Autofahrt in den Abgrund: Teilansicht des Kunstwerks «Pozzo dei desideri» von Dominik Zehnder an der Biennale Bregaglia.

Autofahrt in den Abgrund: Teilansicht des Kunstwerks «Pozzo dei desideri» von Dominik Zehnder an der Biennale Bregaglia.

Bild: Mathias Balzer

Kolumne

Ab in die kühle Bergluft – mit heissem Motor

Die Hitze hat auch uns zu einer Reise in die Sommerfrische der Bündner Berge verleitet. Wir sind dort unseren eigenen Widersprüchen, einem traurigen Bergler und bemerkenswerten Kunstwerken begegnet.

Von Mathias Balzer

Bivio, 06.08.2026

7 min

Es ist Stossverkehr, nicht in der Stadt, sondern in den Bergen. In Bivio am Julierpass stauen sich die Autos in beide Richtungen: hoch in die Sommerfrische und runter in die Sommerhitze. Es ist Samstag, Arrivée und Départ, ein Kommen und ein Gehen.

Auffällig viele Sportwagen, meist Porsches, brausen mit heissem Motor Richtung kühle Bergluft und mit heissen Bremsen Richtung Gluthitze des Unterlands. Irgendwo muss es einen Sommer-Sale für diese Boliden geben.

Da, wo wir sitzen, am Ausgang des Dorfes Richtung Engadin, vor dem Hotel Post, wird fröhlich aufs Pedal gedrückt. Schliesslich will Mann die mit Bürolohn geleasten Pferdestärken auch mal in der weiten Natur zum galoppieren bringen.

Andere zelebrieren ganzkörpergepolstert das Heulen ihres Töffs.

Warum Menschen auf Fahrrädern mit schweren Satteltaschen gerade jetzt, unter der gleissenden Mittagssonne, den Pass hinauf trampeln, bleibt ihr Rätsel.

Unser Logenplatz in diesem Strassentheater ist eine alte, unlängst gelb gestrichene, lange Bank. Sie stand bereits vor der «Post» als hier noch Pferdewagen fuhren. Die Alten im Dorf haben sie «Banca dellas mansögnas» genannt, die Bank der Lügen, Ort, wo man sich Geschichten erzählt, von denen man weiss: Si non sono veri, sono ben trovati.

Die «Banca dellas mansögnas» vor dem Hotel Post in Bivio.

Die «Banca dellas mansögnas» vor dem Hotel Post in Bivio.

Bild: Martina Lanz

Im Zeitalter der Hypermobilität ist eine solche Geschichtenbank ein aussergewöhnlicher Ort. Denn, wer diese Tage still sitzt, gilt als Langweiler. Und Geschichten erzählt uns mittlerweile der Taschencomputer, wahre und gefälschte.

Einige sind leider wahr. Die Nachrichten verkünden Waldbrände nie gekannten Ausmasses. Was sie bereits im Sommer zuvor und im Sommer zuvor und im Sommer zuvor verkündeten. Aber heuer sei es schlimmer. «Rekordsommer»: das Unwort der Saison.

Es ist trocken wie in der Sahara. Selbst die Schweizer Kühe finden nur noch verdorrtes Gras auf den Weiden. Den Bootsvermietern ist der See abhanden gekommen. Und das politische Sommerloch wird mit dem Pro und Contra in Sachen Klimaanlagen gestopft. Ganz nach dem Motto: Für jede Krise eine Anlage.

Das sind keine schönen Gutenachtgeschichten für die sternenklaren Ferienabende im idyllisch gelegenen Zweitwohnhaus – und so kleidet man sich den Urlaub halt mit mentalem Teflon aus. Auf dass abperle, was unser Menschenrecht auf Freizeit stört.

Der alte Mann und der Schnee

Während die Blumen auf den Alpweiden verdursten, blüht das Kulturangebot. Tags zuvor haben wir die Uraufführung der Kammeroper «Annemarie» in Sils im Engadin besucht. Das Festival Zeit:fluss hat der Autorin Sarah Calörtscher und der Komponistin Céline Fankhauser den Auftrag erteilt, das tragische Leben der grossen Autorin und Journalistin Annemarie Schwarzenbach zu thematisieren.

Eine kluge und bewegende Annäherung, die ihren Weg in weitere Konzertsäle finden wird. Auch dort wird dann zu hören sein, dass wir eigentlich gegen die Bedrohungen der Gegenwart aufbegehren sollten, wie 1930 Annemarie gegen den aufkommenden Faschismus. Heute, so das Libretto der Oper – sollten wir es tun, weil «nichts mehr ist, wie es mal war / Berge stürzen ins Tal / fluten ganze Dörfer».

Noch vor der Oper begegne ich beim Souvenir-Kiosk einem alten Einheimischen in blauen Latzhosen. Wir witzeln mit Blick auf die Bushaltestelle: «Hier ist es fast wie am HB in Züri.»

Er blinzelt zum Himmel, aus dem ein paar Tropfen fallen und sagt. «Schneien müsste es. Die Gletscher brauchen Schnee. Sie schmelzen wie noch nie. Es ist richtig traurig.»

Der gute Mann geht mir nicht aus dem Kopf, auch als ich das Ticket im unterirdischen Parkhaus von Sils in den Automaten schiebe; denn auch wir sind motorisiert angereist, kein Porsche zwar, sondern ein Fiat Panda, abbezahlt, nicht geleast. Wir teilen uns das Gefährt mit unseren Nachbarn.

Ohne den Panda wären wir um diese Uhrzeit nicht mehr über den Pass nach Bivio zurückgekommen. Und ohne ihn hätten wir auch die Biennale Bregaglia nicht gesehen.

Das ortsbezogene Kunstfestival lädt dieses Jahr geradezu zum Besuch per Auto, denn die zwölf Kunstwerke sind zwischen Maloja und Castasegna über das ganze Tal verteilt. Mit der stündlich fahrenden Post ist das kaum zu machen. Wie viele Besucher:innen es wohl gibt, die das Tal entlang der Kunst durchwandern?

Im Nachhinein würde ich empfehlen: Gehen Sie zu Fuss. Den Kunst-Parcour abzufahren, mit den einzelnen Werken als Boxenstopp, ist ein seltsames Erlebnis. Türe auf, Kunst schauen, Türe zu, weiterfahren, Parkplatz suchen, Türe auf …

«Pozzo dei desideri» von Dominik Zehnder ist bis am 27. September an der Biennale Bregaglia zu sehen.

«Pozzo dei desideri» von Dominik Zehnder ist bis am 27. September an der Biennale Bregaglia zu sehen.

Bild: Mathias Balzer

Zur Kirche Sta. Maria Nossa Donna bei Promontogno führt ein kurzer Spaziergang auf den verwunschen-beschaulichen Hügel. Hier hat der Bündner Künstler Dominik Zehnder die Widersprüche und Misstöne im Dreiklang Kunst-Landschaft-Verkehr auf den Punkt gebracht.

Über ein paar Tritte lädt er dazu ein, in eine senkrecht stehende Röhre zu schauen. An deren Grund sehen wir eine schwindelerregende Fahrt durch eben jenen Tunnel, der sich genau unter Nossa Donna befindet. Da guckt der kunstaffine Autofahrer in die Röhre …

100 Jahre und kein Ende?

In Castasegna, gleich an der Grenze zu Italien, steht das zum Ausstellungsraum verwandelte ehemalige Bushäuschen, das Bruno Giacometti entworfen hat. Der Kurator Luciano Fasciati bespielt die Sala Viaggiatori seit 2022 mit thematischen Ausstellungen. Noch bis Ende Jahr ist dort «Automobile – Hundert Jahre Automobil im Bergell» zu sehen.

Isabelle Krieg etwa zeigt ihren mit Globussen gefüllten Autoreifen, eine komprimierte Weltreise. Florio Pünters Grossaufnahme der Bündner Autonummer von Annemarie Schwarzenbach ist ebenso zu sehen wie Jules Spinatschs in Autos schlafende Raver:innen oder die nächtliche, von  Sebastian Stadler initiierte Maserati-Fahrt von Castasegna nach Maloja.

In der Sala Viaggiatori zu sehen: Die italienisch-schweizerische Grenze, ca. 1950.

In der Sala Viaggiatori zu sehen: Die italienisch-schweizerische Grenze, ca. 1950.

Bild: Paolo Pomatti, Castasegna. Historische Gesellschaft des Bergell

Die Kunst weitet das historische Thema ins imaginäre. Die ausgestellten Strassen- und Postkarten, Publikationen und Fotografien zeigen uns: Das Auto in Graubünden ist eine noch relativ junge Geschichte. Von 1900 bis 1925 galt sogar ein striktes Fahrverbot im Kanton. Die mächtigen Pferde-Fuhrleute und lauten Fortschrittsskeptiker wollten diese Teufelsmaschinen nicht auf Graubündens Strassen.

Wieder zurück auf der «Banca dellas mansögnas» in Bivio frage ich mich, welche Geschichten sich die Menschen hier wohl in 100 Jahren erzählen werden, wenn sie auf das Jahr 2026 zurückblicken. Bis dahin wird es wohl noch einige «Rekordsommer» geben. Ob dann noch Autos fahren?