Gillian Wearing zeigt in der Ausstellung «Geister/Ghosts» im Kunstmuseum Basel ihre Arbeit «Me as a Ghost».
Bild: Prudence Cuming/Royal Academy of Arts London
Kunst
Brief an Eva und die Geister
Unsere Autorin hat die Ausstellung «Ghosts» im Kunstmuseum Basel besucht. Sie hat der Kuratorin Eva Reifert einen Brief geschrieben.
Graubünden, 12.12.2025
Liebe Eva Reifert
Eigentlich sollte ich mich mit diesem Brief ja direkt an die Geister wenden. Da unser Kontakt in deren Welt aber eher unstabil und die Zustellung deshalb mehr als ungewiss wäre, schreibe ich Ihnen.
Sie sind es ja, die im Kunstmuseum Basel die Ausstellung «Ghosts» ausgerichtet hat. Als ich dort ankam, wuselten Kinder durch die Räume. Mit Zeichenblöcken ausgestattet, versuchten sie, auf Anweisung ihrer Lehrerinnen, bloss zu flüstern, was für Kinder sehr schwierig ist.
Dieser Umzug der kleinen, tuschelnden Geister inmitten der Geister, welche die Kunst heraufbeschwört, hat mich berührt und vielleicht mit dazu beigetragen, dass mich ihre Ausstellung in eine Art Schwebezustand versetzt hat, der auch beim Verlassen des Museums anhielt. Aber dazu später mehr.
Susan MacWilliams Installation «Where are the dead?» empfängt die Besucher:innen der Ausstellung «Ghosts» im Kunstmuseum Basel.
Bild: Max Ehrengruber
Nun schreibend und mich an meinen Rundgang erinnernd, sehe ich im ersten Raum ein durchlässiges Spiegelbild meiner selbst, während ich Susanne MacWilliams Neonschrift lese: «Where Are The Death».
Ja, wo sind sie hin?
Alle meine Lieben, die bereits verschwunden sind.
Aber auch die Myriaden Lebewesen, die unsere Erde bis hierhin bewohnt haben.
Wo sind sie alle hin?
Ich erinnere mich auch an die schwarzromantischen Gemälde und Stiche oder das gespenstisch groteske Fotomaterial von Séancen in den folgenden Räumen. Vor allem die Bilder dieser Ektoplamsa-Ergüsse. Was für ein seltsames Wesen der Mensch doch ist, dass er solche Bilder produziert!
«Ectoplasm Photograph 5» des US-amerikanischen Künstlers Mike Kelley.
Bild: ©Nachlass des Künstlers, Courtesy Mike Kelley Foundation for the Arts
Dass wir uns den Geistern aber auch mit Humor annähern können, zeigen etwa Erwin Wurms lapidares Gespenst mit blauen Strandsandalen, Urs Fischers «Stuhl für ein Gespenst», Duchamps Bonbon-Papier oder Sigmar Polkes lustig-rätselhaftes Protokoll einer Séance mit William Blake.
Humor schafft Distanz. Er schützt uns für die Zeitspanne eines Lachens vor dem Unergründlichen, das wie der Wind im letzten Raum die ganze Ausstellung durchweht.
Meret Oppenheims Naturgeist wirft Schatten, Heidi Buchers Metamorphosen aus einer psychiatrischen Klinik reden von Verzweiflung, Claudia Casarinos schwebende Kleidchen bringen uns ins Wanken. Selbst Nicole Eisenmanns lieblicher Geist im Schnee ist bei längerem Hinsehen gar nicht so lieblich.
Erwin Wurms Gespenst «Yikes (Substitutes)» in der Ausstellung «Ghosts» im Kunstmuseum Basel.
Bild: Markus Gradwohl
Interessant finde ich auch den Raum, wo sich so genannt «medianistische» Zeichnungen und Gemälde versammeln. Werke also, die Künstler:innen in einer Art Trance, als Medium einer unbekannten Kraft oder als Botschafter:innen Verstorbener geschaffen haben.
Gemälde als Protokolle der Korrespondenz mit der Geisterwelt – was ja im Grunde eine Essenz der Kunst ist: die Korrespondenz mit dem Unsichtbaren, Unsagbaren, der vierten Dimension, dem Transzendenten …
Und Kunst ist immer auch Gespräch mit den Toten, den uns vorangegangenen Künstler:innen und ihren Werken, die sich in unsere Geschichte eingeschrieben haben und im Dunkel der Archive darauf warten, dass jemand sie wiederentdeckt und mit ihnen ein Gespräch beginnt.
Verschwinden im Augenblick
Wirklich nahe gehen mir aber die beiden Gemälde von Paul Benney. Da scheinen die Figuren aus der Zeit in den Raum zu treten – oder in diesem zu verschwinden.
Die Bilder zeigen unsere Situation trefflich auf. Wir erscheinen und verschwinden. Nicht bloss auf der Ebene von Geburt und Tod, nicht nur als flüchtiger Tanz der Moleküle, der Atome und Energiefelder, die unseren Organismus wunderbarerweise entstehen und vergehen lassen.
Benneys Bilder erinnern mich eben auch daran, dass wir jeden Augenblick in jenem Raum, den die Physik die Raumzeit nennt, aufscheinen und Millisekunden danach zur Vergangenheit werden.
Ach, wo ist der Augenblick der ewig dauert?
Wo ist das Wurmloch, das uns zurückreisen lässt?
«The Tenant«, ein Gemälde des britischen Künstlers Paul Benney.
Bild: Kunstmuseum Basel
Wissenschaftlich ist die Zeitreise ja umstritten: mathematisch möglich, energetisch (noch) nicht umsetzbar und sie sei mit einigen Denkproblemen behaftet.
Ich stelle mir jedoch gerne vor, dass Geistergeschichten so entstehen: Es sind nicht unerlöste Seelen, die in unserer Gegenwart umherirren oder ihren Spuk in verlassenen Häusern treiben.
Vielleicht ist es bloss ein sich plötzlich auftuendes Loch in der Raumzeit, das uns Vergangenes sehen lässt. Eine Vorstellung, die ich viel tröstlicher finde als diejenige der ewigen Unerlöstheit. Diese plagt uns im Diesseits ja bereits genug.
Wir selbst sind Geister.
Geister, die durch die Zeit schweben, der Illusion erliegend, dass wir auf zwei Beinen auf festem Boden stehen.
Hier weht bloss der Wind: Ryan Ganders Installation «Looking for something that has already found you (The Invisible Push)» im Kunstmuseum Basel.
Bild: Julian Salinas
Das ist zuerst ein erschreckender Gedanke, da er jegliche Gewissheit ins Wanken bringt. Mittlerweile find ich ihn aber sogar belebend, da er in mir jenes Gefühl auslöst, von dem ich am Anfang des Briefes spreche, und das, von ihrer Ausstellung angeregt, ausserhalb des Museums angehalten hat.
Man könnte dieses Gefühl in einen kleinen «Score», eine Anleitung zu einer individuell durchführbaren Perfomance giessen:
Grüss die Geister
Suchen Sie sich eine belebte Strasse, die gegen Westen führt, wo die untergehende Sonne ihnen entgegenscheint. Im Winter ist dies bereits kurz nach Mittag möglich.
Gehen sie langsam die Strasse entlang.
Die Menschen, die Ihnen entgegenkommen erschienen als ein Heer von Schatten.
Sehen Sie sie als Geister.
Verneigen sie sich innerlich vor ihnen.
Ich danke Ihnen, Eva Reifert, im Namen der Geister, den gegenwärtigen, vergangenen und kommenden für diesen Ausflug in die schwebende Zwischenwelt.
Herzliche Grüsse
Margarita Balthermia
«Ghosts/Geister – Dem übernatürlichen auf der Spur»
Bis 8. März 2026
Kunstmuseum Basel