Robert Hunger-Bühler hat als Schauspieler episch lange Stücke aufgeführt, so trat er etwa als Mephisto in Peter Steins monumentaler, 22 Stunden dauernden Inszenierung von Goethes «Faust» auf. Als Autor schätzt Hunger-Bühler die kürzeste Form: das Haiku.

Robert Hunger-Bühler hat als Schauspieler episch lange Stücke aufgeführt, so trat er etwa als Mephisto in Peter Steins monumentaler, 22 Stunden dauernden Inszenierung von Goethes «Faust» auf. Als Autor schätzt Hunger-Bühler die kürzeste Form, das Haiku.

Foto: Thomas Egli

Literatur und Theater

Robert Hunger-Bühler: Warum sollten wir öfter wieder ein Korsett tragen?

Der renommierte Schweizer Schauspieler Robert Hunger-Bühler schreibt Haikus. Zur Veröffentlichung seines zweiten Buches «Die Blume im Mund» haben wir uns mit ihm schriftlich ausgetauscht. Eine Korrespondenz über die Befreiung von Sinn und Geschwätzigkeit, das Kauen von Texten, die Kunst des Verschwindens, Zen, persische Mystik und Kasperli.

Von Mathias Balzer

Chur, 18.02.2026

10 min

Lieber Robert

Ich beginne nun unser Ping-Pong. Der Ablauf ist einfach: Wir spielen uns über die – sagen wir mal – nächsten acht bis zehn Tage in lockerer Folge Fragen und Antworten zu.

Ende Monat erscheint Dein neues Buch «Die Blume im Mund». Es ist eine Sammlung von rund 200 Haikus. Du hast bereits 2013 einen ersten solchen Band herausgegeben. Wie bist Du auf diese Form gestossen? Wann hast Du Dein erstes Haiku geschrieben?

Lieber Mathias,
mein erstes Haiku habe ich 2006 geschrieben. Es ging so:

müssig geht der Pfau
und schüttelt sein Gefieder
am Wildschwein vorbei

Zuvor hatte mich das Buch «Im Reich der Zeichen» von Roland Barthes gepackt, in dem er der vom Sinn befreiten Form des Haikus auf den Grund geht. Für einen wie mich, der sein halbes Leben Wörter gelesen und auf der Bühne ausgespuckt hat, war das eine Offenbarung. Und die Haiku-Reise liess mich seither nicht mehr los.

Für unsere Leser:innen, die sich mit Haikus nicht auskennen, wie würdest Du diese Form beschreiben?

Das Haiku ist ein dreizeiliges Gedicht mit 5/7/5, also 17 Silben. Diese reimlose Lyrikform aus Japan ist schon mindestens 1300 Jahre alt.

Du schreibst oben, Dich habe diese «vom Sinn befreite» Form fasziniert, in der Ausführung ist sie jedoch äusserst streng, ein enges Korsett. Die Lyrik kennt mittlerweile ja auch viel offenere Formen. Was bringt Dich dazu, Dich dieser strengen Regel zu unterwerfen?

Ich unterwerfe mich fast jeder Tätigkeit (im Theater, im Film und beim Joggen).
Immer wieder habe ich in der Form Freiheit erfahren.

Das Haiku scheint mir in seiner Strenge prädestiniert zu sein für einen minimalen Ausdruck, der der Geschwätzigkeit und dem Geplauder den Atem anhält.

Es tut mir gut, eine Nichtigkeit mit ein paar wenigen Worten zu erhellen. Dieses sinnlose Spiel ergibt oft den Sinn des Tages. By the way sollten wir öfter wieder ein Korsett tragen.

Stimmt, ein Korsett zu tragen kann äusserst belebend sein – es stellt sich nur jeweils die Frage, wer es schnürt oder öffnet…
Du schreibst, es tue Dir gut «eine Nichtigkeit mit ein paar wenigen Worten zu erhellen». Diese Haikus sind Momentaufnahmen, Skizzen des Augenblicks. Wann weisst du, dass der Augenblick dafür gekommen ist? Fällt er Dir zu, oder gibt es eine Technik, ein Ritual, um sich dieser Präsenz in der Gegenwart zu öffnen?

Wenn ein Haiku im einschnürenden Korsett gelingt, überströmt mich ein Glücksgefühl (macht Serotonin frei).
Ich versuche, was natürlich nie gelingt, die Zeit anzuhalten, oder wenigstens zu drosseln und meine Sinne auf eine beiläufige Beobachtung zu lenken, die möglichst keinen Sinn macht. Ein sinnloses Spiel am Rande unseres Lebens, das vollgepackt ist mit Sinn und Effizienz.

Die Idee eines Haikus passiert in allen Lebenslagen, im Supermarkt beim Suchen nach Magerquark, beim in den Wald schauen, beim Glattstreichen eines Geschenkpapiers oder beim Beobachten einer Biene, die sich nach dem ersten Sonnenstrahl auf meinem Gartentisch verirrt. Aber niemals im Schneidersitz an die weisse Wand starrend.

Danach kaue ich das Haiku am Gaumen, bis ich es ausspucken kann.

Und passiert das oft, oder sind es seltene Augenblicke?

Jederzeit.

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Die Blume im Mund

«Die Blume im Mund – Haikus»
Mit einem Nachwort von Eduard Klopfenstein
Secessions Verlag, Berlin.
Erscheint am 27. Februar 2026
Zum Buch
Buchvernissage: Freitag, 27. Februar, 19:45 Uhr, Aargauer Literaturhaus, Lenzburg

Ich kaue gerade an einer weiteren Frage, bis ich sie ausspucken kann und denke an dieses Zitat von Alberto Giacometti: «Wenn man nicht mehr weiss, wie man weitermachen soll, gerade dann muss man weitermachen.»

Also: Als ich Dich 2018 in Deiner Wohnung in Adliswil besucht habe, um einen Text für Dein Buch «Den Menschen spielen» zu schreiben, hast Du mir erzählt, dass Du oft Gedichte liest, diese auch im Auto rezitierst, in den Lüftungs-, respektive Fahrtwind hinein gesprochen, denn Gedichte seien Mundgeburten, die erst durch den Atem richtig zur Welt kommen würden.
Wie kommen Deine Haikus zur Welt?

Kauen ist das exakte Stichwort. Der Gedanke zu einem Haiku kommt wie ein Blitz, jedoch die Verfertigung dauert manchmal Tage und Wochen, und manche bleiben amorph in der Werkstatt liegen, wie Steine am Flussufer, die darauf warten, um plötzlich vom Wasser auf einen anderen Platz gespült zu werden.
In meiner Werkstatt liegen viele dieser formlosen Wortsteine. Hier ein Paar dieser Wracks:

«nur der Mond liest nachts»
«hätte der Esel Geld»
«das Buch im Regen»
«schütte dein Herz aus»
«Zebra streift galant
Schutzengel»
«Geröll im Mund»

Tatsächlich kaue ich die Worte wie Geröll im Mund, das mutet idiotisch an, hilft mir aber bei der Entstehung eines Haiku.

Geröll im Mund vor dem weissen Blatt…
Das könnte von einem Zen-Buddhisten stammen. Ich selbst beschäftige mich seit einigen Jahren täglich mit dieser Denkform. Sitze also tatsächlich vor der weissen Wand. Aber dieses Sitzen ist ja letztendlich auch nur eine Krücke, um ab und zu den Sprung zu schaffen in jenes Land, wo es keinen Diskurs, keine Erklärung, keine «Warum» und schon gar keine Antwort auf solche Fragen gibt. Es ist eben das Land, wo nur das da ist, was ist.
Ist Dir dieses Zen-Denken, oder besser Nicht-Denken nahe, oder kommt Deine Leidenschaft für Sinnloses woanders her?

Ich kenne Dich jetzt schon geraumer Zeit, lieber Mathias, und merke erst jetzt, dass uns ein geheimer Faden zusammenspannt. Vor Jahren ist mir das Buch «Les Dites De Bistami» des persischen Mystikers Abu Yazid al-Bistami in die Hände gefallen. Darin las ich den Satz: «Dans l`oubli du moi,  j`envoque le Créateur du moi.» (In der Vergessenheit meines Selbst rufe ich den Schöpfer des Selbst an).

Er liess mich seither nicht mehr los. Die Frage, wie kommt es zur Ich-Vergessenheit? Wann bin ich im Zustand der Selbstvergessenheit? Ich merkte, dass die Loslösung des Ich vor allem im Spiel passiert, also in der geballten Hingabe an die zu spielende Figur. Vielleicht haben mich die Reisen in die unbekannten Köpfe und Herzen fremder Theaterfiguren gratis zum Amateur-Buddhisten gemacht. Aber vor allem passiert mir die Selbstvergessenheit durch die Anschauung einer alltäglichen Begebenheit, und sei sie noch so töricht. Gratis in der Sinn-und zweckfreien Zone – herrlich!

Ich dachte mir, dass es da eine starke Verbindung geben muss zwischen dem Schreiben der Haikus und dem Theater. Ich glaube, in dem bereits oben zitierten Buch «Den Menschen spielen» sprichst Du von der Kunst des Verschwindens. Meinst Du damit auch die Selbstvergessenheit? Kannst Du das hier nochmals ausführen?

Erscheinen und Verschwinden erlebe ich als zwei gleich starke Energien. Das Verschwinden ist eine Art Vorübung für ein Nie-Mehr-Zurückkommen. Ich mochte und mag so sehr Abgänge am Theater. Schon als Kind fantasierte ich das Leben des Teufels nach seinem Abgang im Kasperli-Theater weiter und malte mit aus, wie es denn in der Hölle aussehen würde. Es ist das Mysterium, das uns so verlockt.

Oft wollte ich, nachdem ich die Bühne betrat, sofort gleich wieder verschwinden. Es ist immer der erste Schritt, der zählt. Gottlob wurde ich nicht gefragt, ob ich aus Mutters Bauch erscheinen möchte oder lieber nicht. Ich tat es oder es tat mir…
Verschwinden um wieder zu erscheinen, das ist gross. Die grösste Magie aber, wo wir schon im Theater gelandet sind, ist die Spannung bevor der Vorhang sich hebt. Dazu ein Haiku:

Der Vorhang ist zu
gleich wird er sich bewegen
Oh diese Stille

Bald, am 27. Februar, geht ja der Vorhang auf für Dein Buch. Du wirst es gemeinsam mit dem Perkussionisten Julian Sartorius im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg präsentieren. Im Text zum Buch heisst es, «das Haiku möchte zweimal gesprochen werden, und in der Wiederholung wie ein Echo verklingen und verschwinden.» Ist das quasi schon die Dramaturgie dieses Abends, oder was dürfen die Besucher:innen erwarten?

Ein paar Echos wird der wunderbare Julian Sartorius mit seiner Klangkunst liefern, ich werde mich hoffentlich auf das einmalige Lesen der Haiku beschränken.
Ich freue mich besonders, dass die Buchtaufe im Aargauer Literaturhaus stattfinden darf, deren Räume die Intimität der Worte gewährleisten. Ein bisschen ist es auch ein Zurückkommen in den Kanton, in dem ich grossgeworden bin, verzeih mir meinen kleinen Anflug von Sentimentalität.

Vielleicht ist es auch einfach Erinnerung, wie Du selbst ja in diesem schönen Haiku schreibst:

Kindheit
wenn Erinnerung
beginnt verbrennt Gegenwart
im Licht der Kindheit

Geht das Rezitieren von Texten denn zurück bis in die Kindheit?

Ja die Kindheit kommt nicht zu kurz, sie irrlichtert durch das ganze Buch.

Sie (die Kindheit) wird begleitet von Naturbildern, dem Milan, Kühen, Fröschen oder Eseln. Die Sonne und der Mond ziehen ihre Bahnen, letzterer liest, beispielsweise, müde geworden, die letzten Worte eines Buches weg…

Zeit und Vergänglichkeit klingen immer wieder an in diesen Texten, was dem Buch eine gewisse Melancholie verleiht, die dann aber wieder durchkreuzt wird von scharf skizzierter Gegenwart, wie etwa hier:

die einen hungern
die andern bräunen Beine
der Schmetterling tanzt

Du schreibst in einem weiteren Haiku auch, Du würdest an Deinem lebenslangen Beruf arbeiten, ein Tagträumer zu sein, was mich wiederum an die Kindheit denken lässt, denn Kinder unterscheiden ja nicht zwischen Leben und Tagträumen. Ist die Arbeit an diesem lebenslangen Beruf demnach der Versuch, etwas Ursprüngliches zu bewahren oder wiederzuerlangen?

Je älter ich werde, desto glücklicher wird meine Kindheit, deren Zipfel ich manchmal wiedererhaschen kann. Ein Zipfel Tagträumerei. Nur da zu sein, ohne sein eigener Beobachter zu sein.

Der Beruf der Schauspielerei besteht ja aus unendlich vielen Vorübungen, um den Doktortitel der Tagträumerei zu erlangen.

Das Schlendern und Flanieren sind ebenfalls Vorübungen, um der erwachsenen Welt für Momente zu entkommen. Wir müssen weiter täglich trainieren!


 

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Robert Hunger-Bühler

ist einer der ganz grossen Schauspieler der Gegenwart, der mit allen wichtigen Regisseuren zusammengearbeitet hat, mit Christoph Marthaler, Frank Castorf, Barbara Frey, Peter Stein, Milo Rau u. a.
Das Buch «Den Menschen spielen» ist ein vielschichtiges Porträt des Künstlers. Neben Notaten, Haikus und Zeichnungen von Robert Hunger-Bühler enthält es Gespräche und Texte über Herkunft, Fussball, Schauspiel, Bob Dylan oder Klaus-Michael Grüber, über Hunger-Bühlers Werdegang und seine Arbeiten auf der Bühne, in Film und Performance. Beiträge von Anna Viebrock, Stefan Zweifel, Peter von Matt, Mathias Balzer, Milo Rau u.v.a. erweisen dem Schweizer Schauspieler persönliche Reverenz.

Robert Hunger-Bühler «Den Menschen spielen»
Limmat Verlag, Zürich
Zum Buch