Das Kunst und Literaturprojekt «Oh, Darling, Du zerfällst mir sehr» im FRIDA Magazin

Das kleine Haus am Fusse des Steinbruchs der Ackermann Bau AG in Mels zerfällt seit Jahrzehnten. Nun setzt ihm das Das Kunst- und Literaturprojekt «Oh, Darling, Du zerfällst mir sehr» ein Denkmal.

Bild: Ariane Pochon

Kunst und Literatur

«Oh, Darling, Du zerfällst mir sehr»

Die Kunst- und Literaturinitiative «Oh Darling, Du zerfällst mir sehr» setzt einem Gebäude ein Denkmal, das beim Steinbruch Tiergarten im St. Gallischen Mels schon seit Jahrzehnten zerfällt – direkt an der Autobahn A3 und der SBB-Linie. Wir haben die Hütte am Fusse eines Steinbruchs interviewt.

Von Mathias Balzer

Mels, 27.03.2024

7 min

Rund 40’000 Motorfahrzeuge rasen täglich an ihm vorbei, hinzu kommen die Züge: Das kleine «Häuschen» in Mels (SG) zerfällt an hoch frequentierter Lage – mitten in unserer aufgeräumten Schweiz. Wer es einmal gesehen hat, schaut beim nächsten Mal wieder und staunt: Es ist noch immer da!

Als Kulturjournalist ist unser Autor Mathias Balzer darauf spezialisiert, Künstler:innen zu porträtieren und ihr Denken transparent zu machen. Für das zum Projekt erscheinende Buch hat er sich für einmal eines Gebäudes angenommen – und ist auf erstaunliche Antworten gestossen.

Das Kunst und Literaturprojekt «Oh, Darling, Du zerfällst mir sehr» im FRIDA Magazin

Oh, Darling, du zerfällst mir sehr

Mit einem Buch, einem Film, Gesprächen und Veranstaltungen nähert sich das Zürcher Studio Narrativ der Poesie von Zerfall sowie der Vergänglichkeit an. Dabei setzt es einem Gebäude ein Denkmal, das beim Steinbruch Tiergarten in Mels schon seit Jahrzehnten zerfällt – direkt an der Autobahn A3 (Zürich–Sargans) und am Schienenstrang (St. Gallen–Chur). Das Kunst- und Literaturprojekt «Oh Darling, Du zerfällst mir sehr» feiert seine Vernissage am 26. April 2024 und gastiert bis Mitte Mai in Mels. Im Anschluss reist es weiter nach Zürich, Bern, Schaan und Winterthur.

Webseite des Projekts

Interview

Guten Tag, danke, dass Sie sich Zeit nehmen für dieses Gespräch. Ich weiss nur nicht, wie ich Sie ansprechen darf: Haus oder Häuschen, Baracke oder Schopf?

Haus: Seien wir ehrlich: Ruine wäre passend. Aber danke, dass Sie fragen. Einen Namen hat mir niemand je gegeben, ich bin ja auch kein Schiff. Aber könnte ich wählen, wäre mein Name … Nein, lassen wir das. Was wollen Sie denn von mir?

Ich halte Sie für eine Spezialistin, eine Spezialistin des Verfalls. Wie geht es Ihnen denn dabei?

Das habe ich mir so noch nie überlegt; richtig einzigartig ist das ja auch nicht. Alles zerfällt irgendwann …

Ja, schon. Aber Sie machen das so … in Schönheit, könnte man sagen, in Würde …

Was bleibt mir denn sonst? Ja, was bleibt uns denn sonst? Sehen Sie sich doch selbst an. Wie alt sind Sie denn?

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Eben. Ihre Haare sind schon ausgefallen und Ihr Hals bekommt, pardon, Falten und sieht bald aus wie der eines Froschs. Auch Sie modern bei lebendigem Leib dem Ende entgegen.

Äh, ja, da haben Sie wohl recht. Und genau darum geht es ja. Sie verfallen ja bereits seit Jahren und sind auch schon ziemlich aus den Fugen, wenn Sie erlauben … Wie halten Sie das aus? Hilft Humor?

Ich hatte es nie so mit Witzen. Wissen Sie, ich habe mein Leben lang Männerwitze gehört und fand sie selten lustig. Eher seltsam. Ich habe Generationen von Arbeitern erlebt, die hier Steine aus dem Berg gebrochen haben. Die Witze, die sie sich an meinem Tisch erzählt haben, sind längst verklungen; nur die Steine sind noch da.

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Bild: Ariane Pochon

Sie selbst sind ja aus Holz gebaut. Wären Sie lieber aus Stein?

Stein, Holz, Beton: Spielt das eine Rolle? Ich glaub, nur ihr Menschen setzt auf Dauer, dabei ist ja gerade sie die grösste Illusion.

Ich halte den Wunsch nach Dauer für eine Art Verkrampfung. Sie ist etwas für Angsthasen.

Trotzdem: Haben Sie sich nie gewünscht, renoviert zu werden, damit Sie länger Ihrem Zweck hätten dienen können – Menschen ein Dach über dem Kopf zu sein? Jetzt hausen bloss noch Mäuse, Würmer und Insekten in Ihren Trümmern.

Ehrlich gesagt: Doch, es gab eine Zeit, da war ich stolz darauf, einen Zweck zu haben, wie Sie es nennen. Als ich dann aber immer weniger gebraucht wurde, als die ersten Scheiben in die Brüche gingen, der Wind in mich kam, das Wasser, später auch Schnee und Eis, als die Ordnung unaufhaltsam dem Chaos wich – da habe ich mehr und mehr gemerkt:

Ohne Zweck zu sein ist das schönere Sein; ja vielleicht sogar das wahre Sein.

Das ist eine steile These. Ohne Zweck in sich selbst zusammenzufallen kann ja nicht wirklich ein erstrebenswerter Zustand sein. Ihnen blieb doch einfach nichts anderes übrig, als sich mit dem eigenen Zerfall anzufreunden.

Bleibt Ihnen etwas anderes übrig, als sich mit Ihrem faltigen Hals anzufreunden?

Ich könnte mich liften lassen, immerhin …

Ich seh es Ihnen an: Da glauben Sie selbst nicht dran.

Stimmt, ja. Ich bevorzuge Halstücher. Aber nochmals zur Ausgangsfrage: Wenn der Zerfall unausweichlich ist – welche Strategie hilft uns, um damit klarzukommen?

Sie reden mit mir, als ob ich eine Ratgeberin sei oder ein Guru – dabei weiss ich ja selbst auch kaum etwas darüber, was dieses Kommen und Gehen zwischen Himmel und Erde soll. Herausgefunden hat es ja noch niemand. Das ist tröstlich. Ich stell nur fest, dass ihr Menschen anstatt auf Verortung vor allem auf Bewegung setzt. Obwohl ich – kurzer Einwurf – nichts lieber können würde als tanzen … Aber ich meinte eine andere Art Bewegung. Ich zerfalle hier ja direkt neben einer Bahnstrecke und der Autobahn. Aus meiner Perspektive ist dieses Dauerbewegtsein, dieses Immer-wo-anders-hin-Wollen seltsam, ja, ich verstehe es nicht. Verursacht das unter dem Strich nicht mehr Probleme, als es löst?

Ich weiss es nicht. Sagen Sie es mir.

Ich weiss es auch nicht. Ich kann ja bloss für mich als Ruine sprechen. Ich kenne nur eine Bewegung: die Zeit, und nur eine Kraft: die Schwerkraft. Und ich stelle fest, dass die Hingabe an die beiden ganz erträglich sein kann.

Verstehe. Und wie gehen Sie damit um, dass Sie wohl bald ganz abgebrochen werden?

Ach, sehen Sie, genau darum ginge es ja: Wieso handeln, wenn der Zerfall sowieso von alleine passiert?

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Das Projekt

«Oh, Darling, du zerfällst mir sehr» richtet gleich mehrere Scheinwerfer auf ein Gebäude am Wegrand, nutzt dieses auch als Projektionsfläche. Das Projekt wagt sich mit Texten, Bildern und in Gesprächen nah ran an den Zerfall, sucht und findet darin auch Versöhnung und Schönheit, bearbeitet die Themen Zeit und Vergänglichkeit, Mensch und Natur. So geht die Auseinandersetzung weit über das konkrete bauliche Objekt hinaus und führt zu wesentlichen Aspekten des Lebens: dem Tempo unserer Zeit, dem Altern, der Endlichkeit, der Klimakrise, dem Artensterben, aber auch der Poesie, die in Zerfall enthalten ist, dem Neuanfang.