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Der Kurator Damian Jurt zeigt am Bündner Kunstmuseum die Ausstellung «Wie Sprache die Welt erfindet».

Bild: zvg Bündner Kunstmuseum

Kunst und Sprache

«Wir treiben in einem Strom von möglichen Geschichten»

Das Bündner Kunstmuseum thematisiert in der Ausstellung «Wie Sprache die Welt erfindet» das Zusammenspiel von Kunst und Sprache. Ein Gespräch mit dem Kurator Damian Jurt über Identität und den Verlust grosser Erzählungen im Zeitalter von Instagram, Facebook und Co.

Von Mathias Balzer

Chur, 28.02.2024

13 min

Herr Jurt, wie viele Sprachen sprechen Sie?

Damian Jurt: Ich spreche französisch, deutsch und englisch. Ich habe lange in Genf gelebt und in Biel im Kunsthaus Pasquart gearbeitet. Da bin ich von morgens bis abends zwischen Deutsch, Französisch und Englisch hin und her geswitcht. Und ich habe auch einen starken Bezug zum Tessin und daher einen engen Bezug zum Italienischen. Obwohl meine Italienischkenntnisse sich noch am Entwickeln sind …

Wieso das Thema Sprache im Bündner Kunstmuseum?

Wir leben hier in einer Region, in der Vielsprachigkeit den Alltag prägt. Früher war das Rätoromanische in der gesprochenen Sprache dominierend. Mit der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung rückte Deutsch in den Vordergrund. Man hat sich von einer Drei- zu einer Vielsprachigkeit hin entwickelt. Das Rätoromanische als Besonderheit in der Schweiz bildet natürlich einen interessanten Kontext für das Thema der Ausstellung.

Sie haben also eine konkrete Verortung gesucht?

Ja, ganz klar. Und das versuchen wir auch mit einigen konkreten Werken zu zeigen. Im Zentrum steht da das Reisetagebuch von Gion Casper Collenberg aus dem 18. Jahrhundert. Er ist als Sechzehnjähriger aus Lumbrein nach Frankreich ausgewandert. Mit 32 ist er im Auftrag eines Finanziers nach Mauritius gereist, um auf dessen spielsüchtigen Sohn aufzupassen. Zurückgekehrt ist er mit einem reich illustrierten in Rätoromanisch geschriebenem Tagebuch …

… das auch in der Ausstellung zu sehen ist …

… genau. Darin beschreibt er das Meer, hatte aber damals keine Worte für Ebbe und Flut zur Verfügung. Diese Begriffe existierten in seiner Sprache schlicht nicht. Er behalf sich, in dem er das An- und Absteigen eines Bergbaches als Beispiel nahm. Ich stelle mir seine Familienmitglieder im Oberland vor, die noch nie das Meer gesehen hatten, schon gar nicht Ebbe und Flut. Sie erhalten eine erste Vorstellung davon, was dieses Meer sein könnte. Und genau da setzt die Ausstellung an: Sprache benennt nicht nur Dinge und spiegelt mit Worten die Welt, sondern sie hat auch immer das Potential, Vorstellungen zu erschaffen. Das spiegelt sich im Titel der Ausstellung «Wie Sprache die Welt erfindet».

Damian Jurt

geboren 1978 in der Schweiz, ist seit 2019 am Bündner Kunstmuseum tätig und verantwortete in seiner Funktion als Kurator diverse Ausstellungen und Publikationen. Er arbeitete mit Kunstschaffenden wie Wolfgang Laib, Olaf Holzapfel, Sofia Hultén, Denise Bertschi, Andriu Depazes, Ludovica Carbotta, Yuri Ancarani oder Julius von Bismarck. Von 2014 bis 2019 war er am Kunsthaus Pasquart in Biel/Bienne und kuratierte Ausstellungen mit Kemang Wa Lehulere, Céline Condorelli, Michael Sailsdorfer oder Dephine Reist.

Und welcher Blick ermöglicht denn die Kunst auf die Sprache?

Die Sprache wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts, spätestens mit dem Dadaismus, zu einem zentralen Aspekt der Kunst. Die Dadaisten wehrten sich gegen die Kriegspropaganda mit der Dekonstruktion und Neuerfindung von Sprache. Sie taten dies mit Gedichten, Performances, Aktionen, also sehr interdisziplinär. Diese Bewegung hallt bis heute nach. Viele Künstler:innen, die sich in der Folge mit Sprache beschäftigt haben, nehmen Bezug auf den Dadaismus, wie z. B. Dieter Roth, von dem wir in der Ausstellung einige exemplarische Werke zeigen.

Nun sind Künstler:innen ja nicht unbedingt Linguisten. Wie würden Sie ihren Umgang mit Sprache beschreiben?

Kunst schafft immer alternative Zugänge zu einer Thematik, ob es jetzt Sprache ist oder etwas anderes. Ein konkretes Beispiel ist die Arbeit von Zineb Sedira in der Ausstellung. Sie zeigt drei Bildschirme. Auf dem ersten spricht die Künstlerin mit ihrer Mutter. Letztere auf arabisch, Zineb Sedira auf französisch. Beide verstehen einander. Auf dem zweiten Bildschirm spricht die Mutter französisch mit ihrer Tochter. Diese antwortet auf englisch, weil sie in London aufwächst. Beide verstehen sich. Das dritte Video zeigt die arabisch sprechende Grossmutter mit ihrer englisch sprechenden Enkelin. Die beiden verstehen sich nicht mehr.

Die Arbeit zeigt so die Sprachentwicklung innerhalb einer Familie …

Ja, genau. Das Werk ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein Kunstwerk, in diesem Fall eine Videoarbeit, eine tief gehende, existentielle Erfahrung auf einfache, bildhafte Weise wiedergeben kann.

Wie Sprache die Welt erfindet. Interview mit Damian Jurt. Frida Magazin

Die Ausstellung «Wie Sprache die Welt erfindet» zeigt im Bündner Kunstmuseum unter anderem auch Werke von Not Vital und Bruce Nauman.

Bild: zvg Bündner Kunstmuseum

Sprache ist ja auch Heimat und Identität. Gerade in Graubünden ist das in Bezug auf das Rätoromanische ein grosses Thema. Sie schreiben im Buch zur Ausstellung, die Idee von (sprachlicher) Identität sei durchlässig und formlos. Wie meinen Sie das?

Es stellt sich die Frage, mit welchen Werten man sich identifiziert, und ob über diese Identifikation eine Idee von Identität entsteht. Wenn ich das Wort ‘formlos’ benutze, meine ich damit, dass sich Identität schwer in Worte fassen lässt. Oder dass es schwer zu beschreiben ist, was denn genau Identität ausmacht.

Fragt sich, wie wichtig Sprache für Identität ist.

Reaktionen auf Veränderungen in der Sprache sind oft sehr emotional, denn es handelt sich ja um meine Sprache und ich will nicht, dass sich diese verändert oder verloren geht.

Das sehen wir bei der hitzig geführten Diskussion über das Gendern.

Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob es bei gefährdeten Sprachen in diesen Diskussionen weniger um die Sprache selbst geht, sondern vielmehr um die eigene Kultur – von der Sprache ein Teil ist – und damit eben um die eigene Identität. Wenn jemand kommt und sagt, Deine Sprache ist gefährdet, heisst das immer auch Deine Identität ist gefährdet. Also alles, was Dein Leben ausmacht. Ich denke, deshalb kommt es zu so emotionalen Reaktionen.

Sie stellen ihrem Text im Katalog ein Zitat von Max Frisch voran: «Jeder Mensch erfindet sich eine Geschichte, die er für sein Leben hält.» Eine wahre Geschichte von uns selbst gibt es also nicht?

Bereits unsere Eltern haben uns die Welt ja mit Geschichten erklärt. Das beginnt also schon sehr früh. Manchmal sind das einfache Geschichten; bei den Märchen sind sie bereits archetypisch. In der Vergangenheit waren sie vielleicht eher mythologisch oder von den Religionen geprägt. Diese Narrationen prägen unser Weltbild und unsere Perspektive auf die Welt. Wenn ich in Japan aufwachse, bin ich von anderen Geschichten geprägt, wie wenn ich in der Schweiz aufwachse.

Also: andere Kulturen, andere Sprachen, andere Weltbilder.

Und ich denke, dass das Zitat von Max Frisch der Frage nachgeht, was unsere Identität ausmacht. Sind wir das Resultat von unseren Prägungen und Erfahrungen? Wie sieht man sich selber, und wie wird man von anderen gesehen? Wir treiben in einem Strom von möglichen Geschichten – und wir müssen uns selbst immer wieder überlegen, welche Geschichte denn für uns persönlich stimmt. Kommt hinzu, dass wir unsere persönlichen Geschichten laufend verändern können…

… oder die Perspektive auf die eigene Geschichte …

… genau. Was ich früher vielleicht von mir gedacht habe, muss heute nicht mehr gültig sein.

Wie Sprache die Welt erfindet. Interview mit Damian Jurt. Frida Magazin

Werke von Kemang Wa Lehulere, Thomas Hirschhorn und Erica Pedretti machen Sprache zum Thema der Kunst.

Bild: zvg Bündner Kunstmuseum

Sie thematisieren in der Ausstellung auch den Einfluss von Sprache auf die Entwicklung von Gemeinschaften. Können Sie das etwas ausführen?

Der israelische Historiker Yuval Harrari beschreibt, wie die Menschen vor rund 70 bis 80’000 Jahren begannen, Sprache zu entwickeln. Das eröffnete ihnen die Möglichkeit, fiktive Erzählungen zu erzeugen, wie beispielsweise diejenige von Gott oder Göttern. Er vertritt die These, dass eine Gruppe bis zu 150 Personen sich immer noch über Klatsch und Tratsch organisieren kann. Sobald die Gruppe grösser wird, braucht es übergeordnete Konzepte, wie etwa Gott, an dessen Werte viele glauben. In diesem Sinne dienen Narrative dazu, Gesellschaften in einem grösseren Massstab zu organisieren. Die damit vermittelten Werte verändern sich natürlich – manchmal sind es gesellschaftliche Dynamiken, manchmal einzelne Menschen, welche diese Narrative entwickeln oder steuern.

Die Ausstellung schlägt einen weiten Bogen von 200 Jahre alten Büchern bis in die Gegenwart, etwa zur Arbeit von Julien Prévieux, der in einem Video zeigt, wie die Verwendung von Handys und Tabletts unsere Körper, im Speziellen unsere Handbewegungen, neu prägt. Der Bogen spannt sich also vom frühen Buchdruck bis zur Netzkultur. Sie zitieren den Kulturwissenschaftler Byun-Chul Han. Er sagt, das Geschichtenerzählen, das Storytelling, sei durch Storyselling ersetzt worden. Wie ist das gemeint?

Byun-Chul Han hat sich über mehrere Bücher hinweg mit der digitalen Kultur auseinandergesetzt. In «Die Krise der Narration» beschreibt er – ausgehend von den alten Erzählungen – wie über die Internet-Kultur aus seiner Sicht eine Fragmentierung der Gesellschaft stattfindet. Etwa wenn die Algorithmen der Sozialen Medien dafür sorgen, dass wir immer mit denselben Informationen abgespiesen werden. Das hält uns in bestimmten Narrativen gefangen. Oder wenn Informationen nur noch als Hashtags zirkulieren. So entsteht ein fragmentierter Informationsfluss, der vor allem auf Aufmerksamkeit ausgerichtet ist, während die grösseren Zusammenhänge ausgeblendet werden.

Die Künstlerin Nora Turato macht diese Fragmentierung der Narrative in der Ausstellung zum Thema. Sie haben jedoch vorhin betont, dass es immer schon unterschiedliche Erzählungen von Welt gab: andere Kulturen, andere Sprachen, andere Weltbilder. Die oben beschriebene, durch die Digitalisierung vorangetriebene Fragmentierung, und das Verschwinden der grossen Erzählungen, kann man als Kulturzerfall lesen. Aber ist das wirklich so?

Es gab immer schon viele unterschiedliche, nicht bloss wenige grosse Erzählungen. Genauso wie es immer schon unterschiedliche Menschen gab. Es existierten seit je her ganz unterschiedliche Identitätsgruppen mit eigenen Geschichten, aber diese hatten früher kaum Räume, um sich zu äussern. Das hat sich mit dem Internet radikal verändert – eigentlich zum Positiven hin. All diese Geschichten, die heute eben einen Erzählraum zur Verfügung haben, waren früher bereits da. Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt:

In der Vergangenheit war nicht alles schöner, einfacher und einheitlicher. Die Welt war immer schon fragmentiert.

Durch die Digitalisierung haben aber das Tempo und die Unübersichtlichkeit zugenommen.

Diese Unübersichtlichkeit zeigt sich ja in vielen Medien, auch in der Kunst. Haben sie heute als Kurator noch einen Überblick über die ausufernde, globale Kunstproduktion?

Ich bin nach wie vor sehr neugierig. Wenn ich eine Ausstellung plane, gehe ich nie von meinen eigenen Vorstellungen und Konzepten aus, sondern frage mich, was macht die Kunst? An welchen Themen arbeiten die Künstler:innen?

Ist das Thema Sprache eines, das vermehrt von der Kunst verhandelt wird?

Sprache ist schon über viele Generationen hinweg ein Thema der Kunst. Es gibt kaum eine Phase der Kunstgeschichte, in der es nicht verhandelt wurde. Einfach die Fragestellungen und der Kontext haben sich laufend verändert. Die Pop-Art hat beispielsweise andere Fragen an die Sprache gestellt als der Dadaismus. Aber die Auseinandersetzung mit der Frage, welchen Einfluss Sprache auf unsere Realität hat und wie sich das Verhältnis zwischen Sprache und Bild entwickelt, ist eine Konstante in der Kunst.

Nochmals ein Zitat von Byun-Chul Han aus ihrem Text zur Ausstellung: ‹Es ist notwendig, neue Formen der Erzählung zu entwickeln, um wieder eine tiefere Verbindung zu uns selbst und zu unserer Umwelt herzustellen.› Welche Art von Erzählung könnte das sein?

Ich glaube, Kunst und Literatur beschäftigen sich immer mit dieser Frage. Wenn eine Künstlerin oder ein Schriftsteller ein neues Werk oder einen neuen Text beginnen, ist diese Frage immer präsent: Welche Erzählung bringt mich als Künstlerin oder Autor weiter? Und inwiefern findet diese neue Erzählung einen Echoraum in unserer Welt?

Ich habe das Zitat so gelesen, dass Byun-Chul Han meint, es brauche weniger individuelle Narrative, sondern wieder die Entwicklung von gemeinsamen Erzählungen.

Man sollte Byun-Chul Hans Text nicht als romantischen Rückblick verstehen. Er plädiert für eine sehr liberale, aufgeschlossene Weltsicht. Aber natürlich bringt die Fragmentierung, die er beschreibt, eine gewisse Instabilität in die Gesellschaften. Seine Frage zielt vielleicht mehr dahin: Was bringt wieder etwas mehr Ruhe und Stabilität in unser Leben?

Wie Sprache die Welt erfindet. Interview mit Damian Jurt. Frida Magazin

Wie Sprache die Welt erfindet

«Wie Sprache die Welt erfindet» beleuchtet die Kraft der Sprache, Vorstellungen zu schaffen, fiktive Erzählungen hervorzubringen und somit unsere Sicht auf die Welt zu lenken. Die Sprach- und Kulturlandschaft Graubündens dient dabei als Ausgangspunkt der Ausstellung. In den Werken von Kunstschaffenden wie Not Vital, Erica Pedretti, Christo, Thomas Hirschhorn, Marcel Broodthaers, Bruce Nauman, Dieter Roth, Valie Export, Francis Picabia, Marcel Duchamp, Ian Hamilton Finlay, Barbara Kruger, Rebecca Horn oder Susan Hiller verbinden sich Themen wie kulturelle Identität, politische Narrative, Migration oder Sprachwandel. Das allumfassende Thema wird innerhalb diverser Zeitenwenden betrachtet und zeigt, wie Sprache die Art und Weise beeinflusst, wie wir denken, handeln und die Welt verstehen.

Bündner Kunstmuseum, bis 28. Juli 2024