San Keller legt Frida die Karten seines Tarots.
Bild: Mathias Balzer
Kunst
San Keller – Was sagt mir Dein Tarot?
San Keller hat aus seinen Kunstprojekten der letzten Jahre ein Tarot gemacht. Für jede Art von Notfällen, sagt er – auch für die diffuse Ratlosigkeit nach der Sommerpause. Fünf Karten, ein Holztisch im Gartenschatten und die Erkenntnis: Damit Unerwartetes passiert, braucht es etwas Wagemut.
Zürich, 27.08.2026
Zurück aus der Sommerpause – und alles fühlt sich anders an als zuvor. Verflogen ist die geschäftige Euphorie des Junis.
Der schnelle Rhythmus, das Springen von Text zu Podcast zur nächsten Moderation hat sich in der Hitze aufgelöst wie «un sorbetto al limone».
Stille Tage im Schatten verschiedener Gärten haben Räume eröffnet, in denen alles langsamer abläuft. Alte Ideen und Projekte tauchen auf wie Flaschenpost aus der Vergangenheit. Sie fordern Zeit – und wer hat die schon?
Gerade jetzt, wo der Kulturbetrieb wieder alle Rollläden hochfährt, wäre Speed gefragt. Aber wirkliche Neugierde stellt sich kaum ein, und das ist nicht gut. Denn sie ist ja der Treibstoff des Journalisten.
Es ist auch kein Arbeitgeber da, der Leistung einfordert für Lohn. Wir sind uns selbst Chef und in unserer Jahresrechnung steht: 90% Eigenleistung.
Was also tun. Wer weiss Rat?
Vielleicht San Keller?
Der Künstler hat letztes Jahr, zu seinem 55. Geburtstag, das gemacht, was er alle fünf Jahre macht: Rückschau halten, für das Gemachte eine Form suchen, im Sinne eines Archivs und einer Grundlage für alles Weitere.
2021 tat er dies mit dem Video «Hysterical Or Naive». Fast gleichzeitig erschien mein Porträt über den «Pop-Art-Buddha», wie ihn ein anderer Schreibender einmal genannt hat. Nun hat San Keller als Rückschau ein Tarot entworfen.
Er bietet seine Dienste auf seiner Webseite so an:
55 Karten – entstanden aus meinen Kunstprojekten der letzten Jahre.
Ich lege sie für dich.
Du kommst mit einer Frage – oder einfach mit Neugier.
Deine Fragen lesen meine Projekte neu.
In meiner künstlerischen Vergangenheit öffnen sich Möglichkeiten für deine Zukunft.
Im Jetzt einer Erkenntnis.
Arbeit. Leben. Liebe. Kunst.
Alltag. Entscheidungen. Gesellschaft. Zweifel.
Wenn ich die Karten lege, spreche ich nicht über meine Kunst, sondern mit ihr.
Wir schauen gemeinsam, was auftaucht.
Manchmal antwortet sie sofort.
Manchmal stellt sie erst einmal eine Gegenfrage.
Eine Lesung dauert zirka 20 Minuten – für Einzelpersonen oder Paare.
Der Preis wird gewürfelt: Zahl × 5 Franken oder Euro.
Ich komme in Buchhandlungen, Museen und Bars, in Hotels und Unternehmen –
und überall dorthin, wo Fragen auf Karten treffen dürfen.
Das San Tarot ist eine Einladung an dich –
und eine Herausforderung an mich.
Ich schreibe ihm:
Lieber San
Ich hoffe, es geht Dir gut.
Wir sind wieder aus der Sommerpause zurück, die jedoch immer noch nachhallt. Es tun sich rund um FRIDA neue Räume auf, mentale, die gar nicht so einfach zu interpretieren sind. Deshalb würde ich gerne das San Tarot dazu befragen und – wenn es Dir recht ist – das Ergebnis bei uns auch publizieren.
Könntest Du dir das vorstellen?
Mit herzlichem Gruss
Mathias
San antwortet:
Hi Mathias
habe auch noch ein wenig Salz auf der Haut vom vielen Baden im Meer.
Freut mich, tun sich mentale Räume auf, da bin ich voll dabei.
Lass mich wissen, wenn du in Zurigo bist oder wir treffen uns anderswo.
Gruss
San
Lieber San
Ich bin grad heute in Zürich und nächste Woche wieder: Am Mittwoch oder Donnerstag wäre Zeit, Donnerstags nur bis 17 Uhr.
Von der Schöneggstrasse
Mathias
Bin heute zuhause! Magst auf einen Kaffee vorbeikommen? Kann mir 90 Minuten rausnehmen neben dem Office nach den Ferien;-)
Gerne! 15 Uhr?
Yeah, da nehm ich die Karten schon aus dem Schrank!
bis glie
san
Er empfängt mich in seiner Parterre-Wohnung im Kreis 3.
«Danke, dass das so spontan klappt», sage ich.
«Das Tarot ist für jegliche Art Notfälle da», sagt er und wirkt einen kurzen Moment wirklich wie ein Arzt.
Draussen, auf den Garten hin, stehen ein Holztisch und zwei Stühle im Schatten. Es gibt Kaffee, Wasser und Aprikosen.
San erklärt kurz, wie ihn das Tarot der Künstlerin Rosalie Schweiker zu seiner eigenen Fassung inspiriert hat.
Er reicht mir den Stapel mit seinen Karten, Rückseite nach oben. Ich darf mischen, oder auch nicht.
Ich mische und lege die ersten fünf Karten mit der Rückseite nach oben vor mir auf den Tisch.
Die fünf Karten sind gezogen und gelegt.
«Es ensteht bereits ein Bild», sagt San.
«Hell, dunkel, dunkel, dunkel, hell. Ich sehe eine Art Rahmung.»
Ich sehe einen Weg: «Vom Hellen ins Dunkle wieder ins Helle.»
«Das ist doch schon mal was.»
San fordert mich auf, irgendeine der Karten zu drehen.
Es erscheint die Karte «23 Empfehlungsschreiben»
Die Karte steht für ein Projekt, das San Keller als Ko-Leiter der Hochschule für Design und Kunst in Luzern initiiert hat. In dieser Funktion verfasst er immer wieder Empfehlungsschreiben für die Student:innen. 23 dieser Schreiben wurden als Heft publiziert.
«Da kommt ja schon mal mein Metier, das Schreiben, vor», sage ich.
«Ja, und es geht auch um die Frage: Was ist eigentlich publikationswürdig», sagt San. «Und sie weist auch auf Erinnerungen und Beziehungen hin.»
«Auch das passt», antworte ich.
«Willst Du die nächste Karte drehen?»
Ich tu es.
Es erscheint die Karte mit dem Schriftzug GRANK
Die Karte steht für ein Kunst-am-Bau-Projekt, das an der Gloriastrasse in Zürich stattfand – das Schulhaus liegt in einem «Rank», schweizerisch für Kurve.
San Keller nahm dort die Rolle eines Moderators ein und lud Künstler:innen an einem Wochenende zu einem Workshop über mögliche Formen von Kunst für diesen Bau. Die Umsetzung der Resultate wiederum übertrug er einer externen Firma.
Nach etwas Schweigen sage ich: «Es geht also um kollektives Arbeiten, Schwarmintelligenz, um Gemeinschaft.
Aber auch darum, gar nicht selbst zu realisieren, sondern nur den konzeptuellen Rahmen für ein Projekt bereitzustellen. Für mich hiesse dies: Gar nicht so viel selbst machen, vielmehr als Kurator und Ermöglicher arbeiten – und überhaupt weniger alleine.»
San verschwindet kurz und kommt mit einem Buch zurück. Band 7 der Duden-Gesamtausgabe, das Herkunfts-Wörterbuch. Sein Bruder habe es zur Konfirmation geschenkt bekommen und er habe es vor der Entsorgung gerettet.
«Momentan ist das eines meiner Lieblingsbücher.» Er schlägt nach.
«’Rank bezeichnet ursprünglich eine Biegung, Krümmung oder Wegkrümmung und gehört zur germanischen Wortgruppe um ‚ranken‘ / ‚renken‘ (drehen, biegen) und ist mit ‚verrenken‘ und ‚Ranke‘ verwandt.
Es gibt aber auch ‚den Rank ablaufen‘, also jemandem zuvorkommen oder ‚den Rank finden‘ (den richtigen Dreh/Kniff finden).»
«Das gefällt mir», sage ich. «Herausfinden, wie es gehen soll. Und Gloria-Rank wäre dann ja auch noch die Ranke, die sich zur Glorie, zum Ruhm emporwindet. Es könnte also auch um die Frage gehen, wie wichtig Erfolg bei einem Projekt ist.»
San antwortet: «Erfolg könnte ja auch sein, keinen Erfolg zu haben. – Aber Du sprichst von einer Pause. Wie fühlt sich diese denn an?»
«Pause machen bedeutet für mich nicht, dass es nicht doch immer arbeitet, irgendwo im Kopf und der Seele, ohne Zutun. Aber es muss während der Pause nichts raus, nichts hergestellt, nichts publiziert werden.»
San: «Es geht also auch um diese Art Arbeit: Das Rausgehen, das Sich-zeigen. Schauen wir doch die nächste Karte an.»
Die dritte Karte: «Alemannengasse»
San Keller wurde zu einer Gruppenausstellung im Off-Space Palazzina an eben jener Gasse in Basel eingeladen. «Die Arbeit gehört zu den hausierenden Projekten. Es gibt drei oder vier solche im Tarot.»
In der Alemannengasse ging er mit dem Schlüssel des Kunstraums von Tür zu Tür. «Ich bot den Leuten den Schlüssel an, damit sie den Raum in Ruhe besuchen und anschauen können – und ich blieb, sozusagen als Pfand, während dieser Zeit bei den Leuten in der Wohnung.»
Ich lache.
«Das Projekt hat mit Strasse und Nachbarschaft zu tun», erklärt San. «In Bezug zum Namen der Gasse auch mit Herkunft. Es ging um Begegnung und um die Frage: In welchem Zusammenhang schenkt man jemandem Vertrauen. Und natürlich ist es auch ein Aufmischen der Nachbarschaft.»
Ich sinniere: «Für mich steht die Karte für Mut, für Überwindung und daraus folgend für das Überraschende, also das Gegenteil von Routine, die mir jeden Antrieb raubt, weil ich das Gefühl bekomme zu arbeiten. Und das möchte ich nicht. Ich möchte etwas tun.»
Mein Orakel sagt: «Wir sprechen auch über die Frage, wie das Überraschende entsteht. Von der Methodik her ist das Hausieren interessant. In meinem Fall lege ich mir das ja selbst auf. Es ist eigentlich eine brutale Arbeit, eine reine Fleissarbeit. Beinah eine Form des Busse-Tuns.
Es ist aber auch die Inszenierung eines Moments, in dem jemand aus seiner Gewohnheit, seinem Raster fällt. Es geht immer wieder eine Türe auf. Eine Person erscheint. Dieser Auftritt hat etwas Theatrales. Manchmal geht die Türe auch nur einen Spalt auf. Beim Hausieren ist die Überraschung hart verdient. Sie ist ja auch eine Form der Provokation. Aber vielleicht hat das auch eine gewisse Logik.»
«Überraschendes braucht einen gewissen Einsatz, ein Wagnis», sage ich.
«Und man muss eine gewisse Monotonie ertragen. Man braucht einen Grund, warum man das erträgt. Aber nimm doch die nächste Karte.»
Die vierte Karte sagt: «Wear them all»
San Keller hat bei einem Optiker in Rom sämtliche Sonnenbrillen ausprobiert, sich fotografiert und daraus eine Dia-Show gemacht.
«Diese Karte hat etwas Überbordendes» erklärt er. «Sich nicht mit etwas zufrieden geben. Alles wollen. Die Karte hat auch etwas Verspieltes. Vielleicht steht sie auch für eine Machtfantasie. Andersherum geht es nicht um Besitz, sondern um ein spielerisches Ausprobieren von Identität. Und es geht auch darum, über sich zu lachen. Eine Einladung, alles auszuprobieren.»
«Es geht aber auch um die Frage, welche Rolle ich spiele: Schreibender, Moderator, Ermöglicher, Publizist? Es gibt bei mir ab und zu die Sehnsucht, sich nur auf eine Rolle zu beschränken. Viele Hüte tragen kann recht anstrengend sein.»
San: «Es geht um die Form des Spielerischen und um die Freude daran. Im professionellen Sinn stellt sich dann immer die Frage, ob das Spiel etwas Interessantes erzeugen soll, oder ob es mehr um den Moment geht, den Spass der Beteiligten.
Aber ich lese für Dich auch die Frage heraus: Bei was behältst Du die Freude am machen? Es geht mehr um sie, weniger um das Ergebnis.»
«Ja, vielleicht könnte es darum gehen: Andere Herangehensweisen testen, viel mehr dem Experiment Raum lassen. Leider habe ich irgendwo in meinem Mindset immer noch Überreste der so genannt journalistischen Intergrität.»
Das Orakel entgegnet: «Beim Experiment geht es immer auch um eine Art konzeptuellen Hack. Zum Beispiel: Was würde passieren, wenn ihr mal ein Heft nur für Tiere macht. Wie würde das tönen?»
Ich ziehe die letzte Karte.
Das San Tarot ist gelegt.
Dozent San Sebastian hat mit seinen Student:innen das Löwenbräu-Areal in Zürich besucht, an der Limmatstrasse. Auf dem Weg dorthin – als Intro – erzählt er, wo überall an der Limmatstrasse er Projekte realisiert hat.
«Die Karte», so San, «steht wie das gesamte San Tarot, für eine Reflexion über das, was es bereits gegeben hat. Sich nicht per se neu erfinden, sondern mit denjenigen Elementen spielen, die es bereits gibt. Eine Art Durchlässigkeit. An der Limmatstrasse gibt ja ein Fluss einer Strasse den Namen. So geht es auch um den Fluss der Zeit an einer Strasse.»
Ich sage: «Fliessend bleiben, sich nicht vom Aussenbild festlegen lassen, in Verbindung zu bereits Gemachtem stehen, Rückschau halten, das Potential wiedererkennen, realisieren, auf was alles man zurückgreifen kann. Das trifft die Sommerpause ganz gut.»
Das Orakel meint, es sei schon auffällig viel Weg in meinen Karten: «Rank, Gasse, Strasse.
Sich am Rank emporranken.
Irgendwo sind noch die Empfehlungsschreiben.
Bei den anderen Karten steht das Spielerische, Konzeptuelle im Vordergrund, das einen befreien kann vor den eigenen und den fremden Bedürfnissen, ganz nach dem Motto: ‘Ich probiere alles aus’.»
Ich blicke ein letztes Mal auf die Karten, bevor ich sie wieder umdrehe: «Rückschau, Kollektivität, sich rausnehmen, nicht nur selber machen, sondern ermöglichen, den Überraschungsmoment suchen oder provozieren.
Oft wird es dann interessant, wenn es Überwindung braucht, wenn man eine Grenze überschreitet, die Routine durchbricht, dann besteht die Möglichkeit, dass Unerwartetes passiert, dass es interessant wird, oder dass es zumindest Spass macht und einen bereichert.»
Ich mache mich leichten Fusses auf den Weg.
Anfragen für Sitzungen mit dem San Tarot können über diese Seite gemacht werden.
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