Millenium war sie für renommierte Zeitschriften im In- und Ausland tätig, Unter anderen für «Transatlantik», für das legendäre «Kursbuch», für «Geo», «literaturkonkret», die «Frauenoffensive», oder «Text und Kritik», herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold. Ab 1974 bis in die Nullerjahre schrieb sie u.a. für das «Tages-Anzeiger-Magazin», die «NZZ am Wochenende», schwerpunktsmässig für die Wochenzeitung «Woz» und die Kulturzeitschrift «Du».

Die Kontaktaufnahme für das Gespräch erfolgt per Mail, die Schaad antwortet mit aus dem Ärmel geschüttelter Eloquenz, sie freue sich über das Interesse, ich könne sie gerne zuhause, in der Wohngenossenschaft besuchen kommen, die sie vor über 40 Jahren mitbegründet hat.

Sie schickt eine Wegbeschreibung, einen Schwung möglicher Daten, zeitlich sei sie flexibel, nur bitte sie darum, dass die Einhaltung des ihr heiligen Kaffeestündchens berücksichtigt werde.

Ich steige also an einem dieser verfrüht hitzegleissenden Tagen im Mittagsgewühl des Hauptbahnhofs Zürich aus. Unweigerlich springen mir Versatzstücke aus «Die Zürcher Constipation» (1986)  in den Kopf, eine Textsammlung über den mentalen Zustand der Wohlstandsübersättigung, in der Isolde Schaad unter anderem die Schaufenster an der Bahnhofstrasse in szenischer Aneinanderreihung beschreibt:

«Eine sehr junge Dame im zyklamenroten Teekleid mit gerollter Schleife senkt den vom Lockenkringel verdeckten Schmerz auf die taubengraue Double-face-Vermummung aus der neuen Jean-Louis-Scherer-Kollektion, während die Preisschilder wie Herbstblätter fallen und am Boden lakonisch melden: Jacke Fr. 657.–, Hose Fr. 467.–, Manteau Fr. 1034.–, Kleid Fr. 456.–.»

Glastisch, Sofa und Banane

Nach der Busfahrt nach Wipkingen und kurzer Wegstrecke erreiche ich das Doppelhaus der Wohngenossenschaft und, nach drei steilen Treppen – die Isolde Schaad, so zeigt sich später, anscheinend noch problemlos erklimmt – ihre Dreizimmer-Wohnung unterm Dach.
Als erfahrene Journalistin hat Schaad für ein professionelles Setting gesorgt.

Die Publikationen sind auf dem Fenstersims sorgfältig aufgereiht, Wassergläser auf dem flachen Glastisch im Wohnzimmer, erwartungsvoll und hinter der altersbedingten körperlichen Gemächlichkeit keck hervorblinzelnd nimmt sie auf dem schwarzen Ledersofa Platz, ich auf einer Art zum Stuhl gewordenen Banane.

Da ich ihr nicht zu nahe treten möchte, blicke ich mich unauffällig um: Nein, mayröckerisch-ekzentrisch ist die Wohnung nicht. Ganz im Gegenteil kommt sie mir auffällig aufgeräumt vor, die Einrichtung modern-geschmackvoll und, die Banane vielleicht ausgenommen, sehr dezent.

Warum Sie sich denn in dem Mayröcker-Essay so bescheiden gebe, beginne ich das Gespräch. Schliesslich gleiche ihr Weg, als die politische Aneckung in keiner Weise scheuende, in unkonventionellen Liebes- und Lebensbündnissen lebende Kommunardin doch auch einem Hochgebirgskurs?

«Ja, es war natürlich ein Kampf», erwidert Isolde Schaad, «vor allem als Frau!»

Sie sei zwar in ihren Anfängen als Nachwuchsjournalistin in ihrem Talent wirklich gefördert worden, allerdings in völlig paternalistischer Umgebung. «Die Kommunikation in den Redaktionen hatte damals den Charakter: ‚Du, liebs Maidli, mach’sch mir no das‘. Da war immer diese leise Herablassung zu spüren, die Hierarchie war selbstverständlich. Man musste dem Chef zwar nicht mehr den Kaffee bringen, aber im Grunde war alles immer noch eine Art Service.»

«Grau, grau, grau»

Diese beklemmenden Umstände merke man ihren Texten aber kaum an, gebe ich zurück. Ganz im Gegenteil kämen sie mir äusserst unerschrocken und von einem generationellen Wir-Gefühl beflügelt vor, das mir im heutigen Zustand resignierter Vereinzelung ganz undenkbar erscheint. Als ich die Formulierung «bissiger Zweite-Welle-Sound» gebrauche, muss Isolde Schaad lachen.

«Es brauchte natürlich diese Unsentimentalität», sagt sie. «Diese 50er-Jahre, die waren so miefig! Nicht nur für die Frauen, für die ganze Kultur!»

Seither sei Vieles aufgeblüht, fährt sie fort, das ganze Stadtbild, das sie immer noch fast täglich spazierend erkunde, habe sich in der Zwischenzeit bis zur Unkenntlichkeit gewandelt. «Dieser bunte Reigen auf den Strassen heute, die Boulevard-Cafés, das ist eine Neuerung der 90er, früher war da gar nichts. Die Stadt Zürich war grau, grau, grau.»

Trotzdem falle ihr bei ihren Rundgängen, den Lektüren, den inneren und äusseren Spaziergängen, zunehmend wieder eine kulturelle Gleichförmigkeit auf, die ihr bedenklich erscheine. «Ich glaube, die wirklichen Sonderlinge haben es heute immer noch nicht leicht.»

Mit Rückenwind der Frauen-Bewegung

Ich spreche Isolde Schaad auf das Schreib-Büro «Die Manusfaktur» an, das sie in den 70ern mitbegründet hat und das auch in ihren Texten Erwähnung findet.

«Ja, das Schreib-Büro war wirklich wichtig für mich. Wir arbeiteten dort nach dem Prinzip ‚Männer in der Minderheit‘. Ich meine, damals ging es wirklich um gesellschaftliche Prozesse, um ganz praktische Belange: Wir Frauen mussten um gleichen Lohn kämpfen, um die gleichen Möglichkeiten, um genügend Platz in der Zeitung.»

Das Wir-Gefühl in ihren Texten rühre ganz sicherlich aus dieser engen Verbundenheit der Frauen-Bewegung, aus der ganz handgreiflichen Unterstützung, die man füreinander gewesen sei: «Im Schreib-Büro haben wir uns Aufträge zugeschanzt, wir haben unsere Texte gegenseitig gelesen, lektoriert, manchmal auch gemeinsame Reportagen gemacht. Wir haben wirklich zueinander geschaut.»

«Aber wir wollten doch über Literatur sprechen!», ruft sie schliesslich aus, steht auf, verschwindet in ihrem Büro, kehrt mit einem Stoss abgegriffener Notizbücher in buntem Pappeinband zurück, breitet sie auf dem Glastisch aus.

Das Notizbuch als mobile Werkstatt

Beim vorsichtigen Durchblättern wird klar: Es sind nicht nur Werkzeuge, es sind Lebend-Archive. «05. Februar 2024, im Café Neumärt, nach dem Büro», heisst es nach einem Eintrag.

Auf den mit schwungvoller Schrift gefüllten Seiten mischen sich Alltags-Impressionen, essayistische Gedankensprengsel, in schnellem Strich gefertigte Zeichnungen. Zwischen die Seiten sind ausgeschnittene Zeitungsartikel geklemmt, Postkarten, Einladungen, «und Einkaufslisten!», ergänzt Isolde Schaad.

Das ausgiebige Notieren habe sie sich als zentralste Schreibtechnik bewahrt, auch nachdem sie sich aufgrund struktureller Veränderungen, der wegbrechenden Langformat-Beilagen der Zeitungen, immer ausschliesslicher auf ihre literarische Arbeit konzentrierte.

«Ich war damals stark von Doris Lessings Schlüsselwerk ‚The Golden Notebook‘ beeinflusst», erzählt sie. Das darin beschriebene literarische Verfahren, verschiedenfarbige, thematisch geordnete Notizbücher zu führen und diese dann in einem «goldenen Notizbuch» zusammenzuführen, habe sie sich zu eigen gemacht.

«Meine Themen kommen von aussen auf mich zu: Ich gehe raus, ich schaue, ich lausche den Gesprächen. Wenn die Grundidee für ein Buch da ist und ich in meinen Notizbüchlein genügend Stoff gesammelt habe, setze ich mich an den Computer und erstelle eine Datei, in die ich alles übertrage.»

Die scheinbar nebensächlichsten Begebenheiten könnten sich in diesem Prozess zu einer ausgereiften Studie entwickeln. So zum Beispiel die Beobachtung differierender Gangarten, die den Anstoss für «Giacometti hinkt» (2019) gegeben habe.

«Ich kann diesen geschärften Blick dann auch nicht abstellen», so Schaad. «Ich achte noch immer genauestens darauf, wie die Leute sich bewegen!»

Mit der Übertragung in ein einzelnes Dokument beginne der eigentlich schriftstellerische Teil, der Feinschliff, in dem aus einem grobgestrickten, losen Text ein durchkomponiertes Stück Literatur entstehe. «Das ist die Arbeit, die ich am meisten liebe.»

Ich verweise auf das «Zeit»-Interview, das sie vor zwei Jahren anlässlich ihres 80. Geburtstags gegeben hat und in dem sie angibt, nicht mehr publizieren zu wollen. Heisst das etwa, sie arbeitet wieder an einem neuen Buch?

«Ich habe mich ja sozusagen selbst pensioniert!», schmunzelt sie. Trotzdem vergehe auch jetzt kaum ein Tag ohne Arbeit. Gerade in letzter Zeit sei sie wieder sehr konzentriert am Sammeln von Material, eher autobiographisch fielen ihre Aufzeichnungen dieses Mal aus.

«Wissen Sie, das Schreiben fällt mir immer noch am wenigsten schwer. Der Schreibtisch und der Computer sind wie ein Hort, das ist wie Heimat für mich.»

Abschiede

Schaad kommt auf die Herausforderungen des Alters, die sich vor allem in den praktischen Belangen bemerkbar machten, auf die sich mehrenden körperlichen Zimperlichkeiten zu sprechen. «Jedes Jahr gibt es etwas Neues, mit dem man sich auseinandersetzen muss!»

Sie habe lange mit dem Nachlassen der eigenen Energie gehadert. Inzwischen habe sie ihren Widerstand gelockert, erlaube sich, die Tage langsam anzugehen, zwinge sich nicht mehr dazu, produktiv zu sein.

«Aber der Abschied von den Freundinnen ist das Allerschwerste», sagt sie, die sich in ihrem Leben ihre Wahlfamilie gesucht hat. «Wenn die engsten Gefährtinnen dement werden oder sogar sterben, wenn diese so wichtigen Gesprächspartnerschaften aufhören, dann ist das wirklich ein Versiegen der Quellen.»

Ich muss an eine zarte, verletzliche Passage aus ihrem letztem Buch denken. In «Das Schweigen der Agenda» (2024) wünscht sich Isolde Schaad einen «unsichtbaren lautlosen Heinzelmann, der alles Unangenehme stillschweigend erledigt, die administrativen Unannehmlichkeiten, die Bürde des Haushalts. Einen Heinzelmann, der mit starken Armen und großem Herzen einfach und arglos ist.»

Ist diese niemals versiegende Affinität zur Sprache, das Wortefindenkönnen nicht auch ein Trost in diesem Schmerz, frage ich. «Ja bestimmt», so Schaad schlicht.

Ich verabschiede mich rechtzeitig, damit sie ihr heiliges Kaffeestündchen einhalten kann. Das verbringe sie am liebsten zeitungslesend und notizenmachend in ihrem Lieblingskaffee am Bellevue, in einem Glaspavillon mitten unter den Leuten, im Stadtverkehr, unweit vom See. «Ich hab das gern, wenn es rund um mich so braust», sagt sie. «Das ist der perfekte Ort, um die Gedanken zu bündeln.»


Isolde Schaads Bücher sind im Limmat-Verlag erschienen.

Hier sind sie in Auswahl gelistet:

«Knowhow am Kilimandscharo. Verkehrsformen und Stammesverhalten der Schweizer in Ostafrika. Eine Lektüre.» (1984)

«Die Zürcher Constipation. Texte aus der extremen Mitte des Wohlstands.» (1986)

«KüsschenTschüss. Sprachbilder und Geschichten zur öffentlichen Psychohygiene.» (1989)

«Body & Sofa. Liebesgeschichten aus der Kaufkraftklasse.» (1994)

«Mein Text so blau. Der Sound der Literatur. Essays, Stories und Dramen vom Tatort.» (1997)

«Keiner wars.» (2001)

«Giacometti hinkt. Fünf Wegstrecken, drei Zwischenhalte.» (2019)

«Das Schweigen der Agenda. Geschichten vom Innehalten und Aufhören – Im Auge des Grossen Duden, neudeutscheste Fassung.» (2024)