Manuela Hitz ist seit 2018 künstlerische Leiterin am Musée Visionnaire in Zürich.
Bild: Pascal Sigrist
Visionäre Kunst
Manuela Hitz – Wo sind all die Outsider hin?
Das Musée Visionnaire in Zürich widmet die Schau «All in» der Performerin, Dichterin und Musikerin Dora Koster und dem Luzerner Stadtphilosophen Emil Manser. Wir haben uns mit der Kuratorin Manuela Hitz über Menschen ausgetauscht, die Kunst durch und durch leben. Weil sie müssen, nicht weil ein System es vorgibt.
Zürich, 03.12.2025
Liebe Manuela,
Ich beginne nun unser Ping-Pong. Der Ablauf ist einfach: Wir spielen uns über die – sagen wir mal – nächsten acht bis zehn Tage in lockerer Folge Fragen und Antworten zu. Die Antworten müssen nicht sofort kommen, sollten jedoch nicht allzu episch ausfallen.
Manuela, der Name der Institution, die Du im Zürcher Niederdorf leitest, ist auf gewisse Weise bereits Programm. Musée Visionnaire. Was bedeutet dieser Name für Dich persönlich?
Manuela Hitz: «Visionnaire» verweist für mich auf etwas Zukünftiges, Bewegliches, Fragendes. Es beschreibt eine Haltung, die Veränderung zulässt, die aus Fehlern lernt und sich nicht in Routinen einrichtet. Genau so verstehe ich auch Kunst: Als etwas Fluides, als ein Feld, das gesellschaftliche Fragen stellt und sich immer wieder neu verortet.
Was wir heute als Kunst betrachten, wäre vor hundert Jahren kaum denkbar gewesen. Und ebenso wissen wir nicht, wie der Kunstdiskurs in hundert Jahren aussehen wird. Welche Formen werden Museen und Ausstellungsräume dann haben? Welche künstlerischen Praktiken werden sichtbar, welche verschwinden, welche tauchen wieder auf?
Ich mag Kunsthochschulen sehr und habe selbst Kunst studiert. Und doch liegt im Musée Visionnaire der Fokus bewusst auf dem Intrinsischen, dem aus dem Rahmen Fallenden, dem Autodidaktischen. Auf jenen Menschen, die sich im etablierten Kunstdiskurs nicht zu Hause fühlen – oder sich schlicht nicht dafür interessieren. Auf solchen, für die Kunst eine Überlebensstrategie ist, ein Lebensimpuls, ein notwendiges Ventil. Menschen, die Kunst durch und durch leben, weil sie müssen, nicht weil ein System es vorgibt.
Genau dieses ungefilterte, schöpferische Moment ist für mich das eigentlich Visionäre: Kunst, die sich an keine Regeln hält und sich keinem Rahmen beugt.
Dass «Visionnaire» Teil unseres Namens ist, bedeutet für mich, diese Offenheit und Neugier bewusst mitzudenken. Es heisst, sich immer wieder auf den Weg zu machen, Altes aufzubrechen, Neues auszuprobieren und auch Irritationen zuzulassen. Fragen zu stellen, zu bewegen, aufzuwühlen – und Räume für eine Zukunft der Kunst zu öffnen.
Danke für die Antwort. Sie ist zwar episch, aber dafür sehr aufschlussreich. Du schreibst von Künstler:innen, für die Kunst eine Überlebensstrategie, ein Lebensimpuls, ein notwendiges Ventil ist. Ist das nicht ein sehr romantisches, aus der Zeit gefallenes Modell? Heute lernen Kunststudent:innen ja erst einmal ihre Sehnsüchte oder ihre Arbeit in Dossiers zu giessen, mit denen sie dann den Markt bearbeiten können. Schwimmt Ihr da ganz bewusst gegen den Strom?
Ja, das ist wirklich ein wenig bewusst gewählt – dieses Schwimmen gegen den Strom. Ich glaube nicht, dass es ein aus der Zeit gefallenes Modell ist, da gerade mit KI das totale Menschsein wieder mehr gefordert wird. Dossier verfassen erledigt KI bereits immer besser, aber das Ursprüngliche, Schöpferische, Kreative (noch) nicht. Daher denke ich sogar, dass genau dies wieder wichtiger wird.
Blick in die Ausstellung «All in. Alles Kunst. Alles Leben» im Musée Visionnaire im Zürcher Niederdorf.
Bild: Pascal Sigirst
Ihr habt für diese «Kunst-gegen-den Strom» bewusst nicht den gängigen Begriff Art Brut gewählt. Warum nicht?
«Wir verzichten bewusst auf den von Jean Dubuffet geprägten Begriff «Art Brut». Wir schätzen dessen historische Bedeutung und seine Rolle in der Sichtbarmachung von Ausdrucksformen, die lange Zeit übersehen wurden. Gleichzeitig verstehen wir «Art Brut» als einen Begriff, der stark mit Dubuffets spezifischem Kontext und seiner eigenen Sammlungspraxis verbunden ist. Aus unserer Sicht beschreibt er daher weniger eine offene künstlerische Haltung als vielmehr eine kunsthistorisch situierte Kategorie, die heute nicht mehr vollständig unseren zeitgenössischen Ansprüchen entspricht.»
So steht es auf unserer Webseite. Ich denke, es müssen andere, neue Begriffe entstehen. Wir haben nun bewusst einmal visionäre Kunst gewählt und umkreisen diesen Begriff mit Aussagen, die dazu passen. Wie zum Beispiel: «Visionaire Kunst weicht vom Herkömmlichen ab, – kennt keine Grenzen, – irritiert, – überwindet etablierte Regeln, – stiftet Unruhe – ist subversiv, instinktiv und impulsiv…
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Gerade diese «impulsiven, subversiven» Künstler:innen, die sich – wie Du weiter oben schreibst – «im etablierten Kunstdiskurs nicht zu Hause fühlen», haben – nicht immer, aber oft – schwierige Biografien. Eben weil ihr Leben am Rand der Gesellschaft stattffindet, weil sie seelisch angeschlagen sind, mentale Probleme haben. Wie gehst Du damit um? Klassischerweise konzentriert man sich ja auf das «Werk» und nicht auf die «Biografie». Aber sind diese überhaupt zu trennen?
Für mich ist die Trennung von Werk und Biografie inzwischen fast zu einer Grundhaltung geworden. Ich merke, wie schnell ein «Zoo-Blick» entsteht, wenn man bei marginalisierten oder verletzlichen Künstler:innen die Lebensgeschichte in den Vordergrund rückt. Dann steht plötzlich nicht mehr die Arbeit im Raum, sondern das «Schicksal» – und das fühlt sich für mich schlicht falsch an.
Ich mache diese Trennung also ganz bewusst, aus Respekt und auch aus einem politischen Bewusstsein heraus. Nur wenn Künstler:innen ihre eigene Biografie aktiv in ihre Praxis einflechten (wie momentan bei uns Dora Koster und Lean Rüegg ), öffne ich diesen Raum. Alles andere bleibt für mich eine Frage von Fürsorglichkeit, Aufmerksamkeit und der Verantwortung, keinen voyeuristischen Blick zu reproduzieren.
Ich hab Eure aktuelle Ausstellung ja wegen Dora Koster besucht, die ich anfang 1990iger-Jahre als noch junger Assistent beim Komedie Theater Zürich oft in der «Malatesta» gesehen habe. Mich hat berührt, dass ihr Doras Werk wieder aufgreift. Sie war ja genau eine solche Künstlerin, die den von Dir genannten Voyeurismus anzog: Dichterin, Schrifstellerin und Prostituierte – und eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nahm. Was hat Dich bewogen, ihr diesen Raum bei Euch zu geben?
Dora Koster hat ihr eigenes Leben radikal zum Thema gemacht – und genau das hat mich bewogen, ihr diesen Raum zu geben in der Ausstellung «All in». Sie hatte eine erstaunlich präzise und zugleich rohe Art, gesellschaftliche Situationen zu beschreiben. Für mich ist sie eine Art Seismografin: Ihre Texte reagieren direkt auf das, was sie erlebt und beobachtet hat, ohne Filter, ohne Rücksichtnahme.
All in: Die Schriftstellerin, Dichterin, Musikerin, Malerin und Performerin Dora Koster, April 2016
Bild: Adam Naparty
Gerade diese Direktheit fand ich erfrischend. Sie wollte nie ein inhaltliches Korrektorat, nur Komma- und Rechtschreibfehler durfte man anpassen. Diese Haltung sagt viel über ihr Selbstverständnis aus: Sie wusste genau, was sie sagen wollte – und wie. Deshalb war es für mich klar, dass ihr Werk einen Raum verdient.
Hier eine kleine Kostprobe:
Mein Theater
kein Vorhang
keine Knickse
keine Souffleuse
nur
ein Sprung
in die Welt.
Den Hund gabs vor der Leine …
Der Dreck an mir
stammt von euren Füssen
Wer ein goldenes Kalb verspeist
wird niemals satt
«Mein Theater – nur ein Sprung in die Welt».
Das ist eine treffende Umschreibung Eures Ausstellungstitel «All In». Für mich klingt in diesem Gedicht eine bestimmte Haltung an: Ohne Angst alles, was zur eigenen Person gehört, in die Waagschale des Lebens und der Kunst zu werfen, was ja die Wenigsten tun, da die Fallhöhe extrem hoch ist. Weil wenn man damit scheitert, scheitert man sozusagen «total». Dieser Mut, es trotzdem zu tun, ist auch bei den anderen Künstlern in der Ausstellung zu sehen, bei Emil Manser, Christoph Köpfli und Erwin Schatzmann. Würdest Du diese Strategie des «All In», des «Theater ohne Vorhang» jungen Künstler:inen empfehlen?
Ich würde jungen Künstler:innen diese «All In»-Strategie nicht empfehlen. Ohne Distanz sind sie völlig ungeschützt, und das Risiko der Selbstzerstörung ist hoch.
Natürlich kann genau diese Radikalität extrem stark sein – aber wie beim Poker sollte man nur dann «All in» setzen, wenn man die eigenen Karten wirklich kennt.
Wichtiger scheint mir, die Spielregeln aktiv mitzubestimmen: eigenständig bleiben, Grenzen setzen und nicht aus Anpassungsdruck handeln.
Das deckt sich mit dem, was Du weiter oben beschrieben hast: Dass es um Menschen geht, die Kunst durch und durch leben, weil sie müssen, nicht weil ein System es vorgibt. Ich hab den Eindruck, dass es immer weniger solche Künstler:innen – wie zum Besipiel Dora Koster – gibt. Vor 30, 40 Jahren hatte man den Eindruck, das halbe Niederdorf sei von solchen Menschen bevölkert. Der Fotograf Christian Schwarz hat mit seinen Büchern diese Szene dokumentiert. Du lebst und arbeitest im Kreis 1. Stimmt meine Wahrnehmung , dass es sich um eine langsam aussterbende «Spezies» handelt?
Ja, ich glaube, das hängt mit Gentrifizierung zusammen – und mit der Lebenssituation in der Schweiz. Bis in die 1970iger-Jahre gab es Verdingkinder, Frauen hatten kaum Rechte, und viele konnten ihre Kinder nicht alleine grossziehen. Dora Koster wuchs in Heimen auf, ihre Tochter wurde ihr genommen, sie hatte Wurzeln bei den Fahrenden. Schreiben wurde ihr Ventil, ihre Überlebensstrategie; das «All in» war keine Entscheidung, sondern die einzige Chance zu bestehen.
Solche Doras gibt es auch heute noch, nur nicht unbedingt hier, eher anderswo. Das Niederdorf ist brav geworden, zahm. Ich wünsche mir wieder mehr Unangepasstes, Orte, an denen Lebens-Künstler:innen sichtbar werden und Atem holen können.
Die Ausstellung «All in. Alles Kunst. Alles Leben» ist noch bis am 10. Mai 2026 in Zürich zu sehen und wird von zahlreichen Rahmenveranstaltungen begleitet.