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Kunst

Kerry James Marshall – Woher kommt dieser Humor?

Kerry James Marshall zeigt im Kunsthaus Zürich sein fulminantes malerisches Gesamtwerk. Der Black American hätte allen Grund zum Zorn. Er begegnet der Geschichte und der Kunst jedoch mit Humor.

Von Mathias Balzer

Zürich, 27.02.2026

5 min

Das Bild heisst schlicht «Untitled (Underpainting»), 2018. Wobei ich nicht verstehe, was mit «underpainting» gemeint ist, schlage es aber auch nicht nach. «Untitled (Underpainting») ist auch ohne Erklärung im Titel eine Ikone, eine rätselhafte, doppelbödige Spiegelung, gute Kunst eben.

Ein Spiegel, welcher Kerry James Marshall, Black American, geb. 1955, den Black Americans vorhält. Ein Kommentar zu ihrer Situation in der zwar nicht weiss geprägten, aber weiss dominierten Kultur Amerikas. Das Bild ist aber auch Kommentar zum Museum, zur abstrakten Kunst, zur Kunstvermittlung.

«Untitled (Underpainting») aus dem Jahr 2018 vereint viele themen aus Kerry James Marshalls Gesamtwerk.

«Untitled (Underpainting») aus dem Jahr 2018 vereint viele Themen aus Kerry James Marshalls Gesamtwerk.

Bild: Mathias Balzer

Vordergründig ist dieses zweiteilige Gemälde eines der unscheinbarsten in der Ausstellung, die der Künstler derzeit im Kunsthaus Zürich zeigt. Unscheinbar, weil es nur in Brauntönen gemalt ist, während die meisten anderen Werke die schwarzen Figuren Marshalls in bunte Landschaften, üppige Interieurs, kräftige Naturszenen, in blaues Meerlicht und heiligen Glitter einbetten.

«Untitled (Underpainting») ist in sich eine Spiegelung, unvollkommen zwar, aber es zeigt zwei beinah identische Szenen. Eine Kunstvermittlerin oder Lehrerin, in Camouflage-Hosen, mit hochgesteckter Frisur und energiegeladener Geste.

«Sehr her! Darum handelt es sich!» scheint sie den am Boden sitzenden Kindern und den paar herumstehenden Erwachsenen zuzurufen. «Seht her, dies und das wollte euch der Künstler sagen!»

Nur ist auf den grossen, üppig und kostbar gerahmten Leinwänden gar nicht wirklich etwas zu sehen.

Marshall, der brillante figurative Maler, hat das Museum mit abstrakter Kunst behängt – einer Parodie auf jene – weisse – Errungenschaft der Moderne, die dem Bild alles Konkrete, jede Art Abbildung der Wirklichkeit ein für alle Mal ausgetrieben hat.

Still, mit hochgereckten Köpfen, lauschen die jungen Black Americans der Saga der Moderne. Einem Stück Kunstgeschichte, das nur minimal von ihrer eigenen Community mitgeschrieben worden ist. Eine Kunst, die kaum selbst entschlüsselt werden kann, die Erklärung benötigt. Oder frei nach Tom Wolfe: In der abstrakten Kunst illustriert die Kunst die Kunsttheorie.

Ohne Kerry James Marshall zu kennen, glaube ich sein Lachen zu hören. Humor und Ironie sind auch in weiteren Bildern der Ausstellung zu entdecken. Wer inszeniert sich selbst schon als Person mit Zahnlücke, deren Bildnis hinter einem Staubsauger hängt, wie es Marshall tut? Der Mann muss Humor haben!

Spott über das «weisse» Museum

In «Untitled (Underpainting») macht er sich auch über Kunstvermittlung lustig. Er setzt die weissen Täfelchen der Kunstbeschriftung gleich mitten ins Bild, als ob sie das Zentrum der Wahrnehmung wären.

Was in gewisser Weise ja stimmt, kennen wir doch alle diese Pendelbewegung, diesen musealen Tanzschritt, bei welchem wir zuerst aufrecht das Bild betrachten, nicht zu lang, um dann mit ein zwei lockeren Schritten zur Seite und nach vorn Kopf und Rumpf zu beugen, damit wir Titel und Schöpfer des Bildes erkennen können. Das darf durchaus länger dauern als die eigentliche Bildbetrachtung.


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Diesem beissenden Spott über den Museumsbetrieb fügt Marshall eine schwer zu entschlüsselnde Szene hinzu. Im Raum, der sich hinten öffnet, geschieht etwas ganz anderes. Auch dort hängen abstrakte Gemälde, auch dort redet eine Frau mit erhobenen Händen. Ihr Publikum steht jedoch und schaut nicht die Bilder sondern die Rednerin an. Hinter ihr schwenkt jemand eine Flagge.

Wird dort hinten ebenfalls die abstrakte Kunst erklärt? Oder ist das nicht vielmehr eine Demo im Museum? Was sagt die Frau? Spricht sie über die künstlerische Selbstermächtigung der Black Americans? Redet sie über die Vorherrschaft der Weissen im Kunstbetrieb? Über die Herkunft zweifelhafter Mäzenaten-Gelder? Über Restitutionsforderungen der Gesellschaften auf dem afrikanischen Kontinent?

Wir wissen es nicht. Marshall lädt uns aber ein, es uns vorzustellen.

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Kerry James Marshall

Zum ersten Mal wird dem amerikanischen Künstler Kerry James Marshall (geb. 1955 in Birmingham, Alabama; lebt in Chicago) in der Schweiz eine umfassende Ausstellung seiner grossformatigen, bis zu sieben Meter breiten Gemälde gewidmet. Nach London ist die Ausstellung im Kunsthaus Zürich zu sehen, bevor sie weiter nach Paris reist. Marshall zählt zu den einflussreichsten Kunstschaffenden der Gegenwart und übt einen nahezu beispiellosen Einfluss darauf aus, wie Repräsentation, Kunstgeschichte und soziale Machtverhältnisse durch die Malerei zum Ausdruck gebracht werden.

Kerry James Marshall: «The Histories – Geschichten», Kunsthaus Zürich