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Buchtipp

Liebesbriefe, Migrationsgeschichte und Klassenfragen

Als Leiterin des Literaturfestivals Buch Basel ist Marion Regenscheit professionelle Vielleserin mit einem umfassenden Überblick. Für unser Magazin schreibt sie gemeinsam mit ihrem Team jeden Monat drei Leseempfehlungen.

Von Marion Regenscheit

Basel, 22.12.2022

6 min

Liebe Buchtipp-Leser:innen

Die Feiertage sind in greifbarer Nähe und beim BuchBasel-Team steht sogar eine kleine Winterpause an. Eigentlich der richtige Moment, um Euch einige Klassiker zu empfehlen. Eichendorffs Taugenichts und Goethes Wahlverwandtschaften zählen zum Beispiel zu meinen Lieblingen vor 1850. «Momo» von Michael Ende empfehle ich an den Feiertagen in Griffnähe zu haben, weil es ein wirklich wunderbares Buch zum Vorlesen ist – ganz egal wie alt die Zuhörer:innen sind. «The Cost of Living» von Deborah Levy und das doch irgendwie sehr seltsame Buch «Pure Colour» von Sheila Heti verschenke ich übrigens zu Weihnachten. Und weil vor zehn Tagen der beste Kinderbuchautor und Illustrator Wolf Erlbruch gestorben ist, bekommen jetzt alle «Ente, Tod und Tulpe», «Frau Meier, die Amsel» oder «Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat» dazu.

Was ich und mein Team aktuell lesen, erfahrt Ihr ausserdem gleich unten. Vielleicht ist etwas für Euch mit dabei. So oder so wünsche ich Euch frohe Feiertage und einen guten, warmen Winter!

Marion Regenscheit

 


 

Ingeborg Bachmann, Max Frisch: «Wir haben es nicht gut gemacht.»

Der Briefwechsel. Mit Briefen von Verwandten, Freunden und Bekannten. 

Dieses über 1039 Seiten lange Briefwechsel ist für alle, die dramatische Liebesgeschichten mögen. Und weil das Lesen dieser aufwühlenden und wirklich intensiven Liebesbriefe zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch viel Zeit braucht, ist das Buch meines Erachtens die perfekte Lektüre in den kommenden Feiertagen.

Der ausführlich kommentierte Briefwechsel liest sich stellenweise wie ein Roman, der berührt und erschüttert. Die Briefe und vor allem die Sätze der beiden, machen nicht nur deutlich, dass hier wirklich zwei der ganz grossen deutschsprachigen Schriftsteller*innen am Schreiben sind (die beiden finden so präzise Worte für Gefühle!), sondern der Band räumt auch mit vielen Mythen rund um dieses berühmte Literatur-Liebespaar auf. Die klassische Lesart, dass Frisch Bachmann ins Elend gestürzt hat, ist nach der Lektüre der Briefe nicht mehr haltbar.

So wurde zum Beispiel Bachmanns Tablettenkonsum nicht durch die Trennung von Frisch ausgelöst, sondern hat im Gegenteil eher zu dieser beigetragen. In der Mischung aus berührenden Liebesschwüren, brüske Zurückweisungen und flehentliche Bitten erfährt man sowieso viele Neuigkeiten, was die Biografie der beiden betrifft.

Und für alle, die an die grosse Liebe glauben, hier zum Schluss noch eine traurige Nachricht: Nach der Lektüre der Briefe scheint klar, dass Bachmanns und Frischs Trennung von Anfang an absehbar war – und als sie kam, länger dauerte als ihre Beziehung.

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Ingeborg Bachmann, Max Frisch: «Wir haben es nicht gut gemacht.»


Der Briefwechsel. Mit Briefen von Verwandten, Freunden und Bekannten. 


Herausgegeben von Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle und Barbara Wiedemann. Suhrkamp und Piper Verlag

Tipp von Marion Regenscheit

Grazie a voi. 

Ricordi e Stima – Fotografien zur italienischen Migration in der Schweiz.

Es ist nie zu spät aber immer höchste Zeit sich mit der Migrationsgeschichte der Schweiz auseinanderzusetzen. «Grazie a voi.» bedankt sich bei allen Personen, die als Arbeiter*innen im 20. Jahrhundert aus Italien in die Schweiz kamen und blieben. Was im Buch Dank ist, war damals (und ist natürlich auch heute noch oft) Rassismus und Ausgrenzung.

Wie haben sich diese damaligen Migrant*innen gefühlt? Unter welchen Umständen haben sie privat gelebt oder – so öffentlich es geht – Kultur gemacht? Während Pizza heute zu einer hippen Pop-Up-Schranke führen kann, war sie früher Grund für Rassismus. Die Deutschschweiz ist auch heute noch dominant, doch gehört die italienische Diaspora und die Italianità auf eine andere Weise zum Leben, als in der Nachkriegszeit. Sie haben damals nicht nur gearbeitet, sie haben geliebt, getanzt und sich ein Leben aufgebaut. Ein Fotoband, um Grazie zu sagen und aus der Geschichte zu lernen, die auch heute noch prägt und besteht.

 

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Grazie a voi. 

Ricordi e Stima – Fotografien zur italienischen Migration in der Schweiz.


Herausgegeben von Giuliano Alghisi, Rolando Ferrarese, Fausto Tisato, Marina Widmer Limmat Verlag  

Tipp von Alice Weniger

Deniz Ohde: Streulicht

Als Tochter eines deutschen Fabrikarbeiters und einer türkischen Mutter versucht sich die Ich-Erzählerin im autofiktionalen Debütroman «Streulicht» von den Zuschreibungen und Erwartungen an sie als Arbeiterkind und vor allem aus der verinnerlichten Abwertung zu befreien. 

Es sind die Negativ- Zuweisungen von Aussen, welche die Entwicklung der Heranwachsenden bestimmen und sie vorerst von einer akademischen Laufbahn und einem sozialen Aufstieg abhalten, gleichzeitig aber auch den Blick der Erzählerin auf ihr Umfeld schärfen. Ohne Wertung und mit nüchterner Präzision erzählt sie rückblickend von der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung mitten in einem Industrievorort von Frankfurt, von ihrem Wunsch wegzugehen und ihrer gleichzeitigen Verbundenheit mit diesem Ort. «Nicht auffallen» ist ein Leitsatz, der ihre Kindheit in doppelter Weise bestimmt. Mit einem Alkoholiker als Vater und einer Mutter, die frühzeitig erkrankt, lernt das Mädchen sich nicht nur im Aussen sondern auch innerhalb der eigenen Familie permanent zu entschuldigen, sich leiser zu bewegen «bis man mich nicht mehr hören konnte».

Wird Licht von seiner eigentlichen Richtung abgelenkt, wird dieses Phänomen «Streulicht» genannt und steht für mich in diesem Buch sinnstiftend für ein Lebensgefühl. Mit ausserordentlicher Sprach- und Beobachtungsgabe reflektiert Deniz Ohde die Differenz zwischen Establishment und Arbeiter*innenschicht und beleuchtet so ihre feinen Abstufungen und ihre tiefliegende Klassengrenzen.  

 

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Deniz Ohde: Streulicht

Suhrkamp Verlag

Tipp von Valentina Bischof