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«Diese Bewegung ist der Anfang einer grösseren Bewegung für alle Frauen im Nahen Osten», sagt die iranische Künstlerin über die Revolution im Iran.

Bild: Roland Schmid

Interview

«Wenn ihr tötet, lobe ich mein Leben»

Anfang November protestierte die iranische Untergrundkünstlerin Mahsa* noch mit ihren Freund:innen auf den Strassen Teherans. Jetzt arbeitet sie für ein paar Wochen in der Schweiz. Wir haben mit ihr über die trügerische Sicherheit in Europa, die Schönheit des Widerstands und ihre künstlerische Arbeit in der iranischen Untergrundszene gesprochen.

Von Helena Krauser

Schweiz, 30.11.2022

14 min

Wie sind Sie zurzeit in Kontakt mit Ihren Freund:innen und Ihrer Familie im Iran, bekommen Sie Informationen?

Ich bekomme jeden Tag von ungefähr zehn Menschen aus meinem Umfeld Sprachnachrichten, in denen sie mir erzählen, wie es ihnen geht und was sie erlebt haben. 

Es gibt aber auch Tage, an denen ich keinen Kontakt zu ihnen herstellen kann, weil die Regierung im Iran das Internet ausschaltet. Wie zum Beispiel vor ein paar Tagen bei dem iranischen Angriff auf die eigene Bevölkerung in den kurdischen Provinzen Sanandaj und Kamyaran. Da wurde das Internet in Teheran abgestellt. Wahrscheinlich, damit die Menschen dort keine Nachrichten über die Angriffe erhalten können.

Mahsa* ist freischaffende Theatermacherin und Performerin und lebt in Teheran. Zurzeit verbringt sie drei Wochen in der Schweiz. Ihren Namen haben wir zu ihrem Schutz geändert. Der Name Mahsa wurde auf Wunsch unserer Interviewpartnerin gewählt. Sie sagte dazu: «Ich schlage <Mahsa> vor, da wir einen Slogan haben, der besagt: <Wir alle sind Mahsa. Ihr könnt uns nicht alle töten.>» Das Interview wurde auf Englisch geführt.

Wie fühlt es sich für Sie an, jetzt hier in der Schweiz zu sein und nicht in Teheran?

Als ich hier in der Schweiz ankam und gespürt habe, wie sicher ich mich fühlte, wurde mir erst bewusst, wie unsicher ich mich während den letzten zwei Monaten in Teheran gefühlt habe. Klar, wenn ich an die Proteste gegangen bin, war mir bewusst, dass es dort sehr gefährlich ist. Ich musste sehr mit mir kämpfen, bis ich mich getraut habe hin zu gehen, ich habe sogar Pillen genommen. Aber sonst im Alltag war mir die Gefahr nicht immer so bewusst.

Aber eigentlich möchte ich wirklich gerne dort sein, in Kontakt mit den Menschen, zu denen ich eine tiefe Verbindung habe. Alles, was ich dort zurzeit mache, hat eine grosse Bedeutung für mich und auch für andere. Im Gegensatz dazu legt sich hier über alles, was ich mache, ein Schleier der Bedeutungslosigkeit. 

Verändert sich Ihr Lebensgefühl durch die Sicherheit, die Sie hier erleben?

Am ersten Tag, als ich hier ankam, habe ich ganz plötzlich einen sehr grossen emotionalen Abstand zu meinem Ich von gestern, als ich noch in Teheran war, gespürt. Ich ging um sechs Uhr morgens hier am Fluss joggen und ich habe plötzlich gemerkt, ich renne, aber ich renne nicht vor etwas weg. Wow. Das fühlte sich erstmal sehr gut an.

Aber ich hatte auch Sorge, dass ich mich mit der Zeit an diese Sicherheit gewöhne, denn diese Sicherheit ist für mich nicht wirklich die Realität. Ich fühle sie, aber ich traue ihr nicht. Ich bin drei Wochen hier, in dieser Zeit erlebe ich hier ganz viel Unterstützung. Aber sobald die drei Wochen vorbei sind, wäre ich illegal hier und würde bestraft, wenn ich nicht gehen würde. Für mich ist das hier nicht das wirkliche Leben. 

Wenn das Gefühl von Sicherheit und Freiheit nicht für alle gilt, dann ist das keine Sicherheit oder Freiheit. Dann ist es Heuchelei. 

Das Visum zu bekommen ist auch sehr schwierig. Die europäischen Regierungen schauen sich jeweils jeden Aspekt meines Lebens an, um ganz sicher zu gehen, dass ich an dem Tag, an dem ich meine Arbeit abgeschlossen habe, ganz sicher wieder schnell verschwinde von hier und in mein Land zurückgehe. 

Welche Bedeutung hat es für Sie, dass in den letzten zwei Monaten so viele Frauen ihre Kopftücher abgenommen haben?

Ich selbst trage schon seit zwei Jahren kein Kopftuch mehr. Seit die iranische Regierung das ukrainische Flugzeug abgeschossen hat. Damals dachte ich, fuck off, und habe es ausgezogen. Viele meiner Freundinnen haben innerhalb der letzten zwei Jahre den gleichen Entschluss gefasst. Das ist gesellschaftlich aber ein langer Prozess und nicht etwas, das sich von einem auf den anderen Tag geändert hat. 

Es war immer wie ein Spiel. Ich wusste, wo die Autos der Sittenpolizei stehen und bin dort extra nicht langgegangen. 

Seit dem Tod von Mahsa Amini und dem Beginn der Proteste habe ich nie mehr ein Kopftuch getragen. 

Die Unterstützung in der Bevölkerung ist enorm gross. Wenn ich auf dem Weg zum Protest bin, zeigen mir so viele Menschen, dass sie gut finden, was wir tun. Ein Obdachloser hat mir beispielsweise gesagt, dass er für mich betet und ein Taxifahrer hat mich kostenlos gefahren. Auch Frauen, die sich stark verhüllen, zeigen ihre Unterstützung mit der Bewegung.

Eine Frau mit Hijab kam auf mich zu, hat mich umarmt und sich bei mir dafür bedankt, dass wir für die Freiheit kämpfen. 

Gibt es im Iran derzeit so etwas wie Kunstfreiheit? 

Freiheit in der Kunst ist keine von anderen Aspekten der Freiheit getrennte Angelegenheit, und genau wie an so vielen anderen Orten in der Welt gibt es auch bei uns Ungleichheit in Bezug auf die Freiheit. Für Frauen gilt sie weniger als für Männer, für alternative Künstler:innen weniger als für Mainstream-Künstler:innen, für Migrant:innen weniger als für Einheimische, für die LGBTQ-Gemeinschaft weniger als für andere und so weiter. 

Alles was wir Künstler:innen zeigen möchten, müssen wir zuerst einem Komitee vorlegen. Die entscheiden dann, was davon erlaubt ist und was nicht. Wenn alle Regeln eingehalten werden, erhält man eine Erlaubnis und darf seine Kunst zeigen. 

Ich persönlich habe aber noch nie eine Erlaubnis bekommen, habe mich aber auch nicht darum bemüht. Dieses Konzept, dass ich eine Bewilligung für meine Kunst brauche, macht für mich überhaupt keinen Sinn. Ich arbeite in der Kulturszene, die im Untergrund stattfindet. Das ist eine wahnsinnig grosse Szene. 

Das Problem ist allerdings das Geld. In der Szene ausserhalb der Mainstream-Kunst lässt sich kaum Geld verdienen. Ich habe Glück, ich habe die Unterstützung meiner Eltern und kann immer wieder für Residenzen nach Europa kommen.

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Inwiefern prägt dieses Arbeiten im Untergrund die alternative iranische Kulturszene? 

Es gab Zeiten, da hatte ich den Eindruck, ich bin als Künstlerin in meiner Szene viel freier als meine europäischen Kolleg:innen. Weil hier sind auch alle mit der Problematik der Sichtbarkeit konfrontiert. Es gibt zwar keine offensichtliche Zensur, aber wenn die Entscheidungsträger nicht mögen, was du machst, bekommst du einfach keine Aufführungsmöglichkeiten. Mit einer solchen Art von Zensur umzugehen, ist sehr komplex. 

Werden Sie als weibliche Künstlerin mit mehr Hürden konfrontiert, als Ihre männlichen Kollegen?

Ja. Das patriarchale System ist in den Ländern des Nahen Ostens in allen Aspekten des Lebens sehr prägend. Aber ich denke, das ist in vielen Teilen dieser Welt so. Das System ist so gefestigt, dass es sehr schwierig ist, ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Ich merke das auch an mir, es ist eine grosse Herausforderung, neue Wege ausserhalb dieses patriarchalen Systems zu gehen. 

Ich habe zum Beispiel sehr viele unbezahlte Jobs gemacht, Jobs im Bereich von Performing Arts, wo ich Expertin bin. Währenddessen habe ich mich gut gefühlt. Ich hatte das Gefühl, moralisch richtig zu handeln, wenn ich sage, Geld ist mir nicht so wichtig. Aber irgendwann habe ich festgestellt, dass kein Mann in meinem Umfeld das jemals tun würde.

Ich habe das nur gemacht, weil ich es gewohnt bin, dass Frauen unbezahlte Arbeit machen.

Wir müssen gegen das Patriarchat arbeiten, wo immer wir sind, nicht nur im Nahen Osten. Das ist ein langer Weg, den wir alle gemeinsam gehen müssen. Natürlich ist der Kampf hier anders gelagert, weil die historischen und kulturellen Kräfte sehr stark und gefestigter sind. Aber ich glaube auch nicht, dass die westliche Gesellschaft diesen Prozess schon vollständig überstanden hat.

Was denken Sie über die Künstler:innen, die innerhalb des Systems, also mit der Bewilligung der Regierung arbeiten?

Es ist schwierig für mich zu verstehen, wieso sie tun, was sie tun, und wie sie über Kunst denken. Aber auch in der Mainstream-Kunst sagen zurzeit viele Künstler:innen, fuck it, widersetzten sich und gehen dann direkt ins Gefängnis. Für sie ist das Risiko, bestraft zu werden, wenn sie sich widersetzen, viel grösser, weil sie viel mehr in der Öffentlichkeit stehen.

Ausserdem ist es viel komplizierter, aus dem System herauszukommen, wenn man Teil davon ist und es mit aufgebaut hat, als wenn man, wie ich, nie mitgemacht hat. 

Haben viele Künstler:innen in Ihrem Umfeld den Wunsch, den Iran zu verlassen, um im Ausland zu arbeiten?

Ich kenne viele iranische Künstler:innen, die das Land verlassen mussten. Manche aus persönlichen, andere aus politischen Gründen. Aber alle sind mit Tränen in den Augen gegangen.

Wir lieben unser Land und unsere Gesellschaft und wir möchten lieber in unserem Land zuhause sein, als Fremde in einem anderen Land zu sein. 

Ausserdem: Arbeiten mit Kultur ist arbeiten mit Sprache. Wenn du in einem anderen Land bist, mit anderen kulturellen Wurzeln und einer anderen Sprache, verlierst du dein Material. Es ist sehr schwierig, als Künstler:in in einem anderen Land zu arbeiten. Für mich ist es zu hart. 

Ich denke auch, ein:e Künstler:in ist nicht nur ein Individuum, sondern ein Teil des Umfeldes und der Szene. Ich sehe mich selbst nicht als individuelle Künstlerin, ich bestehe aus all den Menschen, die mich umgeben.

In der Residenz, hier in der Schweiz, sind Sie ja jetzt aber isoliert von den Menschen, die Sie sonst umgeben. 

Ja, aber ich habe einen grossen Teil meiner Arbeit zuhause gemacht. Jetzt arbeite ich hier drei Wochen, dann kommt die Aufführung, und dann gehe ich wieder zurück. Die Tatsache, dass ich wieder zurück gehe, macht einen enormen Unterschied.

Haben Sie Sorgen, wenn Sie an Ihre Rückreise denken?

Da ist sicherlich auch Angst, weil es zurzeit nunmal ein grosses Risiko ist, im Iran zu sein. Aber ich bin trotzdem sehr glücklich, zurück zu gehen. Ich kann es eigentlich gar nicht erwarten. Es war sehr schwierig für mich, mein Land zu verlassen, aber ich hatte diese berufliche Abmachung. 

Die Situation im Iran ist derzeit gesellschaftlich sehr intensiv, und ich bin froh, nach all den Jahren endlich etwas tun zu können. Ich fühle mich jetzt aktiv und gesehen. 

Endlich können wir als Gesellschaft aus dem Schatten treten und sichtbar werden. 

Als wir alle auf die Strasse kamen und keine Kopftücher mehr trugen, hat es sich angefühlt, als hätten wir uns endlich alle gefunden. Wir haben realisiert, dass wir nicht alleine sind. Natürlich war uns das schon irgendwie bewusst, die Revolution kam ja nicht über Nacht, aber der Moment, in dem man plötzlich all diese Körper sieht und die Verbundenheit spürt und merkt, wie viele von uns ein Leben im Schatten geführt haben, das war für mich, und ich denke für uns alle, wie eine Therapie.  

Weil der permanente Angstzustand, in einem Land zu leben, in dem die Regierung wahllos auf Menschen schiesst, auf Kinder, die in die Schule gehen, auf alte Menschen, die ihren Abfall auf die Strasse stellen – dieser Zustand hinterlässt ein gesellschaftliches Trauma. Ich brauchte dieses Erlebnis, so sehr, um zu merken, dass wir so viele sind und so stark und auch, dass wir all die Jahre Recht hatten. 

Neben all dem Kummer, der Angst, dem Risiko gibt es auch die Schönheit des gemeinsamen Kampfes.

Viele haben ihre Arbeit niedergelegt und kommen in ein neues Level des Lebens. Ich treffe jeden Tag so viele Leute. Wir sitzen bis mitten in der Nacht zusammen, machen Pläne und gehen dann am nächsten Tag wieder zusammen auf die Strasse. Diese Verbindung, diese Gemeinschaft hat eine grosse Kraft. 

Welche öffentliche und politische Unterstützung wünschen Sie sich vom Westen? 

Ich und alle Menschen, die ich kenne, bitten westliche Politiker:innen nicht um Hilfe. Weil immer wenn dieses Thema aufkommt, denke ich an das Bild von den Menschen in Afghanistan, die sich am Fahrwerk eines amerikanischen Flugzeugs festhielten, nachdem Kabul von den Taliban eingenommen wurde. Kurz nach dem Start stürzten sie in die Tiefe. 

Für mich zeigt das, wie westliche Intervention funktioniert, und deshalb habe ich keine Hoffnung in die Hilfe von westlichen Politiker:innen. 

Die öffentliche gesellschaftliche Unterstützung, dass wir auch im Westen gesehen werden, empfinde ich aber als sehr ermutigend. 

Welche Hoffnung setzten Sie in die Revolution?

Die Revolution ist eine alltägliche Auseinandersetzung mit unseren Gewohnheiten. Jeden Tag überdenken wir, wie wir fühlen und handeln. So lernen wir, die Qualität des Lebens wertzuschätzen. Der Slogan der Revolution ist «Frauen Leben Freiheit». Das Wort «Leben» ist dabei auch sehr wichtig. Zu leben, ist auch unser Weg zu kämpfen.

Bei den Protesten auf der Strasse, geht es nicht immer nur darum, wütend zu kämpfen. Wir singen und tanzen auch, wir sind glücklich und zelebrieren das Leben. Auch das ist ein Aspekt des Widerstands. Wir versuchen, nicht mit den gleichen Waffen zu kämpfen wie unsere Feinde.  Wir sagen:

Wenn du tötest, lobe ich mein Leben. Ich zeige, dass ich lebe und versuche, die Intensität meiner Lebendigkeit zu steigern. 

Die Kraft dieser Bewegung liegt auch in ihren vielen Facetten. Es gibt nicht nur die Möglichkeit, auf die Strasse zu gehen und laut zu rufen. Manche Frauen schreiben kleine Zettel, die sie auf der Strasse verteilen. Ich habe so viele davon. Auf einem steht: «Deine Haare sind wunderschön, aber ich wertschätze deinen Mut». 

Glauben Sie daran, dass Ihr Heimatland in ein paar Monaten oder Jahren ein freieres Land sein wird?

Auch wenn politisch erstmal nicht viel passiert, die gesellschaftlichen Veränderungen sind sehr entscheidend.

Ich hoffe, dass unsere Revolution im Iran nur der Anfang einer grösseren Bewegung ist. Wir wissen von so vielen afghanischen, arabischen und kurdischen Schwestern, die zurzeit noch nicht die Chancen haben, die wir aktuell nutzen können. Der Frieden, den wir erreichen wollen, ist nicht nur für uns im Iran, sondern auch für unsere Nachbarinnen, die teilweise die gleiche Sprache sprechen wie wir, die gleichen kulturellen Wurzeln haben. Ich kann nicht sagen, ich bin frei, wenn sie nicht frei sind.

Wir iranischen Frauen haben diese Bewegung nicht erfunden, wir haben sie über Jahre aufgebaut, indem wir gemeinsam mit unseren Schwestern aus der Region in den Widerstand gegangen sind und von ihnen gelernt haben. Diese Bewegung ist der Anfang einer grösseren Bewegung für alle Frauen im Nahen Osten.