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Die Kuratorin, Kunsthistorikerin und Autorin Bice Curiger engagiert sich seit Jahrzehnten für ein intelligentes und breitenwirksames Feuilleton.

Bild: zvg Bice Curiger

Kulturjournalismus

Bice Curiger: «Es ist höchste Zeit, dass wir aktiv und kreativ werden»

Was tun gegen den Abbau im Kulturjournalismus? Die Kuratorin und Autorin Bice Curiger kennt das Schreiben über Kunst und Kultur seit über 40 Jahren. Sie geht mit den Entwicklungen in den Medienhäusern hart ins Gericht, ruft zum Handeln auf und schlägt auch Lösungen vor.

Von Mathias Balzer

Zürich, 07.04.2026

9 min

Liebe Bice Curiger
Ich beginne nun unser Ping-Pong. Der Ablauf ist einfach: Wir spielen uns über die – sagen wir mal – nächsten acht bis zehn Tage in lockerer Folge Fragen und Antworten zu.
Also: Sie haben 2023 in einem Beitrag in der NZZ das Verschwinden der Kunstkritik mit deutlichen Worten benannt. Der Text schliesst mit diesem Satz: «Der Vorwurf steht im Raum, dass die Medienhäuser nur noch von amusischen, visionslosen, erbsenzählenden Technokraten regiert werden.» Können sie hier ausführen, was sie damit meinen?

Bice Curiger: Ich kriegte so viel Echo auf meinen Artikel, was bestätigt, dass eine kulturaffine Leserschaft sehr frustriert ist über unsere Situation und sich Sorgen macht. Gerade weil wir die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Medien in der viersprachigen Schweiz mit ihrem kleinen Markt noch stärker spüren als anderswo. Hinzu gesellt sich unser ausgeprägtes Nützlichkeitsdenken. Auch private Medien sollten ihre kulturelle Verantwortung wahrnehmen und nicht nur die Klicks oder Einschaltquoten zählen.

Kultur und Medien sind essenziell für die Gesellschaft. Im vergangenen Jahrzehnt wurde nicht nur eine erschreckende Anzahl Stellen im Kulturjournalismus gestrichen, sondern gleichzeitig offen agitiert gegen den lebenswichtigen geistigen Austausch mit den kulturellen Hervorbringungen in unserem Lande. Man verweist unsereins mehr und mehr in die sogenannt «elitäre» Nische. Wie gefährlich eine solche Situation ist, sollte jedem politisch aufgeschlossenen und gebildeten Menschen doch klar sein.

Bice Curiger

Bice Curiger ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin. Sie ist Mitbegründerin und war Chefredakteurin der in Zürich und New York von 1984-2017 erschienenen Kunstzeitschrift «Parkett». 2004 bis 2010 war sie Editorial Director der Museumszeitschrift «Tate Etc.» der Londoner Tate Gallery. Im Jahr 2011 leitete sie die 54. Biennale in Venedig. Während 20 Jahren (1992 – 2012) arbeitete sie als Kuratorin am Kunsthaus Zürich und war von 2012 – 2025 Direktorin der Fondation Vincent van Gogh Arles.

Vor gut einem Jahr war ich in Chur auf einem Podium mit Joachim Braun, dem Chefredaktor von Somedia. Er begründete den Abbau von Kritikformaten damit, dass es sich bei diesen Texten leider oft um Beiträge handle, welche die Redaktion intern als «Geisterartikel» bezeichne. Sie seien zwar da, würden aber nicht oder viel zu wenig gelesen. Angesichts der knappen Ressourcen könnten sie sich das erstens nicht mehr leisten und zweitens gehe es darum, Formate zu entwickeln, die auch gelesen werden. Bei Somedia sind das vor allem Porträts von Künstler:innen. Was würden Sie Herrn Braun antworten?

Ich möchte behaupten, dass dieses Rechtfertigungs-Gejammer von genau jenen Medien vorgebracht wird, die auch nie ein Interesse hatten, ein gleichzeitig prickelndes, intelligentes und breitenwirksames Feuilleton zu entwickeln, das sich ständig erneuern würde und gute Antennen in die Gesellschaft hinein pflegt. Auch bei knappen Ressourcen liesse sich etwas entwickeln, wenn der Wille und die Passion da sind. Aber dann sind wir wieder bei dem zitierten Satz mit den «amusischen, visionslosen, erbsenzählenden Technokraten».

Es geht auch nicht darum, eine gutgepolsterte Vollzeitstelle für lebenslange Sesselkleber zu installieren, die sich darin suhlen, alles schlecht zu finden, was sie «besprechen müssen» (allein diese Wortwahl) und mehr Verhinderer als Förderer der Kultur sind.

Das dahinserbelnde Format der Kritik ist ja nur eines von vielen im Kulturjournalismus. Es gibt auch das Porträt, das Interview, den Essay, die Reportage, den Briefwechsel etc. Ist die Figur des Kritikers, der Kritikerin nicht etwas aus der Zeit gefallen? Die Künste sind globalisiert, es wird unheimlich viel produziert, den Überblick zu behalten ist sehr aufwendig. Plädieren Sie denn explizit für den Erhalt der Kritik?

Ja, es gibt keine Kunst und keine Kultur ohne Reflexion, also ohne die vertiefte geistige Auseinandersetzung mit ihr. Aber es ist bezeichnend für die Situation, dass allein das Wort «Kritik» zu Verlegenheit und Missverständnis Anlass gibt. Man verbindet damit zu oft immer noch die Vorstellung einer päpstlichen Autorität auf dem hohen Sockel, die Noten verteilt. Oder man lechzt schadenfreudig nach unterhaltsamen «Verrissen» und medial wirksamen «Skandalen».

Das Feuilleton ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, die eng mit dem etablierten Akademismus verbunden war. Heute vergisst man aber, dass im Zuge der Industrialisierung, der neu aufkommenden illustrierten Zeitschriften und Zeitungen, dem massenreproduzierten Wandschmuck, sich auch eine äusserst lebendiger Kulturjournalismus heranbildete, der sich mit den kulturellen Hervorbringungen jener Zeit auseinandersetzte. Und das ist genau das Drama heute, wir leben in einer Zeit, in der diese, von einem bürgerlich demokratischen Willen angetriebene Instanz weggefallen ist.

Wir leben in der Diktatur der Einschaltquoten.

 

Sie selbst haben mit Jacqueline Burckhardt, Walter Keller und Dieter von Graffenried 1984 das legendäre Kunstmagazin «Parkett» gegründet und dieses bis 2017 herausgegeben. In den 1980er-Jahren hatten die Einschaltquoten  wahrscheinlich noch nicht dieselbe Macht wie heute. Es war für die Printmedien das goldene Zeitalter. Was war damals Ihre Motivation, das Magazin zu gründen?

Der Zeitpunkt um 1980 ist der entscheidende Moment einer verpassten Chance. Als sich die Möglichkeit angeboten hätte, das Feuilleton radikal und intelligent zu erneuern. Stichworte wie «Demokratisierung der Kultur» und «Abbau der Schwellenangst zwischen High & Low» standen plötzlich gross im Raum. Aus Schweizer Sicht etwa erinnert man sich an die Einführung des Popkredits in Zürich nach dem Opernhauskrawall. Eine junge Generation war erstmals mit Popkultur aufgewachsen und machte sich laut bemerkbar. Es war ein Aufbruch mit einer Polarisierung: Im konservativen, bürgerlichen Lager wurden eisern tradierte Kulturvorstellungen hochgehalten (NZZ Feuilleton, Die Zeit etc.), im andern Lager aber bahnte man leider bereits der brutalen Populismuswalze den Weg (Fernsehen, TA-Medien), deren Verheerung die Digitalisierung, das Internet in den 1990ern noch verstärkte.

 

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2017 ist die 100. und letzte Ausgabe des Kultumagazins «Parkett» erschienen.

Zur Frage nach «Parkett»: Nachdem ich 1979 im Kunstbulletin einen Artikel «Kunst zwischen E-Kultur und Punk» publiziert hatte, lud die Kulturabteilung der Stadt Zürich mich ein, eine Ausstellung zu organisieren. So entstand «Saus und Braus»», welche die neue Situation im Fokus hatte mit ihrem erweiterten kreativen Humus. Eine gleichzeitig urban weltläufige und lokale Kunstszene war entstanden.

Fischli Weiss begannen genau dann als Duo in diesem Geist Kunstwerke zu machen. Klug reflektierte Werke, die gleichzeitig äusserst zugänglich sind, wie «Plötzlich diese Übersicht» mit den 300 Tonfiguren von 1981, welche versuchen die Welt zu erklären. Vier Jahre später publizierte der Philosoph Jürgen Habermas «Die neue Unübersichtlichkeit». Dies zeigt doch, wie aktuell und zeitkritisch die Zeichen von Künstler:innen für eine Gesellschaft sein könnten. Wenn man sie nicht nur als sonntägliche Zugabe oder gar als überflüssig versteht.

«Parkett» ist 1984 einerseits aus Enthusiasmus über den neuen künstlerischen Aufbruch entstanden und ebenfalls aus Frust über das damalige mediale Unvermögen, darauf adäquat einzugehen. Das Feuilleton traute sich nicht, die Impulse der Künstlerschaft alert und intelligent aufzunehmen. Ja, all die «Sternstunden der Kultur» und eben auch das «Parkett» wurden in der Folge  – ausgerechnet! –  in die «elitäre Nische» gedrängt.

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1981 hat das Künstler-Duo Fischli/Weiss erstmals die Installation «Endlich diese Übersicht» gezeigt. Hier im Vordergrund das Element «Kurz vor dem entscheidenden Tor beim Weltmeisterschaftsfinale zwischen Deutschland und Italien». (Aufnahme 2015, Schaulager, Münchenstein.)

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Was müsste denn heute angesichts der «Dikatur der Einschaltquote» passieren?

Holen wir uns den Raum für die vertiefte Auseinandersetzung mit der Kunst und Kultur zurück! Es soll wieder ein Publikum existieren dürfen, dem komplexere Gedankengänge und experimentellere Texte helle Freude bereiten. Ich habe eine Idee, wie die Medien wieder eminent zur Kulturförderung etwas beitragen könnten, mit etwas, das sie nicht viel kostet: Sie verteidigen ja den brutalen Abbau des Feuilletons mit der Einschaltquote. Dann sollen sie doch einfach die Paywall aufheben für die wenigen kulturellen (aber nicht für ihre pseudokulturellen) Artikel. Und ab und zu liesse sich spielend ein Sponsor finden, der das Schreibhonorar für einen tollen doppelseitigen Essay finanziert. Auch eine derartige staatliche Förderung von Kunstvermittlung wäre angebracht, die sich nicht nur in der Auszeichnung des Grand Prix Meret Oppenheim erschöpft. Es ist höchste Zeit, dass wir aktiv und kreativ werden.

Der Abbau bei den grossen Medienhäusern hat aber doch zu einigen Reaktionen geführt. Neben den bereits etablierten Kulturmagazinen wie dem «Kunstbulletin», «null41» in der Innerschweiz, «Saiten» und «Thurgaukultur» in der Ostschweiz sind in den letzten Jahren die «Republik» in Zürich, die «Hauptstadt» in Bern, «Bajour» und Filmexplorer in Basel, «Cültüre» oder auch unser Magazin FRIDA entstanden. Alle diese Initiativen eint natürlich der dauernde Kampf ums Überleben. Trotzdem: Entsteht da nicht eine Art Gegenöffentlichkeit, die das entstandene Vakuum zumindest teilweise füllt?

 Zum Glück regt sich noch was! Aber sprechen wir da nicht auch eher wieder von  «Nische» als von «Gegenöffentlichkeit»? Ich habe die Zeiten der «Gegenkultur» erlebt, die waren kämpferisch und von Weitblick und Aufbruchstimmung getragen. Heute beisst man auf die Zähne und flüstert sich selbst in verkrampfter Munterkeit ein: «Bloss kein Kulturpessimist werden»!  Aber seien wir ehrlich, die letzten eigenständigen Buchläden, die nicht nur auf die bekannten Bestenlisten eingeschossen sind, sterben aus. Gibt es eigentlich noch Verlage, die eine kunsthistorische Studie publizieren – ohne dass sie durch «Fremdbeiträge» vorfinanziert wäre?

Darf ich zum Schluss die Frage stellen: Was ist denn so falsch am «Kulturpessimismus»? Gestehen wir uns doch den Ernst der Lage ein und tun etwas!