Heidi Maria Glössner spielt im Bündner Kantonsparlament in Chur die Hauptrolle in Ferdinand von Schirachs «Gott: Wem gehört unser Leben?». Regie: Barbara David Brüesch.

Heidi Maria Glössner spielt im Bündner Kantonsparlament in Chur die Hauptrolle in Ferdinand von Schirachs «Gott: Wem gehört unser Leben?». Regie: Barbara David Brüesch.

Bild: Mayk Wendt

Essay

Was tun, wenn Menschen sterben wollen?

Auch in einer Gesellschaft ohne Gott, bleibt der Tod Rätsel und Mysterium. Das Sterben überfordert, besonders, wenn ein Mensch den Zeitpunkt seines Todes selbst bestimmt. Das Theater ist ein guter Ort, um dieses Thema zu verhandeln, schreibt der Dramaturg und Regisseur Jonas Bernetta.

Von Jonas Bernetta

Zürich, 13.10.2022

8 min

«Ich will sterben», sagt Elisabeth Gärtner. Deutlich und klar spricht sie ihren Entschluss aus. Elisabeth Gärtner ist knapp achtzig Jahre alt. Sie könnte auch sagen «Ich kann nicht mehr», «ich mag gehen», «es ist an der Zeit», so wie es viele sagen, wenn sie denken, an ihrem Lebensende angekommen zu sein. Doch sie sagt «ich will sterben» und räumt jeden Zweifel aus dem Weg.

Für Angehörige ist das erstmal ein Schock. Es ist schwer zu verkraften, wenn eine nahe Person lieber sterben möchte, als bis zum letzten Augenblick zu leben. Viele haben Hoffnung, glauben an eine Chance, versuchen sie umzustimmen. Doch ist einmal der Entschluss gefasst und ausgesprochen, lassen sich Sterbewillige kaum mehr umstimmen.

Elisabeth Gärtner, die Hauptfigur in Ferdinand von Schirachs neustem Theaterstück «Gott», hat ihre Gründe zu sterben. Sie möchte medikamentös und damit «in Würde» sterben. Sie verlangt bei ihrer Hausärztin das herkömmliche Medikament für solche Fälle: Natrium-Pentobarbital. 15 Gramm davon reichen, um friedlich zu sterben.

Ist der Wille ausgesprochen, steht einem sterbebereiten Menschen in der Schweiz die Möglichkeit offen, dies zu tun. Doch nicht für Elisabeth Gärtner. Denn in der Schweiz gilt für Ärzt:innen, dass sie assistierten Suizid nur bei Menschen leisten können, die an einer unheilbaren und schweren Krankheit leiden. Elisabeth Gärtner ist aber nicht unheilbar krank. Sie will sterben, weil sie in ihrem Leben keinen Sinn mehr sieht. Weil sie weiss, dass sie am Ende angekommen ist. Und sie möchte nicht an einer Krankheit leidend sterben, sondern selbstbestimmt, gesund und bei vollem Bewusstsein.

Seit jeher ist der Tod ein Thema, das die Künste und das Theater vielseitig beschäftigt. In den letzten Jahren rückte auch die Sterbehilfe in den Fokus künstlerischer Auseinandersetzung. Kern dieser Arbeiten war zumeist die Autonomie und Selbstbestimmung am Lebensende. Gleich mehrere Theaterstücke haben sich in jüngster Zeit mit dem selbstbestimmten Sterbewunsch befasst, etwa Boris Nikitin’s «Versuch über das Sterben», Milo Rau mit «Beauty and Grief» oder das erwähnte Stück von Ferdinand von Schirach. Doch woher rührt dieses vermehrte Interesse an der Sterbehilfe?

Zeit für eine kleine historische Einordnung

Die Geschichte der Sterbehilfe ist noch jung. Erste Forderungen nach medikamentösem Suizid kamen Mitte der 1960er als Protest auf den damaligen Umgang mit Sterbenden in Krankenhäusern auf. Ärzte standen in Verruf, das Leben ihrer Patient:innen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verlängern. Die an «Schläuchen hängenden» Patient:innen wurde zum schrecklichen Sinnbild für Alter und Krankheit. Ein Bild, das bis heute unsere Ängste vor dem Altern prägt.

Die in den 1960er-Jahren aufkommenden Forderungen nach Selbstbestimmung und Autonomie wurden auch in Bezug auf das Lebensende neu formuliert. Es entstanden erste Hospizbewegungen und Sterbehilfeorganisationen, die sich dafür einsetzten, das Sterben nicht nur auf körperliches Leiden zu reduzieren. Cicely Saunders, auch «Mutter der Hospizbewegung» genannt, gründete 1967 in London das erste moderne Hospiz und formulierte mit der «Hospice Care» (heute Palliative Care) grundlegende Prinzipien der ganzheitlichen Begleitung am Lebensende.

Saunders setzte dem Schreckensszenario im Spital einen Umgang mit dem Sterben entgegen, der zum Ziel hatte, den Bedürfnissen der Sterbenden zu entsprechen. Die Sterbehilfe und die Palliative Care entwickelten so ein Sterbeideal, für welches die Selbstbestimmung über das eigene Ableben im Zentrum steht und wiesen damit ärztlichen Paternalismus in die Schranken.

Am Ende doch ein einsamer Entscheid?

Heute steht die Debatte an einem ganz anderen Punkt. Wie die Medizinethikerin Nina Streeck in ihrem Buch «Jedem seinen eigenen Tod» schreibt, sind das Sterben und das Sprechen über das Sterben längst enttabuisiert. Fast jeder von uns kennt im nahen Umfeld, ob Freund:innen oder Familie, die eine oder andere Person, die mit Sterbehilfe aus dem Leben schied. Gerade in der Schweiz ist die Sterbehilfe mittlerweile tief verankert. Exit, die grösste Sterbehilfeorganisation, zählt über 140’000 Mitglieder, Tendenz stark steigend. Die Organisation begleitet zwar Sterbewillige bis zum Tod, doch den Entschluss diesen Weg zu gehen, muss jeder selbst fällen.

Wir können darüber am Esstisch diskutieren, Angehörige einbeziehen, Geschichten teilen und politisch darüber reden. Dennoch bleibt der Entschluss zu sterben meist eine intime, einsame Angelegenheit. Die meisten Menschen klären die Frage zuerst für sich und treten erst an ihre Angehörigen heran, wenn der Entschluss bereits gefällt ist. Danach sind sie selten umzustimmen. Die Entscheidung aktiv zu sterben, braucht viel Mut und ist Ausdruck höchster Autonomie. Und doch verunsichert der Vorgang viele. Eine solch grosse Entscheidung für sich selbst zu fällen, ist sehr anspruchsvoll, oft überfordernd. Können wir uns in Bezug auf den Tod, das Sterben, die Lebensdauer überhaupt je sicher sein?

Bleibt am Ende Überforderung?

Die Liberalisierung des Sterbens hat uns zu Recht grosse Freiheiten gebracht, aber auch neue Fragen aufgeworfen und Raum für viele Unsicherheiten eröffnet. Durch die gesellschaftliche Individualisierung ist unser eigenes Leben zum Dreh- und Angelpunkt von Sinn und Verantwortung geworden. Und das bedeutet auch Eigenverantwortung am Lebensende. Selbstbestimmung, Autonomie und Entscheidungsfreiheit sind die zentralen Kategorien, um welche sich das Sterben dreht. Wir können heute nicht mehr nicht entscheiden, auch das Sterben ist längst Teil der individuellen Verfügung geworden.

Doch können wir mit solch grossen Freiheiten überhaupt umgehen? Müssen wir heute selbst über unseren Tod entscheiden? Wann muss ich mich entschieden haben? Bin ich selbst schuld, wenn ich einen schmerzvollen Tod erleide? Wird es irgendwann zu spät sein? Und wie weiss ich, was richtig und gut ist?

Vielleicht ist es gerade in unserer säkularisierten Gesellschaft so schwierig einen Umgang mit dem Lebensende zu finden. Der Tod bleibt ein grosses Rätsel und erzeugt Ängste. Fragen nach Sinn und Bedeutung unseres menschlichen Daseins rücken gerade angesichts des Sterbens wieder ins Zentrum. Der Wunsch nach spiritueller Verankerung ist nicht verschwunden, trotz sich leerender Kirchen. Der einst schützende Rahmen der Religion hat für viele keine Gültigkeit mehr. Aber der entstandene Leerraum wurde noch nicht gefüllt. Es fehlen die Rituale, die Vorbilder, der Glaube.

Heute sprechen viele ältere Menschen von gesellschaftlichem Druck, sie haben Sorgen, anderen zur Last zu fallen oder «nutzlos» zu werden. Die Möglichkeit, den Zeitpunkt des Todes selbst zu bestimmen, droht auch neue Zwänge zu erzeugen. Die Möglichkeit, über den eigenen Tod verfügen zu können, ist Ausdruck der Freiheit in einer individualisierten Gesellschaft. Sie ist aber auch Ausdruck einer neoliberalen Ideologie, die den Menschen als autarkes und von Sozialität vollständig befreites Wesen versteht. In einer solchen Gesellschaft muss jegliche Verantwortung im Privaten übernommen werden. Auch die Verantwortung über das eigene Sterben. Damit wird Menschen im Alter eine schwere Last aufgebürdet. Eine Last, die kaum alleine zu tragen ist, und die einsam machen kann.

Das Theater als öffentliches Forum

Elisabeth Gärtner hat ihre Entscheidung vielleicht im Kreise ihrer Familie oder Freunde gefällt. Wir wissen es nicht. Sie bleibt eine theatrale Erkundung. Sterbehilfe und Palliative Care rücken Autonomie und Selbstbestimmung rund um das Sterben wieder ins Zentrum. Dennoch muss das Sterben keine private Entscheidung bleiben. Es gibt viele Möglichkeiten, den Tod öffentlich zu verhandeln. Die eingangs erwähnten Theaterstücke vereint, dass sie die sehr intime Frage nach dem eigenen Ableben auf der Bühne als genuin öffentlich verstehen. Sie machen damit das Sterben teilbar und schlussendlich auch verhandelbar.

Autonomie und Entscheidungsfreiheit in fast allen Bereichen sind wichtige Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Sie können aber auch überfordern. In Sachen Tod gibt wohl nie ein Richtig oder Falsch, doch können uns künstlerische Auseinandersetzungen eine Geschichte davon erzählen, wie selbstbestimmtes Sterben aussehen kann. Auch wenn sie uns keine abschliessenden Antworten liefern können, offenbaren sie vor allem eines: Dass wir Widersprüche und Ambivalenzen aushalten müssen.

 

Zum Autor: Jonas Bernetta studierte Soziologie und Sozialanthropologie an den Universitäten Bern und Jena. Nach einer Assistenzzeit am Theater St. Gallen ist er als freischaffender Regisseur und Dramaturg tätig und studiert Transdisziplinarität an der ZHdK. Er hat gemeinsam mit der Regisseurin Barbara David-Brüesch das Theaterstück «Gott» auf die Situation der Sterbehilfe in der Schweiz adaptiert.

 

 

Das Theaterstück „Gott“ von Ferdinand von Schirach. Aufgenommen am 28.9.2022 im Grossratssaal in Chur. Bild Mayk Wendt

«Gott, wem gehört unser Leben?»

Ein Stück von Ferdinand von Schirach, inszeniert von Barbara David Brüesch. Bild: Mayk Wendt.
Weitere Aufführungen: 22. Oktober, Ilanz, 29. Oktober, Davos, 19. November, Chur. 29. Januar, St. Moritz.
Tickets

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«Versuch über das Sterben» von Boris Nikitin. Erhältlich bei Edition Frida.