Wissen wir wirklich genau, was wir tun, wenn wir singen?
Bild: Keystone
Kolumne
Singen gegen die Angst
Es gibt Momente im Leben, in denen Singen oder Kunst-Machen wirklich helfen kann. Das hat bereits meine Enkelin gemerkt.
Chur, 02.09.2025
Der 11. August 2025 war für meine Enkelin Ella ein grosser Tag – ihr erster im Kindergarten. In der Woche zuvor war sie bei uns in den Ferien, und etwas war anders als sonst.
Sie sang ausserordentlich viel und laut, von morgens früh bis abends spät. Sie singt auch sonst gerne und oft, verwandelt regelmässig die Kehrschaufel in der Küche in einen Mikrofonständer, den dazugehörenden Besen in eine Gitarre und alle Anwesenden in ihr Publikum. Diesmal aber war etwas anders. Sie sang vor allem auch, wenn sie alleine im Zimmer oder auf der Toilette war.
Ahnend, dass dies alles wohl mit dem bevorstehenden neuen Lebensabschnitt zu tun hat, hat meine Partnerin sie gefragt, warum sie so laut singe. Die Antwort hat mich seither beschäftigt: «Ich singe, damit ich keine Angst habe.»
Mir wurde rasch klar, dass wir hier einer Art Urszene der Kunst beiwohnten. Der Mensch singt nicht primär, um einem Publikum zu gefallen oder um Geld zu verdienen oder, wie früher in der Schule, um vom Gesangslehrer eine gute Note zu bekommen. Nein, der Mensch singt, um seine Ängste zu vertreiben.
Making special
Mein so intelligenter – aber nicht singender – Computer erklärt, beim Singen und der Musik sei die Wirkung neurobiologisch erforscht. Musik aktiviere unsere neuronalen Belohnungszentren und dämpfe die so genannte Amygdala, das Angstzentrum. Gemeinsam Singen und Trommeln steigere die Bildung von Oxytocin und von Endorphinen, was unser Angst- und Schmerzempfinden mildert. Und auch die sozialen und psychologischen Aspekte sind aufgearbeitet.
Ellen Dissanayake, eine US-amerikanische Anthropologin und Musikästhetikerin, hat beispielsweise die Idee des Bannens von Angst durch Musik erforscht. Sie nennt Singen, aber auch Kunst-Machen generell, «making special», also etwas Spezielles tun, etwas, das über die alltäglichen Tätigkeiten hinausgeht.
Durch «making special» würden die Menschen unberechenbare oder bedrohliche Ereignisse in geregelte, vorhersehbare Handlungen verwandeln. Deshalb singen und musizieren wir an Beerdigungen. Deshalb formulieren wir unsere Abgründe im Theater. Deshalb erzählen wir uns Geschichten. Wir tun es, unter anderem, um die Angst zu bannen.
An der Klippe des Nichtwissens
Und ich frage mich, warum ich nicht öfters singe. Zum Beispiel gegen dieses fiese Pfeifen bei der Dentalhygienikerin. Oder wenn ich an einem Pferd vorbeigehen muss. Würde es mein Singen verstehen? Oder würde es sich taub stellen und kurz und treffsicher nach hinten ausschlagen?
Aber eigentlich müsste ich immer dann singen, wenn mich jener metaphysische Schwindel packt, der mich schon lange begleitet. Die Künstlerin Isabelle Krieg hat für diesen Schwindel in unserem Podcast sehr treffende Worte gefunden. Sie nannte die Panik vor dem eigenen, totalen Verschwinden, profan «sterben» genannt, eine Art «negativen Orgasmus». Es handelt sich dabei um einen sehr körperlichen Zustand, bei dem sogar das Rasen der Zeit, oder wenn Sie wollen, der Raumzeit, irgendwie spürbar wird – und eben deshalb Schwindel verursacht.
An dieser Klippe des Nichtwissens und der Angst sind die wenigstens völlig schwindelfrei. Und an eben dieser Klippe stehend, so stell ich mir vor, begann einst jemand zu singen – bis er heiser wurde. Oder ging in seine Höhle und begann zu malen. Oder erfand eine Religion, einen tröstenden Gott, der verspricht, wer brav sei, müsse nicht verschwinden.
Und so wie es ausschaut, werden wir noch lange singen und malen und tröstende Götter suchen. Und das ist eigentlich eine gute Nachricht. Für die Kunst. Und für alle singenden Enkel:innen dieser Welt.