Köbi Gantenbein geht mit seinem neusten Buch und dem Orchester Bandella delle Millelire auf Tournee.
Bild: Florian Bachmann
Literatur und Musik
Landschaft singen
«Landschaft singen», das neue Buch von Köbi Gantenbein, erscheint diese Tage bei Edition Frida. Der Autor, Journalist und Musiker sagt darüber: «Es wird mein persönlichstes Buch. Es steckt den Bogen meiner Themen aus 35 Jahren «Hochparterre» ab. Er reicht vom frohen Kampf gegen die Unvernunft der Landschaftszerstörer über das Leben in den Alpen bis zu Geschichten über Wasser, Wald und Wildnis.» Hier ein Auszug.
Fläsch, 09.10.2026
Das Buch «Landschaft singen» beinhaltet 19 Suiten. Das sind Erzählungen über Landschaften des Fremdenverkehrs, des Stroms, der Wildnis, der Dörfer und des Glücks. Sie alle wurden für live gehaltene Reden geschrieben – begleitet von unterschiedlichen Orchestern:
Eine der 19 Suiten aus «Landschaft singen» ist die folgende. Sie wurde am 5. April 2023 in Bern aufgeführt, später in Zürich (dreimal), Bern, Basel, Luzern, St. Gallen, Interlaken, Meiringen, Chur, Brig und als «Requiem auf die Trift» in Biel am 12. November 2025.
Musik: Kapelle Alpenglühn’.
Die Ermutigung der Wasseramsel
Suite gegen die Zerstörung der Trift im Berner Oberland
Ave Maria, ave Maria, ave Maria
Bhüet nisch Gott ünschara Herr Jesus Chrischt
Lyb, Ehr, Haab, Guat und alles, was ummär ischt
Bhüet nisch Gott di Trift
Bhüet nisch Gott di Gletschervorfälder
D Staumurä chund, d Wildnis geit uxandr
Für immer und ewig
Bhüat nisch Gott
Di Strom angel age
Dän Winterstrom
Schi Bed rettend d Wäld mit dem Gletschertal
Bhüet nisch Gott alls in dem Gletschertal
allhier und überall
Bhüet nisch Gott, und das walti Gott
das tüa dr liab Gott!
Ave Maria, ave Maria, ave Maria
Melchior Bossli lässt den Bettrichter aus seinen Sennenhänden sinken. Obschon tief im protestantischen Gebirge, singt er den Betruf. Denn er hofft, dass der Herrgott die Trift rette. Wo er so viele Sommer ds Alp war und in einer Höhle hauste.
Und Hoffnung ist nötig, denn die Kraftwerker wollen Melks Alp hoch oben in der Trift im Gadmertal untergehen lassen hinter der Staumauer.
Und die einst wehrhaften und widerspenstigen Naturschützer und Umweltfreunde sind eingenickt vor dem Winterstrom. Aber nicht nur der Herrgott, sondern auch die Kapelle Alpenglühn’ hat Melks Betruf gehört. Sie sitzt in der Höhle, wo er viele Alpsommer wohnte, und macht mit dem Klezmerstückli «Triftnot» dem Herrgott Beine, damit er Senn Melchiors Betruf erhöre und helfe, die Wasserkraftwerker zur Vernunft zu bringen.
Die Kapelle spielt «Triftnot»
Melchior Bossli schaut über Berg und Tal und denkt: der Triftgletscher unter mir will vor dem immer wärmeren Ungemach des Klimawandels fliehen. Weil er träg ist, verwandelt er sein Eis für die Flucht in Wasser. Er stürzt als Sturzbach ins Unterland und geht auf im grossen Meer hinter Rotterdam.
Für die Wasseramsel ist die aus Stein, Wasser und Kies wachsende Wildnis in der Gletscherbrache aus kleinen Ebenen, Stufen, Schluchten, Wasserfällen und einem See existenziell, grossartig und wunderbar. Sie lebt da. 150 Hektar – das ist fast doppelt so gross wie die Berner Altstadt – ein weiter Kessel geht über eine Höhe von tausend Metern ins Gebirge.
Verdichtung überall in der Schweiz, Verdichtung auch im Neuland auf den Gletschervorfeldern – Steine, Bächlein, Moose, Gras, Blumen, Schmetterlinge wachsen zu einer dicht und dichter werdenden Pflanzen- und Tiergesellschaft zusammen. Hier nimmt der Schnee-Enzian Raum, da will der Schwalbenwurz nicht hintenanstehen. Und schon blüht schön das Löwenmaul. Und Hand in Hand besetzt eine Erle mit der anderen, zäh und kräftig Hang und Ebene.
Und mit den Pflanzen, Erden, Kieseln und dem Wasser gedeihen Köcherfliegenlarven, Flohkrebse und Kleinschnecken, die das Futter der Wasseramsel sind. Sie soll all das hergeben für die Strom angel age. Die aber ist nicht der Mangel dieses Vögeleins, sondern der der Unterländer. Und die sind tatenlustig. Wo einst der Gletscher war, da wartet El Dorado, das nasse Gold.
Die Kapelle trägt den Wagemutigen das Fähnlein voran, führt sie in flottem Galopp von Claim zu Claim im Neuland und spielt den Galopp «Ciribiribella»
Der Trift-See im Berner Oberland.
Bild: Ralph Feiner
Vor siebzig Jahren haben die Nassgoldgräber mit eindrücklichen Feldzügen die Alpentäler erkundet, erforscht, erobert und mit starken Mauern die wilden Wasser gebändigt, gelagert, kanalisiert, turbiniert und sie so als elektrischen Strom vom Berg ins Tal gebracht, damit er den Fortschritt antreibe Tag und Nacht.
Und Ende der Sechzigerjahre sind 95 Prozent der Wasserkraft-Landschaften gebaut – so sagen ihre Ingenieure einig mit den Freundinnen der Wildnis. Andersherum: 5 Prozent sind noch zu holen. Eines Tages. Und der Tag ist gekommen. Nun müssen die letzten Prozent ihren Beitrag zum Wachstum leisten. Also wird beschlossen: Eine Staumauer zwischen Egg und Egg – die beiden Egg mit Schlupf auf der Trift im Gadmertal hat der Herrgott präzis so gerüstet, dass man gar nicht anders kann als sie mit einer Mauer verbinden!
Hallo, hallo, nein, nein – Die Blumenmary ruft: «Biotop von endloser Schönheit» und die Berg-Steigerin ruft zusammen mit dem Wildnick, dem Bergschild, dem Stromheini, dem Alpensiegrist und einer munteren, kleinen Schar aus dem Haslital, dem Berner- und dem Schweizerland:
Wir sind die Widerborste,
Wir sind die Trifties.
Wir wollen diese Landschaft behalten!
Für die Wasseramsel, für sich selber – zwecklos schön,
Oh Wildnis immerdar.
Wollt ihr Wasseramseln, dass die Welt ersticke im CO2 statt gedeihe mit Wasserkraft? Seid ihr gegen den Win ter strom und für die Mangel age? Seid ihr für das Mittelalter und gegen den Fortschritt? Merkt ihr denn nicht, dass ihr mit eurem Landschaftssäuseln den Kerlen des Atomkraftwerks Morgenluft zufächelt? Geben sie euch das Geld für eure Musikanten, damit sie uns die Sinne verführen mit dem «Triftbach-Tango»?
Die Kapelle spielt den «Triftbach-Tango»
Flott, rund und heiter – denn auch die Politikerinnen haben erlickt: Wir wollen das Fell des Bären waschen, ohne dass es nass wird. Denn unsere Wählerinnen wollen kein nasses Fell. Und die Wirtschaft kann nicht zünden in der Nässe. Und also haben wir die Zeichen der Zeit verstanden – das Wachstum soll grün, die Energie erneuerbar, profitabel und endlos sein. Also dichten sie drei fünfsilbige Zungenbrecher.
Strommangellage
Energiewende
Ener gif ende
Strom angel age
Strom an Gelage. Bitte antworten. Es ist Winter. Und das Wachstum hat kalt, die Perspektive ist erfroren.
Gelage am Ende. Verstanden. Notstand schon im Sommer.
Darum machen Bundesrat Rösti und seine Kraftwerker nun Nägel mit Köpf und kein Ringelreihen mehr mit den Freundinnen der Wasseramseln und der Winter-Enziane. Sie schliessen ihre Reihen und packen auch das Orchester in den Mantel für den Fortschritt und die Kraftwerke ein. Roland an der Tuba führt den Marsch der Einheitsfront an, die am runden Tisch beschlossen hat, dass und wie nun alles gut wird. Und übermorgen der Beton bestellt werden kann.
Die Kapelle spielt das «Einheitsfrontlied»
«Landschaft singen»
Neunzehn Suiten & Libretti über Dorf-, Strom-, Tourismus- und Glückslandschaften
Von Köbi Gantenbein
Mit Musik der Bandella delle Millelire und Fotografien von Ralph Feiner
Köbi Gantenbein war viele Jahre Chefredaktor und Verleger der Architekturzeitschrift Hochparterre. Er ist aber auch Musikant mit der Klarinette und zwirnt die zwei Fäden ineinander, indem er Suiten schreibt. Sie sind das Ergebnis profunder, journalistischer Recherche gepaart mit historischem Wissen, Fabulierlust und politischer Haltung.
Die 19 Texte in seinem neuen Buch hat Gantenbein über die letzten Jahre für Live-Auftritte geschrieben, begleitet von «seiner» Kapelle Bandella delle Millelire oder den Gebrüdern Janett.
Die Form der Rede, die sich jeweils auf den jeweiligen Aufführungsort bezieht, verleiht diesen Texten ihren ganz eigenen Rhythmus und eine mitreissende Dringlichkeit. Und der Autor zeigt: Wenn wir Weltgeschichte unter dem Brennglas des Lokalen betrachten, kann so trockene Materie wie Ortsentwicklung oder Stromwirtschaft zur grossartigen Unterhaltung werden.
Erscheinungsdatum: 17. Oktober 2027
Buchvernissage: Samstag, 17. Oktober, Kulturplatz Davos, 17 Uhr
Tourplan
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Doch im Nebel über dem Gletscher erscheint Santa Sophia, die als Heilige unter anderem fürs Eis zuständig ist. Schon manchen Senn hat sie für seinen Übermut bestraft. Dem von der Blüemlisalp hat sie seine Alp mit Steinlawinen genommen, den von der Scheenalp hat sie zu ewigem Singen verdonnert und dem von der Wüestalp das Fell über die Ohren gezogen. Nur Melchior Bossli hat sie gelobt, denn er hat die Schönheit der Trift erkannt. «So geht das nicht», ruft Santa Sophia, «wer die Trift ertränken will, muss zuerst zwei Rätsel lösen.»
Rätsel Nummer eins
Wenn von Egg zu Egg auf der Trift eine starke Mauer das wilde Wasser zu einem See staut – wie viel Strom kann so die Strom angel age erwarten?
1900 Gigawattstunden – so viel wie der Zuwachs an Sonnenstrom in der Schweiz im letzten Jahr?
110 Gigawattstunden, wie die Aare im Kraftwerk Hagneck am Bielersee zu elektrischem Strom macht?
120 Kilowattstunden wie die versammelte Jahresleistung der zehn Herzen der Kapelle Alpenglühn’ fabrizieren?
Wer die richtige Antwort ruft, erhält von Rita, der Geigerin, und Lilly an der Handorgel eine Privataufführung des Konzertes für Violine und Akkordeon Nr. 5 von Dragan Jovanovic.
Fanfarenstoss
Ach, lasset alle Hoffnung fahren. Kein Konzert für niemand: Aus dem Triftstausee kämen 215 Gigawattstunden. Gewiss, das ist mehr als die versammelten Musikantenherzen, aber viermal weniger als allein der Zuwachs an Sonnenstrom allein Letztjahr einbrachte. Und nur das Doppelte des schmucken Kraftwerks am Bielersee, das das Aarewasser nutzt, bevor es in den See strömt.
Rätsel Nummer zwei
Wenn von Egg zu Egg auf der Trift eine starke Mauer das wilde Wasser zu einem See staut – wer bezahlt die dafür nötige Investition von 452 Mio. Franken?
Die Kraftwerksgesellschaft Oberhasli, denn sie ist eine vorausschauende, klug kalkulierende, kostenbewusste Unternehmerin, die dem Kanton Bern und den Städten Bern, Zürich und Basel gehört?
Die Berghilfe, denn sie unterstützt Projekte im Gebirge?
Herr Musk, denn er kann seine Elektroautos nur mit Strom verkaufen?
Wer die Lösung weiss, erhält nach dem Konzert die Musik der Kapelle auf der CD «Vom Balkan ins Prättigau» geschenkt, ein Gewinn fürs Leben.
Fanfarenstoss
Von «Egg» zu «Egg» soll die Staumauer gespannt werden.
Bild: Ralph Feiner
Bingo! Die Kraftwerke Oberhasli. Aber sie tragen kein Risiko – die Bundeskasse – Du, Du, Du und ich – spendieren für das Triftkraftwerk 271 Millionen Franken. Wir finanzieren die eidgenössisch subventionierte Zerstörung einer Wildnis-Landschaft. Bis zu 60 Prozent Subvention bezahlt der Bund an die Baukosten.
Andersherum – keine Unternehmerin, die bei Trost ist, würde für ein Triftkraftwerk auch nur einen müden Rappen riskieren. Sie ginge pleite. Und kein einziges anderes Wasserkraftwerk würde mehr gebaut, wenn nicht hohe Subvention sprudelt. Zu billig Strom aus der Sonne, zu teuer der aus Wasser.
Doch nun ertönen die Zauberworte «Gesamtsystemdesign» und «Grünwachstumsperspektive» – endlich haben wir alles auf der Reihe und ihr Widerborste tut blöd. Nützt nüt. Die Kapelle übt schon fleissig den Walzer «Fertig luschtig widerburschtig», den sie schon 1950 zur Eröffnung des Stausees auf dem Reschen in Südtirol spielte.
Hei, war das flott, wir Musikanten sassen im Glockenstuhl und spielten uns die Lunge aus dem Leib. Und das Wasser stieg höher und höher. Zur Eröffnung des neuen Kraftwerks werden wir auf der Mauerkrone der Trift sitzen und spielen bis das Abendrot glüht.
Die Kapelle spielt «Fertig luschtig widerburschtig»
Leicht melancholisch, gewiss, leicht eckig noch tönt «Fertig luschtig widerburschtig». Aber die Kapelle hat ja noch Zeit zum Üben bis 2032 – dann wird sie das Wälzerli zur Eröffnung des Triftstausees flott federn. Und die grüne Regierungsrätin des Kantons Bern wird nach der Musik zusammen mit dem freisinnigen Stadtrat von Zürich das Band durchschneiden und langsam wird das wilde Wasser die einst eisige, heute aber blühende Ebene in der Trift füllen.
Und der grünliberale Grossrat johlt: «Endlich Strom – hoch die Tassen!» Und seine Kollegin von der Schweizerischen Volkspartei hebt das Glas: «Wie schön, dass wir uns im Namen der Heimat alle einig sind!» Auch die Direktorinnen von WWF und Pro Natura sitzen mit am Festbankett – hier haben sie eine schöne Verbesserung herausgeholt, dort das Kraftwerk verpflichtet, Wunden, die es früher geschlagen hat, zu salben. Ein schöner See, ist ja auch eine schöne Landschaft.
Und denkt nicht nur an die Wasseramsel, sondern auch an die Bergforelle und den Alpenlachs. Und Melk Bossli, der alte Senn, schaut von seinem Stein aufs Fest und denkt an die Zeit als die Trift ein grosser Gletscher war und der Wildbach toste. Nun ist der Gletscher bald fort und der Bach wird nicht mehr tosen.
Woher kommt dann das Wasser für den See, den sie nun feiern? So viel Regen?
Oder alles trocken und die Staumauer einsam?
Keine Zeit nun für solches Sinnieren – am Runden Tisch liessen sich die Umweltschützer einst von Bundesrätin Sommaruga überzeugen, einem Kompromiss zuzustimmen: 15 Kraftwerke, fünfzehn teils grosse Eingriffe in bisher unberührte Landschaften – so machen wir es und es wird gut. Und den Rest lassen wir in Ruh.
Und so tanzt Frau Alt-Bundesrätin mit den Herren und Frauen vom Runden Tisch das Tänzchen «Alles gut, alle froh» zur Feier des Gelingens über die wilden Weiten von Oberaletsch, denn Frau Simonetta hatte es gerne, wenn es alle gut haben, anstatt dass sie streiten.
Die Kapelle spielt «Alles gut, alle froh»
Bandella delle Millelire
Das Buch «Landschaft singen» ist auch ein Porträt über das Orchester Bandella delle Millelire.
Sie sind Alt-68er, Fotografen, Musik-Lehrerinnen, Mikrobiologen, Psychologinnen, Kunst-Therapeutinnen, Industriedesigner und Überlebenskünstler und fahren klimabewusst mit der SBB oder dem Regionalzug, im Sack das AHV-Halbtax und im Rollkoffer das Instrument. Vom Berufsleben haben sich die meisten der Musikant:innen schon vor einer ganzen Weile verabschiedet. Der Jüngste ist im Jahr 2026 56, die Älteste, an der Klarinette 82 Jahre jung.
Die Geschichte der Band wird erzählt, ihre Mitglieder porträtiert und ihre Musik hörbar gemacht.
Doch kaum ist das Tänzchen verklungen, werfen die Kraftwerker die Abmachung in den Wind. Die Regierung des Wallis lacht sich den Buckel voll über die edle Runde am Runden Tisch. Sie hält eine Fotografie aus dem «Walliser Boten» mit sich und Bundesrat Rösti in die Luft. Nun ist er der Stromminister und er strahlt zusammen mit den Wallisern über sein ganzes, immer fröhliches Gesicht.
Man verkündet: «Neun zusätzliche Stauseen wollen und werden wir bauen – darunter solche, die national geschützte Landschaften verderben werden.» Und Pro Natura, WWF und Kompanie haben noch Muskelkater vom Tanz am Runden Tisch – hei, wie sie über denselben gezogen worden sind. Und wie hatte ihnen die teure Simonetta doch gesagt, dass sie allenfalls mit Einspruch dafür schauen sollten, ja müssten, damit alles nach Sitte, Brauch und Recht geschehe im Gebirge. Doch die gute Frau ist weg und nun werden andere Saiten aufgezogen.
Fertig luschtig widerburschtig – das Parlament in Bern hat das Beschwerderecht der Verbände eingeschränkt. Im Namen der Energiw ende, im Namen des Strom angels, im Namen der Bau- und Betonwirtschaft. WWF, Pro Natura und Alpenclub sind eingepackt in die Einheitsfront. Die Stiftung Landschaftsschutz tat noch ein Weilchen störrisch. Und Aquaviva, die kleine Freundin der Fische, rief «Nein, halt, nicht mit uns!» – feiert Euer Fest allein. Und dann ist auch sie gekippt und hat ihre Beschwerde gegen die Zerstörung der Trift zurückgezogen.
Die Kapelle spielt die «Marcia funebre», die sie an Begräbnissen auf Sizilien spielt
Die Tränen trocknen. Die Trift ist eine Medizin gegen die Stro man gel age im Winter. Und die Aktien der Holcim steigen. Allein aber für die Staumauer, die Kavernen, die Stollen, die Strassen sind 500 000 Tonnen Beton nötig. Das ist ein Eisenbahnzug, der von Luzern bis nach Lugano lang ist. Dieser 130 Kilometer lange Betonzug kostet 100 000 Tonnen CO2 Und da das alle wissen, und da das alle hinnehmen und da alle davon profitieren, schreitet der Fortschritt voran.
Aber nein, ruft Albrecht von Haller. Die Trift ist zwecklos schön. Ich war der erste Poet der Alpenschönheit. Auf dem Weg von Meiringen nach Göschenen machte ich 1728 auf meiner Tour einen Bogen durchs Gadmertal, ich schaute in die Trift und pries ihr Paradies.
Im Mittel eines Thals von himmelhohem Eise
Wohin der wilde Nord den kalten Thron gesetzt
Entspriesst ein reicher Brunn mit siedendem Gebräuse
Raucht durch das welke Gras und senget, was er netzt
Sein lauter Wasser rinnt mit flüssigen Metallen
Ein heilsam Eisensalz vergüldet seinen Lauf
Ihn wärmt der Erde Gruft und seine Fluten wallen
Vom innerlichen Streit vermischter Salze auf
Und so greif ich die Harfe und blas ins Horn
Trift, oh Gletscher, gülden und rot
Schöner ist nur der süsse Tod
Die Kapelle spielt «Albrechts Verzückung»
Diesen Walzer tanzte Albrecht angesichts seiner Verzückung über den Triftgletscher im Abendrot. Wie aber sollen wir Albrecht Viktor von Hallers Alpengedicht lesen, am Abend in der Dünkle des Winters, wenn nicht mit Strom aus dem Stausee der Trift? Tun wir doch einfach wie er einst – lesen wir am Tag, wenn auch im Winter die Sonne scheint. Das schenkt ein, denn wir verleuchten nachts in Haus, Hof und Strasse 6,5 Terrawattstunden. Oder andersherum 32 Triftseen pro Jahr. Nur schon die Schaufenster ablöschen, wird helfen.
Denn es gibt eine neue Währung: Den Trift.
Die Schaufensterreklame in der Schweiz ist mit 150 Gigawattstunden pro Jahr einen Trift wert. Ihn sparen, heisst, sich im Sonnenschein an der Warenvielfalt freuen und vom Abend an visuelle Ruhe in der Stadt haben. Die Kapelle Alpenglühn’ ist gut erzogen. Sie spielt nicht nur Mazurka und Tschtaschtscha. Sie ist nicht so religiös wie Bundesrat Rösti und seine Freunde, die glauben, Wachstum sei gottgewollt.
Wachstum ist menschengemacht und darum schlägt die Kapelle denen, die nach der Trift und anderer Wildnis trachten, handfest vor, wie diese nicht unter Wasser gesetzt werden wollen. Und die Schweiz dennoch nicht untergeht.
Trommelwirbel
Bild: Ralph Feiner
Unsere Grossmütter hatten einen Waschtrog auf der Feuerstelle, welch eine Mühsal! Unsere Mütter hatten eine Waschmaschine – welch ein Gewinn! Und da der Fortschritt nie zu Ende ist, stehen in unseren Wohnungen neben den Wasch- die Tumblermaschinen.
Das Gesetz hat uns schon vor einem Jahrzehnt zum Stromsparen das schönste aller Lichter genommen – die Glühlampe. Und es gab keinen Aufstand. So kann es uns gegen die Stro man gel age und für die Ener giew ende getrost den Tumbler wegnehmen. Und das Bettzeug riecht frisch, luftgetrocknet und sonnengebleicht.
Und welch schöner Farbtupfer in der Stadt und im Dorf – bunt im Wind über Gassen flatternde Unterleibchen, Tisch- und Betttücher. Wie in den Ferien in Napoli.
Dieser Genuss ist erst noch kostenlos in Franken und er ist fünf Trift wert, denn so viel Strom verheizen die Tumbler, die unnötigsten aller unnötigen Apparate. Fünf Trift pro Jahr.
Trommelwirbel
Der neue Spielplatz der Finanzmenschen heisst Bitcoin! Solche Kryptowährungen entstehen durch komplizierte Rechenrätsel, die bloss gigantische, weltweit vernetzte Computer lösen können. Sie verbrauchen weltweit 150 Terawattstunden Strom pro Jahr – das sind sage und schreibe 1000 Trift.
Herrgottsack – ist nicht jede Trift sünd und schad für solche Spekulantenwerkzeuge?
Zurzeit geht es Bitcoin und ihren Kamaradinnen prächtig, weil Präsident Trump die Welt auf den Kopf stellt. Das wird sich ändern. Er wird ermatten. Mögen dann Bitcoin& Co untergehen! Und wir sparen viel Srom, ohne dass irgendeiner und irgendeine von uns darben muss. Hepl, der Trommler, wird zu Bitcoins Begräbnis seine Trommel rühren.
Trommelwirbel
Malans ist ein Dörflein im Kanton Graubünden. Sein Frauenverein hat die Malanserinnen eingeladen, Künstliche Intelligenz zu lernen und so Kreativität zu finden und zu stärken. Es lebe der Frauenverein, denn nur die Lust auf Kreativität kann Malans, Graubünden und die Schweiz retten – Künstliche Intelligenz verbraucht weltweit jährlich 400 Terrawattstunden, 2030 sollen es 1200 sein. Vielleicht auch viel mehr. In der neuen Währung sind das sage und schreibe 8000 Triftkraftwerke. Der Wasseramsel sind Chatgpt, Deepseek & Co einerlei und auch für die Aufrichtung des Menschengeschlechts zu Frieden und Freiheit nützen sie nichts. Sie mögen untergehen und wir zünden ein Freudenfeuer an.
Trommelwirbel
Die Kapelle Alpenglühn’ ist nicht nur die Totengräberin des Bitcoins, die Spassbremse des Tumblers und die Reklameagentur des Isolationsgewerbes, sondern auch Ingenieurin von grünem W ch s tm. Würden mit einer Pflicht auf alle geeigneten Dächer und Fassaden der Schweiz Solaranlagen montiert, ergäbe das 81 Terrawattstunden Strom und Wärme. Das sind sage und schreibe 376 Trift – viel mehr Strom, als die Schweiz heute verbraucht. Und viel billiger produziert. Alle sind ja dafür, dass jedes Haus einen Wasseranschluss und ein Rohr zur Kanalisation hat. Möge es so werden, dass ein Sonnenfänger ebenso Sitte und Brauch wird.
Wobei – die Welt ist verkehrt. So lasen wir jüngst, dass der Bundesrat die Solarenergie auf den Häusern zeitweise abstellen will, weil so viel Sonnenstrom montiert wird, dass die Leitungen glühen. Heitere Welt – die Trift soll vernichtet werden, weil es zu wenig Strom hat und die Hüslibesitzer bestraft, weil sie zu viel Strom machen.
Meinen wir es ernst mit dem Umbau der Schweiz, so nützt die Zerstörung der Trift nichts. Also wollen wir johlen: Weniger ist nicht mehr, sondern sonnig.
Meinen wir es ernst mit dem Energie-Umbau der Schweiz, so nützt es nichts, ihre Landschaft zu fluten.
Die Beschwerdeschrift ans Berner Gericht gegen ein Kraftwerk auf der Trift hatte eine klare Logik: Es geht nicht, erneuerbare Energie zu rufen und dafür Landschaft zu zerstören, denn Landschaft ist nicht erneuerbar.
Aquaviva, die Verfasserin der Einsprache, aber hat die Beschwerde zurückgezogen – die Kapelle begann ihre Tournee für die Trift heiter und zuversichtlich: Der Entscheid, die Trift zu zerstören, kann gekippt werden. Zwölf Auftritte und zwei Jahre später beendet die Kapelle ihre Tournee und spielt ein Requiem für die Trift.
Doch Melk Bosslis Betruf wird wirken. Und heiter, wie dieser Senn aus dem Gadmertal ist, greift er zur Posaune für seine Freundin, die Wasseramsel, und stimmt das Lied an, das immer und immer wieder Widerstand aus Tränen geschöpft hat.
Die Kapelle spielt «Bella Ciao»
Die Wasseramsel erhebt die Trift zum Denkmal und sie zwitschert: «Umweltverbände – sagt «Ja» zur Wildnis auf dem Neuland im Gebirge. Fordert Kosten- statt Betonwahrheit. Setzt Euch ein am Gornerli, am Oberaletsch und am Turtmann Gletscher im Wallis, wehrt Euch gegen die Ideen, in der Ruinaulta in der Sursevla und zwischen Chur und Mastrils aus dem Rhein Kraftwerke zu machen. 32 Orte nennt die Liste der Elektriker – wir müssen uns anstrengen, diese Landschaften zu schützen. Und aus dem Requiem der Trift lernen.
Eigensinn und Widerstand sind nötig und waren immer wieder erfolgreich:
Neu-Splügen wurde nicht gebaut. Das Oberengadin wurde nicht versenkt. Der Alpenrhein wird zurzeit in eine naturnahe Landschaft umgebaut, statt wie einst geplant in sieben Kraftwerke. Das Urserental ist kein Stausee. In der Greina blüht das Wollgras, in der Val Curciusa kriecht, fliegt und gurgelt es, die Val Bercla ist eine Wildnis, die Val Madris ist eine Alp geblieben.
Und so freut sich die Trift, dass sie Wildnis bleibt, und grosse Hochzeit ist, wo die Wasseramseln mit den Libellen tanzen und die Kaulquappen mit den Steingeistern vom Dammastock schwanken, bis das Morgenrot über dem Talkessel den neuen Tag einläutet. Und nach der grossen Hochzeit gehen alle mit der Kapelle Alpenglühn’ auf Hochzeitsreise nach Rimini ans Meer und grüssen alle im Berner Oberland: Wir haben es lustig, wir haben es flott. Wir bleiben in Italien, dann hat die Trift auch Ruhe vor uns.
Die Kapelle spielt «La Fogaraccia» von Nino Rota aus dem Film Amarcord