Der Schreibtisch der Autorin Dilbahar Askari im «Alpenhof» bei Oberrieden.
Bild: Dilbahar Askari
Residenz
Versinkeinladungen. Eine Meldung vom Berg
Unsere Autorin hat am Residency-Programm der Bibliothek Andreas Züst in Oberegg im Appenzell, teilgenommen. In sechs Wochen mehr oder minder produktiver Ungestörtheit begegnete sie den Vorteilen und Tücken eines andauernden Sonntags.
Oberrieden, 28.08.2026
Im Leben von Kunstschaffenden, die nicht schon längst in den Kunstbetriebs-Olymp aufgenommen sind, gibt es ein hartnäckiges Phänomen. Es ist das Phänomen der zweifelnden Stimmen. Es ist der Chor der ARBEITENDEN GESELLSCHAFT.
Man schlägt sich herum mit diesem Chor, man rechtfertigt sich, beschwichtigt oder ignoriert seine Gesänge, die oft Leiern gleichen. Arbeitest du denn auch etwas Richtiges? zischelt es aus diesem chronisch unüberzeugten Off, oder, ein anderer Klassiker: Was machst du eigentlich den lieben langen Tag?
Was Kunstschaffende den ganzen Tag tun, wenn man sie nur lässt, ist zum Beispiel in Künstler:innen-Residenzen zu beobachten.
Womit wir beim Kontext dieses Textes angelangt sind, der im Rahmen des Residency-Programms der Bibliothek Andreas Züst, im «Alpenhof», auf dem St. Anton im Appenzell, an einem Schreibtisch in einem lichten Raum, entsteht, der mit wässrig gemaserten, beinahe hypnotisierenden Seekiefernholzplanken verkleidet ist.
Und die Antwort lautet: Sie frühstücken, sie trinken Kaffee, sie finden zu langen und manchmal verzettelten Gesprächen zusammen. Sie verkünsteln sich im Kochen, richten die Speisen in winzigen Gefässchen an. Sie gehen spazieren in den umgebenden Hügeln und Tälern, sie begutachten die Wolken, die hier auf dem St. Anton, auf 1110 Metern, in unerschöpflichen Variationen schäumend übers Dach gleiten.
Durchs Fenster beobachten sie auch die Teenies auf dem Parkplatz vor dem Haus, die in titanic-hafter Umschlingung die Sonnenuntergänge betrachten, die oft opulent ausfallen, die Sonne ein im Tal zerlaufendes blutorangenes Ei. Manchmal winken sie den Teenies und manchmal winken die auch zurück.
Und sie arbeiten, wobei von aussen oft nicht einsichtig ist, woran und zu welchem Zweck, tagsüber verschwinden sie in den verschiedenen Winkeln des «Alpenhofs», der dann manchmal leer, fast unbewohnt wirkt.
Rückzugsort und Produktionsstätte
Der «Alpenhof», der ursprünglich ein Kurhotel war, und der wie ein Sockel auf einem Bergkamm sitzt, von dem aus sowohl das Bergpanorama rund um den Säntis als auch das unverrückbare Blau des Bodensees zu sehen ist, ist nach einer langen Zeit des Leerstands 1994 zum ersten Mal in Künstler:innenhände gefallen. Seither entwickelte sich das Hotel, an das sich alle möglichen illustren Namen heften, in verschiedenen Manifestationsformen und personellen Konstellationen, zu einer Kultur-Herberge, zum Rückzugsort, Treffpunkt und zur Produktionsstätte für Künstler:innen, Schriftsteller:innen und Filmschaffende aus dem In- und Ausland.
2010 erfolgte dann der Einzug der «Bibliothek Andreas Züst», des 12000 Titel umfassenden bücherförmigen Nachlasses des Fotografen, Sammlers, Glaziologen und Wetterforschers, der mit der Gründer:innen-Generation des «Alpenhofs» eng verbunden war und dem das Residency-Programm gewidmet ist.
Heute wird der «Alpenhof» kollektiv wieder als Hotel und Restaurant geführt, wobei der reguläre Betrieb für die Dauer der Residenz pausiert.
Der Auftrag, der von der Jury rund um Andreas Züsts Tochter, der Künstlerin und Kuratorin Mara Züst, an die jährlich ausgewählten Kollektive unterschiedlicher künstlerischer Sparten geht, ist, sich im nächsten oder weitesten Sinne mit Züsts Bibliothek auseinanderzusetzen.
Das Labyrinth der Bibliothek
Wenn man diese Sammlung, die sich in Form von zu Regalen gestapelten und mit Kategorien versehenen Holzkisten im Haus über zwei Stockwerke erstreckt, betritt, wird schnell klar: Es kann nicht ums Überblicken oder Durchblicken gehen. Das Vom-Weg-Abkommen ist hier Prinzip: Man verliert sich zwischen zerfledderten Taschenbüchern und seltenen Editionen, zwischen Glaziologie und Erotika.
Im Vergleich zu den murmelnden, laut rufenden, manchmal auch plänkelnden Versinkeinladungen dieser Sammlung wirken die Kataloge klassischer Bibliotheken unpersönlich wie eine Metro-Station.
Es ist durchaus auch herausfordernd, sich dieser den kategorischen Einhegungen entwindenden Fülle, den weit divergierenden Interessensgebieten und Obsessionen des Lesers und Anhäufers Andreas Züst zu nähern, dessen Spuren man manchmal in Form von Anstreichungen und Anmerkungen zwischen den Seiten findet.
Die Kollektive, die dieses Jahr aus Zürich und Basel, aus Karlsruhe und Berlin, aus Paris, Malmö und von einem benachbarten Dorf, das den verwunschenen Namen Wald trägt, angereist sind, finden ihre eigenen Wege und Strategien im Umgang mit diesem Labyrinth von Bibliothek. Es wird vorgelesen und diktiert, es wird kopiert, extrahiert und neu konstelliert, gebrowst und geblättert, und manchmal wird die Bibliothek auch einfach ignoriert.
Bild: Juliette Chretien
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Zwischendurch rührt man an dieses Paradox, das eine Auszeit, die zugleich produktiv sein soll, wahrscheinlich fast unweigerlich mit sich bringt, rührt man an die Tücke eines ewigen Sonntags, sodass einen nur die kurzzeitige Flucht vor dem Bergkoller bewahrt.
Wie es auch schon in den Schulsommerferien der Fall war, hat die Zeit, die zu Beginn so ozeanisch vor einem lag, die Angewohnheit, sich gegen Ende zu beschleunigen.
Vieles bleibt liegen. Vieles bleibt angerissen oder ungenutzt, verpufft. Man fängt an, sich nach ein paar freien Tagen zu sehnen, in denen man endlich dazu käme, die verlockenden Buchtitel, an denen man tagtäglich vorbeigeht, einmal aufzuschlagen: «The Rhime of the Ancient Mariner» zum Beispiel, oder «Das Lexikon der Dämonen und Elementargeister» oder auch «Ufos im Dreiländereck».
Aber Einiges formiert, bündelt sich letztlich doch:
So wie die Kiefernnadeln am Boden der Terrasse, die sich während des Gesprächs so angenehm abwesend in der Hand sammeln lassen und die nun mit buntem Garn zu vielen kleinen Besen zusammengefasst sind.
Ich binde meine Hefte mit meinen Notizen, mit den Cyantopien aus dem improvisierten Labor in der Waschküche, mit einem pistanziengrünen Faden zusammen.
Aus den anderen Winkeln, aus den vielen kleinen vorübergehenden Werkstätten und Ateliers kommen Spuren der verlebten Zeit ans Licht. Und das Teleskop, von dem bislang nur munkelnd die Rede war, ein Teleskop, mit dem man die Menschen auf dem Säntis beim Essen beobachten kann, taucht plötzlich im Wohnzimmer auf. Wir richten es auf den matt glänzenden Kiesel, der sich in unwahrscheinlicher Nähe aus den Wolken schält.
PS der Redaktion:
Ein paar Tage nach diesem Text schickt uns die Autorin Fotos von einem ihrer Hefte aus dem «Alpenhof». Da lesen wir unter anderem dieses Gedicht:
Es regnet, regnet, regnet. Wilde Spiralen vor dem Fenster.
Im Haus ist es still.
Nach dem Regen steigt der Nebel, wie in hauchdünnen Fäden
heraufgezogen, in hellen, badezimmerhaften Schwaden aus
dem Tal auf.
Bild: Flavia Bienz
Der «Alpenhof» ist ausserhalb der für die Residency reservierten Wochen, ein normales, kollektiv geführtes Hotel, in dem sehr gut gegessen werden kann. Buchungen sind via Webseite möglich: . Die jetzigen Betreiber:innen hören zu Ende des Jahres auf. Was danach mit dem «Alpenhof» passiert, ist momentan noch offen.
Die Bibliothek Andreas Züst ist den Gästen und anderen Neugierigen samstags von 10-12 Uhr frei zugänglich. Auf der Webseite lässt sich der Katalog einsehen.