Susan Hefuna in der Arbeit «Cityscape Cairo» aus dem Jahr 2000.

Susan Hefuna in der Arbeit «Cityscape Cairo» aus dem Jahr 2000.

Bild: Studio Kukulies

Susan Hefuna – Beginnt die Kunst mit Sprachlosigkeit?

Die deutsch-ägyptische Künstlerin Susan Hefuna zeigt im Bündner Kunstmuseum in Chur eine wunderbare Übersicht über ihr Werk. An dessen Anfang steht das Zeichnen. Wir haben mit ihr über die Kunst der spontanen Geste gesprochen.

Von Mathias Balzer

Chur, 11.03.2026

7 min

Das Video «Crossroads Chur», extra für die Ausstellung im Bündner Kunstmuseum gedreht, spielt vor dem Café Maron am Bahnhofplatz in Chur. Am Balkon des elegant abgerundeten Gebäudes hängt eine Stoffbahn, bedruckt mit monochromen Fotos. Sie zeigen die Künstlerin vor Jahren in Ägypten.

Unter dem Balkon, vor der Eingangstüre zum doppelstöckigen Kaffeehaus, geht eine Frau auf und ab. Ihr schwarzer Umhang trägt Buchstaben, «E A R T H», steht da. Die Performerin hält sich einen dreidimensionalen Buchstaben wie eine Maske vors Gesicht. Die Figur setzt offensichtlich ein Zeichen. Nur wissen wir (noch) nicht genau, was es bedeutet.

Die «Crossroads»-Videos sind seit den 1990er-Jahren zentraler Bestandteil von Susan Hefunas Werk. Und der Journalist könnte hier nun die Geschichte erzählen, warum die international renommierte Künstlerin seit vier Jahren in Chur lebt, was das mit den Sphinxen vor dem Kunstmuseum, den Erbauern der Villa, der Familie Planta, mit Baumwollhandel, Kolonialismus und ihren Vorfahren in Ägypten zu tun hat. Aber diese Geschichte ist auch im sehr schön gestalteten Buch zur Ausstellung nachzulesen.

Susan Hefuna bei Ihrer Performance «Crossroads Chur» im Jahr 2025.

Susan Hefuna bei Ihrer Performance «Crossroads Chur» im Jahr 2025.

Bild: Videostill

Wir treffen uns im oberen Stock des Cafés, um über etwas anderes zu reden: über das Zeichnen. Es ist Anfang und Ausgangspunkt von Susan Hefunas vielgestaltigem Werk, das Installationen, Gemälde, Objekte, Performances und eben Videos vereint.

Sprachlos eine Sprache finden

Der Gedanke ist eine Vermutung, aber er könnte auf viele Künstler:innen zutreffen: Die Kunst beginnt mit Sprachlosigkeit.

Die Mutter von Susan Hefuna stammt aus Deutschland, ihr Vater aus einer Familie von Baumwollbauern im Nildelta in Ägypten. Damals, in der Kindheit, seien sie jeweils mit dem Schiff von Genua aus ins Vaterland gefahren, jedes Jahr.

In dem kleinen Dorf im immergrünen Delta war Susan Hefuna das Kind aus Deutschland. In der Heimat ihrer Mutter das Mädchen aus Ägypten. Zwei Welten –  damals noch nicht verbunden über elektronische Kommunikationsmittel –, die das Mädchen vor ein Problem stellten: Sie konnte ihren Verwandten in Ägypten ihr zuhause im fernen Norden kaum erklären. Und den deutschen Schulfreundinnen vermochte sie die Welt der Baumwollbauern auch nicht richtig zu schildern.

Susan reagierte auf diese Sprachlosigkeit, indem sie anfing zu zeichnen. «Ich brauchte diesen Rückzugsort, um mich jenseits von Worten äussern zu können», sagt die heute 64-Jährige. Sie wusste damals noch nicht, dass dieser Rückzugsort zur Basis ihres Berufes werden sollte, zu einem Ort, ohne den sie auch heute nicht leben könnte.

Es sei für sie nie eine Frage gewesen, was sie werden wolle. Sie sei einfach Künstlerin geworden – auch gegen gewisse Widerstände, und auch nicht wissend, dass dies kein einfacher Weg sein wird.

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Ausstellungsansicht aus dem Bündner Kunstmuseum.

Der intime Akt des Zeichnens ist ihr auf diesem Weg zur international bekannten Künstlerin geblieben. Und die Worte sind irgendwann in ihr Werk zurückgekehrt, jedoch nicht als Zeichen, die etwas beschreiben, eher als mehrdeutige Fundstücke, die in die Zeichnung eingenäht werden. Auch das zeigt die Ausstellung in Chur.

Aber auch ihre Zeichnungen sind eine Art Fundstücke. Sie fallen der Künstlerin in gewisser Weise zu, sind gerade nicht das Resultat von Weltbetrachtung oder -aneignung mit Stift und Block. Ihnen geht ein Prozess voraus, der wiederum viel mit der Eroberung von Leere und Sprachlosigkeit zu tun hat.

Zeichnen ohne Bild im Kopf

«Ich würde es nicht als <Technik> bezeichnen, ich arbeite ja intuitiv …», sagt Susan Hefuna und tastet nach den richtigen Worten, wenn sie ihren Schaffensprozess beschreibt.

Am Ende desselben stehen ganze Serien von Zeichnungen. Am Anfang ist da immer ein bestimmter Ort, der den Werken dann auch den Titel geben kann: «NYC», «Poschiavo», «Bergell», «Lugano».

An solchen Orten begibt sich die Künstlerin tagelang auf eine Art Pirsch, ohne genau zu wissen, was sie denn jagt oder sucht. Sie lässt sich von Bildern, Gerüchen, Tönen, dem Licht und den Schatten leiten, der Energie des Ortes, lässt sich ziellos treiben, mit höchster Aufmerksamkeit, offenen Sinnen.

«In diesen Tagen vermeide ich soziale Kontakte, das Telefon oder Vernissagen.»

Denn dieser «Lärm» würde die Eindrücke der Stadtwanderung kontaminieren, die Intuition stören.

Was dann folgt, ist der zweite Akt, das Zeichnen selbst. Das geschehe immer vor Ort, denn ein Ortswechsel würde den Prozess ebenfalls mit neuen Eindrücken überlagern.

«Bevor ich anfange, versuche ich, kein Bild im Kopf zu haben», erklärt die Künstlerin. Kein Bild, keine Vorstellung – um dann zu zeichnen. Die Entscheidung, ob Pinsel oder Stift, ob rot, grün oder schwarz sei möglichst intuitiv. «Der erste Strich ist eine spontane Geste.»

Leer zu sein, um aus dem Vollen zu schöpfen, das erinnert an Erzählungen von Zen-Praktizierenden. Susan Hefuna sagt denn auch, es sei eine Art Meditation, auch wenn sie selbst nicht meditiere. Es sei jeweils nicht nur die Hand, die zeichne, sondern der ganze Körper, die in ihm abgelegten Eindrücke und Erinnerungen.

Richtig oder Falsch?

Nach dem ersten Strich entsteht über Tage hinweg die neue Serie. Sie schaue dabei gar nicht genau, was sie mache, sondern lasse den Prozess laufen bis zum Ende. «Erst nach ein paar Tagen, wenn alles trocken und vorbei ist, schaue ich mir das Ganze an.» Und sie habe es sich zum Prinzip gemacht, nicht zu werten, nichts wegzuwerfen. Denn gibt es in der Kunst überhaupt ein Richtig oder Falsch?

Susan Hefuna verneint es. «Meine Vorbereitung filtert bereits Vieles raus, weil ich erst dann anfange, wenn ich weiss, dass der Zustand stimmt. Mein Ego oder mein persönliches Urteil sind gar nicht mehr relevant.» Es sei wie in der Natur. «Wir sagen ja auch nicht, dieser Baum ist falsch gewachsen, oder dieser Vogel singt nicht richtig.»

Susan Hefuna, «Lugano»

Susan Hefuna: Die Serie «Lugano» im Bündner Kunstmuseum.

Die Bildserien sind eine Art verdichtetes Protokoll dieses ganzen Vorgangs. Ein Spiel von Linien, Schatten, Gebilden, die aus einem reich angefüllten Nichts hervorgegangen sind.

Es gäbe da natürlich schon Fragen seitens der Betrachter.  «Wieso beispielsweise sind in der grün gehaltenen Serie «Bergell» keine Berge zu sehen?»

Susan Hefuna kann es sich nur so erklären: «Das Grün dieses Tals hat mich an die Heimat meines Vaters erinnert, ans Grün des Nildeltas.»

Es sind eben immer noch – wie damals – mehrere Welten, die in diesen Zeichnungen zusammenkommen. Sie sind das Resultat eines radikalen Prozesses, der Weltoffenheit mit In-sich-Gekehrt-Sein verbindet.

Zwei bis drei Monate im Jahr unterwirft sich Susan Hefuna diesem Prozess. Es sei, sagt sie mit einem Lachen, die schönste Zeit des Jahres.


Susan Hefuna, bis 26. Juli 2026, Bündner Kunstmuseum, Chur.


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