Zilla Leutenegger lädt im Museum Tinguely zum Rundgang durch das ganze Museum.

Zilla Leutenegger lädt im Museum Tinguely zum Rundgang durch das ganze Museum.

Bild: Matthias Willi

Kunst

Brief an Zilla

Zilla Leutenegger zeigt im Museum Tinguely in Basel fünfzehn ortsbezogene Arbeiten. Unsere Autorin hat ihr einen Brief geschrieben.

Von Margarita Balthermia

Basel, 28.09.2026

7 min

Liebe Zilla

Ich habe Deine Ausstellung «Zwischenraum / Hindurchzuschaun» im Museum Tinguely in Basel besucht, am Morgen nach dem Rummel der Eröffnung.

Ich schreibe Dir diesen Brief, weil mich seither eine Frage beschäftigt: Bin ich dort zuhause, wo mein Schatten ist?

Dazu später mehr.

Zuerst möchte Ihr Dir danken für diesen Rundgang durch das Museum, den Du und der Kurator Andres Pardey mir beschert habt. Du hast fünfzehn, auf den Ort abgestimmte Arbeiten, im ganzen Haus verteilt. Und das Tinguely ist ein grosses Haus, in dem es noch viele andere Arbeiten zu sehen gibt. Die Frau an der Kasse meinte, sie sei gespannt, ob ich alle Deine Werke entdecke. Mit etwas Hilfe des Aufsichtspersonals hab ich es geschafft.

So bin ich seit langem wieder mal durch die Sammlung spaziert, wo Tinguelys Werke in absurdum daher rattern. Und ebenfalls durch die Ausstellung «Labouring Bodies», wo es um Frauen und Maschinen, um Arbeit, Krieg, aber auch um Fürsorge geht.

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Das Piano, das von Geisterhand gespielt wird.

Bild: Museum Tinguely, Basel, Matthias Willi

Oben, im zweiten Stock, trete ich in ein Interieur von Dir. Farbige Lichtkegel fluten aus gemalten Lampen. Bin ich in einem Wohnzimmer? Oder ist dies die Beleuchtung für das Kammerkonzert, das geisterhaft aus dem Flügel klingt? Ton um Ton um Ton breitet sich Ruhe, Melancholie, Geborgenheit aus. Das Gemälde an der hinteren Wand zeigt einfach nochmals, was da ist: einen Flügel.

Im nächsten Raum trete ich in die spektakulärste Sackgasse in diesem Museum. Hier quitschen metallisch knöcherne Wesen «Mengeles Totentanz» und werfen Schatten, wie ein Fegefeuer, das jegliche Geborgenheit verbrennt.

Zurück in Deinem Klavier-Salon fühl ich wieder jene leicht traurige Einsamkeit, die sich schon vor Deiner Telefonzelle neben der Garderobe eingestellt hat.

Dort sah ich den Schatten einer Frau, die vergeblich versucht, ihre Mutter anzurufen: «Mama, can you hear me. Mama. Mama? I am calling you, can you pick up the phone? Mama, can you hear me? Mama. Is somebody at home?»

Ja, ist jemand zuhause? Oder wie Roger Waters singt: «Is there anybody out there?»

Derzeit im Museum Tinguely in Basel zu sehen: «Plein Soleil» von Zilla Leutenegger.

Derzeit im Museum Tinguely in Basel zu sehen: «Plein Soleil» von Zilla Leutenegger.

Bild: Museum Tinguely, Basel, Matthias Willi

Im grossen Saal seh ich zuerst, weit oben, eine grosse Leinwand von Dir. Da flattert Wäsche im Wind. Dieser streicht auch durch die Haare des Mädchens, das – ebenfalls weit über unseren Köpfen und dem Maschinenpark – auf einer Traverse sitzend die Füsse baumeln lässt.

Wird sie springen? Denkt sie ans Ende, die Auslöschung? Oder lässt sie einfach die Seele baumeln und geniesst ihr Alleinsein?

Schrecklich alleine ist Zilla-Gorilla. Die meisten Besucher:innen bemerken ihn gar nicht. Sie blicken nicht durch den Spalt in der riesigen Transportkiste hinten in der Ecke. Darin sitzt dieses schwarze Wesen, gefangen in einem Treppenhaus und klagt aus der Tiefe seiner Seele.

Selbst eine Treppe bis ans Ende runtersteigend lande auch ich in einem Verlies. Deine etwas schrumpligen Wasserhahnen aus Keramik bringen mich zum ächeln. Der Klang tropfenden Wassers schägt jedoch direkt wieder auf meine Einsamkeits-Saite, die zuvor schon ins Schwingen kam.


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Alleine, dem schaukelnden Mädchen im Schauatelier zuschauend, merke ich erst, dass ich Gast einer grossen Abwesenden bin. Denn es sind ja bloss deine Schatten, die ich überall sehe.

Zilla, so lese ich später, sei ein Name aus dem Alten Testament und bedeute auf Hebräisch «Schatten».

Zillas Schatten sind demnach die Schatten eines Schatten.

Ohne Gegenstand, ohne Licht und ohne Fläche gibt es keinen Schatten. Sie sind im Grunde Zeugnis dafür, dass wir existieren.

Aber diese schwarzen Wesen erinnern mich auch an alle, die bereits nicht mehr unter uns sind. Ist nicht das Totenreich das Schattenreich?

Im Saaltext steht, es scheine so, als ob jemand im Museum eingezogen sei. Ein schöner Gedanke. (Sie sind den Schatten ja ähnlich, die Gedanken. Flüchtig und schwer fassbar tanzen sie durch unser Sein.)

Das dort Geschriebene würde aber heissen, dass Deine Schatten hier ein – zumindest temporäres – Zuhause gefunden haben.

Womit ich auf meine Frage zurückkomme: Bin ich dort zuhause, wo mein Schatten ist?

Etwas unausgeschlafen würden wir wohl sagen: Nein. Das Zuhause ist mein Zimmer, die Wohnung, das Haus. Oder vielleicht die Stadt, in der ich lebe, der Staat, die Erdkugel.

Das Universum?
Schon schwieriger.

Oder wäre die Liebe ein Zuhause?
Die Liebe, die Du – ganz nebenbei – auf die angelaufene Scheibe einer unscheinbaren Türe malst?
«I love you».

 

Auf dem Rundgang durch das Museum: «I Love You»

Auf dem Rundgang durch das Museum: «I Love You»

Bild: Museum Tinguely, Basel, Matthias Willi

Oder heisst zuhause sein, einfach bei sich sein, so wie das Mädchen auf der Traverse?
Oder wäre das Zuhause die Mutter?
Sie nimmt jedoch nicht mehr ab.

Oder ist die Sehnsucht nach dem Zuhause, nach Geborgenheit, selbst ein Schatten, der uns lebenslang begleitet?

Novalis, der Dichter der blauen Blume, stellte die Frage so: «Wo gehn wir hin?»
Seine Antwort: «Immer nach Hause.»
Was im Grunde bedeutet, dass wir nie ankommen. Wir sind für immer dahin unterwegs.

Manchmal frage ich mich, ob wir selbst nicht schattengleiche Wesen sind.
Eine aus Fleisch und Knochen manifestierte Projektion des Universums.

Aber das sind Gedanken, die sich eben dort, in diesem Rätselraum des Alls verlieren, während wir vergeblich auf die Gnade einer Antwort warten.

Da tut es sehr gut, Deinem Hund zuzuschauen, wie er im Körbchen schläft.
Oder Deiner schwarzen Katze.

Fühlen Tiere sich geborgen?
Wissen sie, dass sie einen Schatten werfen?

Ich danke Dir, Zilla, für die Einladung in Dein Schattenreich und grüsse Dich

Margarita Balthermia


«Zwischenraum / Hindurchzuschaun»
Zilla Leutenegger, kuratiert von Andres Pardey
Bis 7. März 2027
Museum Tinguely, Basel