Halbierungsinitiative
Ein klares Nein – obwohl SRF alle nervt
Es ist ein Gebot der Stunde, die Halbierungs-Initiative abzulehnen. Die Diskussion um eine neue Medienförderung ist damit aber nicht vom Tisch.
Chur, 21.01.2026
Es ist klar wie geputztes Brillenglas: Im Zeitalter alternativer Fakten, digitaler Informationskriege, einer Flut von KI-gestützten Posts und Angriffen von Rechtspopulisten auf öffentlich-rechtliche Medien wäre die Halbierung der Schweizer Medienförderung schlicht verantwortungslos, eine strategische Dummheit sondergleichen.
Wir brauchen in Zukunft dringend eine reichhaltige, professionell arbeitende, vielfältige Medienlandschaft. Deshalb gilt es am 8. März ein dick geschriebenes NEIN auf den Stimmzettel zu setzen.
Die Digitalisierung und damit einhergehende Abwanderung der Werbegelder an die Tech-Riesen bringt das Mediensystem seit zwei Jahrzehnten an den Anschlag. Die allermeisten Try-and-Error-Experimente auf der Suche nach neuen Finanzierungsmodellen konnten den Niedergang bisher nicht aufhalten, nur verlangsamen. Niedergang bedeutet: Zeitungen werden immer dünner oder verschwinden ganz, Stellen werden abgebaut, Titel zusammengelegt, Redaktionen schrumpfen.
Wo bleiben die Kulturschaffenden?
Was die Kultur betrifft: Eine Halbierung der SRF-Leistung würde sich heftig auf die gesamte Kulturszene, die Berichterstattung über sie und auf die schweizerische Filmproduktion auswirken. Deshalb: Macht doch mal etwas Lärm, liebe Kulturschaffende. Es geht auch direkt um Euch!
Um die Talfahrt der Branche abzufedern und damit ein für die Demokratie und die Kultur funktionierendes Mediensystem zu erhalten, braucht es keine Halbierung, sondern eine Erhöhung der Medienförderung.
In diesem Sinne müsste Bundesrat Albert Röstis Sparrunde von 345 auf 300 Franken Gebühren rückgängig gemacht werden. Einen Franken pro Tag sollte die Medienlandschaft jedem Haushalt wert sein, also 365 Franken pro Jahr.
Dass der Bundesrat das Sparrad in naher Zukunft wieder zurückdreht, ist jedoch unwahrscheinlich. Die Diskussion um digitale Medienförderung hat es gezeigt. Was Bundesrat und die Parlamente aber werden tun müssen, ist nochmals darüber zu beraten, wie denn die Gebührengelder aufgeteilt werden sollen. Aber dazu später mehr.
SRF nervt
Hier könnte nun eine polemisch-lustvolle SRG-Schelte folgen, von einem, der ausschliesslich die Informations- und Kulturformate des Senders beansprucht, den ganzen Rest entschieden nicht: das gesamte SRF-bi-de-Lüt-Was- kochst-du-Gutes-Wohin-bist-du-ausgewandert-Wer-ist-die-Beste-im-ganzen-Land-Gedöns.
Ja, SRF nervt – und nicht nur mich. Die einen nerven sich, weil es zu viel Sport und zu wenig hochstehende Kultur gibt. Die anderen, weil sie SRF zu links oder zu rechts finden, das Unterhaltungsangebot zu doof oder die Sternstunde zu abgehoben. Jeder und jede findet Formate, für die er oder sie – hätte man denn die Wahl – nie und nimmer freiwillig bezahlen würde.
Nur: Wir alle tun das ja die ganze Zeit. Genau das macht eine Gemeinschaft wie einen Staat aus. Der Autofahrer bezahlt auch für den ÖV, obwohl er nie einen Fahrplan liest. Die Zugfahrerin finanziert die Strassen mit, obwohl sie schon lange nicht mehr auf der Autobahn war. Die Vegetarierin finanziert den Schweinebauern und aus den Steuern der Bauern werden Opernhäuser mitfinanziert.
Wie gesagt: Für meinen Geschmack sind viele Formate der SRG zu einem über die Jahre angewachsenen Unterhaltungswasserkopf gewachsen. Und es werden nicht weniger. Aber hier soll es nicht um meinen Geschmack gehen – sondern um eine kleine Geschichte der Schweizer Medienförderung.
Aus einem Lagerfeuer wurden viele
Die Serafe- vormals Billag-Gebühren stammen aus einer längst vergangenen Zeit. 1946 wurde in der Schweiz die Radiogebühr eingeführt, 1958 die Fernsehgebühr. Bis 1997 auch Privatradios und -fernseher rund 5 Prozent der Gebührengelder erhielten, flossen diese ausschliesslich an die SRG.
Es waren die goldenen Jahre des «Nationalen Lagerfeuers». Die ganze Nation scharte sich mittags – sei jetzt still! – um die Radio-, abends um die Fernsehnachrichten. Der Teleboy, Marie Theres Nadig , Paul Spahn, Heidi Abel und Ruedi Walter waren die neuen Hohepriester:innen der Nation.
Die SRG führt dieses Lagerfeuer und sein drohendes Erlöschen bei Annahme der Initiative auch heute noch ins Feld. Die föderalistische, mehrsprachige Schweiz drohe ohne die Angebote von SRF schlicht auseinander zu brechen, so die Drohkulisse, die mit viel Aufwand am Horizont hochgezogen wird.
Abgesehen davon, dass es noch andere Medienhäuser mit hoher Qualität gibt:
Unsere Willensnation existiert seit 1848. Sie hat also gut 100 Jahre ohne gebührenpflichtiges Medium überlebt.
Die Saga des nationalen Lagerfeuers stammt aus der Zeit, als die SRG (und nur sie) gewisse Geräte bedient hat: das Radiogerät und den Fernsehapparat.
Mittlerweile ist es aber so, dass sich immer mehr Menschen von diesen Geräten und ihrem linearen Gebrauch verabschieden. Die Generation Z hat nicht einmal damit begonnen.
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Wo das neue Lagerfeuer heute lodert, ist an jeder Bushaltestelle zu sehen, wo sich die meisten über ein kleines Gerät mit schwarzer Oberfläche beugen. Und natürlich beliefert auch SRF diese neuen Feuerstellen des Gemeinschaftsgefühls mit ihren Produkten.
Aber der Sender ist nicht mehr alleine: Alle Medien, regional, national und international, erscheinen auf dieser taschengrossen Oberfläche und informieren uns über den Lauf der Dinge, die neusten Angebote, das Wetter, die Politik, die Katastrophen und Promi-Love-Stories.
SRF ist in diesem relativ neuen Medium ein Feuerchen unter sehr vielen. Es brennt hell – und sein Vorteil ist: es wärmt gratis, also ohne Bezahlschranke, jenes Tool, ohne das alle anderen Medienproduzenten gleich die Lichter löschen müssten.
So ist es nur verständlich, dass diese anderen Anbieter von Informationen und Unterhaltung zu recht mehr oder weniger verärgert sind. Die technologische Entwicklung der Empfängermedien hat zu sehr ungleichen Spiessen im Wettbewerb um Kunden geführt.
Die Medienhäuser senden mittlerweile aber nicht bloss in dieselben Geräte, sondern zunehmend dieselben Produkte: Talks, Podcasts, Sportübertragungen, schriftliche Beiträge, Meinungs- und Informationsformate quer durch alle möglichen Aufbereitungsformen: Audio, Text oder Video.
Dabei ist es den Konsumenten egal, ob die Produkte von einer technisch hochgerüsteten, mehrköpfigen Crew mit zwei Sendewagen oder von zwei Podcastern mit ihrem Equipment im Rucksack hergestellt werden. Entscheidend ist die inhaltliche Qualität.
In Zukunft braucht es eine Neuverteilung
Und so kommen wir zum Ausblick auf die Diskussion nach der unbedingt nötigen Ablehnung der Halbierungsinitiative. Nötig, weil ihre Annahme das Mediensystem als Ganzes schwächen würde, anstatt es zu stärken. Wie geschrieben: 1 Franken pro Tag sollten wir uns eine interessante, vielfältige Medienlandschaft kosten lassen. Dabei sollte aber auch die Förderung vielfältiger werden.
Wenn alle Medienhäuser, dasselbe Gerät mit denselben Produkten bedienen, wieso gehen mehr als 90 Prozent der Mediengebühr, die wir alle bezahlen, an nur eine Unternehmung? Wäre eine Verschlankung der Grossen zugunsten der Kleinen nicht gutschweizerisch gerecht?
Die Antworten liegen in der Zukunft. Bis dahin: NEIN stimmen und weiter diskutieren.
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