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«Judith mit dem Haupt des Holofernes», von Anna Barbara Abesch, 1744, Sammlung Kunstmuseum Basel.

zvg Kunstmuseum Basel

Kunst-Kolumne

Friede, Freude, mordende Judith

«Staub und Häppchen» ist unsere frisch kreierte Kolumne über alte Meister und neue Fragen. Jeden Monat holt Naomi Gregoris ein Kunstwerk aus dem Archiv eines Schweizer Museums und verhandelt an ihm aktuelle Gesellschaftsthemen. Die erste Ausgabe erscheint nicht zufällig zum Frauentag, denn die Autorin knüpft sich das Bild einer Mann mordenden Frau vor und stellt die Frage: Ist der Frauentag immer noch Kampftag? Sollen wir das Schwert zücken oder uns einfach gelassen die Haare richten?

Von Naomi Gregoris

Basel, 07.03.2023

4 min

Heute ist feministischer Kampftag und das Wort bereitet mir Kopfschmerzen, weil ich weiss, dass diese Bezeichnung des Frauentags viele Menschen nervt, manche sogar sehr wütend macht. Ich bleibe trotzdem dabei, denn genau darum geht es in dieser ersten Kolumne: Den Kampf einer Frau und wieso es angebracht ist, ihn so zu nennen.

Auftritt gottesfürchtige, verzweifelte Witwe. Ein mächtiger Feldherr ist kurz davor, ihr Zuhause zu zerstören. Sie fasst einen Plan, packt eine Ladung Weinkrüge ein und besucht den Mann zusammen mit ihrer Zofe in seinem Zelt. Als er betrunken genug ist, schneidet sie ihm mit einem Schwert den Kopf ab und rettet so sich und ihre Stadt vor seiner Invasion. So weit die Kurzfassung von Judith und Holofernes, aus dem Buch Judith im Alten Testament.

Oft fantasielose Projektion

Bevor wir zum Bild kommen, eine kurze kunsthistorische Einordnung. Wie jede prominente Frauenfigur wird auch Judith über die Jahre von Künstlern mit fantasielosen Projektionen beladen: Femme Fatale, Femme Heroique, Femme Sauvage. Die Liste dieser male gazes ist lang und illuster: Veronese malt sie hemdsärmlig mit abwesendem Blick, Botticelli schmal und ungerührt, Klimt als hochmütige Grande-Dame, die das ganze Bild einnimmt, bei Goya ist sie eine teigige Mutterfigur, bei Caravaggio jung und angeekelt.

Die Basler Judith, um die es heute geht, ist eine der wenigen, die von einer Frau gemalt wurden. Einer Glasmalerin aus Sursee namens Barbara Abesch, über die man nicht viel weiss, ausser dass sie wohlhabend und sehr einflussreich gewesen sein muss. Das Bild ist von 1744, klein, nur knapp 30 auf 40 cm, und befindet sich in der Sammlung des Basler Kunstmuseums.

Das erste, was auffällt, ist Judiths irre Blässe. Wie eine strahlende Gallionsfigur steht ihr Körper im Bild, weiss, aufrecht, selbstbewusst. Sie schaut uns direkt an, die Augen wach, der Blick entspannt. In der rechten Hand hält sie das Haupt des toten Holofernes, sein Haarschopf schlapp wie ein Büschel Unkraut zwischen ihren schmalen Fingern. Judith stellt sein totes Antlitz zur Schau, wie eine Gärtnerin, die eine besonders dicke Rübe in die Kamera hält.

Links im Bild ist die Zofe, weniger weiss, aber auch super drauf. Lächelnd hält sie Judith einen weissen Beutel hin, hinter dem der goldene Griff des Schwertes blitzt. Die Klinge sucht man vergebens, wie auch jene dramatische Zerrissenheit, von der in der Bibel die Rede ist. Seltsam bekömmlich haben es sich diese beiden Frauen im Bild bequem gemacht – und seltsam ungerührt präsentieren sie ihre Tat.

Seht her, scheint Judith zu sagen, wie mühelos ich diesen Mann gebodigt hab’ und wie mühelos ich ihn gleich entsorge. Und wie gut ich dabei aussehe! Das tut sie wahrhaftig: Kein Spritzer Blut ist auf ihrem Kleid, nicht eine Falte zeugt vom Mordsakt, den sie hinter sich hat. Peanuts, scheint Judith zu sagen, und wir nicken anerkennend: Was für eine Frau!

Es geht um Veränderung, nicht um Macht

Auf den ersten Blick ist das toll: Eine starke Frau, gemalt von einer starken Frau. Girlboss for Girlboss. Doch diese Judith als Sinnbild für entkrampfte Frauenpower auszurufen (was sich sicher nicht wenige Menschen wünschen: Feminismus, aber entspannt), greift zu wenig weit.

Wie wäre es denn, wenn wir Judith ein paar unbequeme Fragen stellen: War das jetzt nicht sauanstrengend für dich? Hattest du keine Angst, bist du nicht komplett durchgedreht? Wieso stehst du hier wie ein Jagdtourist und posierst mit deiner Beute, als hättest du nicht gerade die Tat deines Lebens hinter dir? Zeig der Welt doch die Spuren deines Kampfes, statt hübsch zurechtgemacht so zu tun, als wäre sie auf deiner Seite und du endlich stark genug, dich in ihr zu behaupten.

Für mich ist dieser 8. März der Tag einer Judith, die es nicht als lächelnde Powerwoman mit den Waffen der Männer bis nach oben schaffen will.

Die weiss, dass es nicht um Macht, sondern um Veränderung geht. Dass nicht der Mann das Problem ist, sondern ein von Männern gebautes System. Die sich traut, wütend, traurig und hässlich zu sein. Denn die Welt ist nicht auf ihrer Seite und wird es auch nie ganz sein, wenn die Körper weiss, die Kleidung unversehrt, die Gesichter entspannt bleiben.

Vielleicht kann uns Abeschs Judith Optionen liefern auf die Frage, wie wir diesen Tag begehen wollen. Suchen wir nach unserer Wut unter dem dicken Fell, der hellen Schminke? Verstecken wir das Schwert und richten uns die Haare? Lassen wir alles raus und reissen an Häuptern, wo wir nur können? Oder fragen wir uns, was der ganze Lärm soll und lassen gutgelaunt die hässliche Rübe in den Beutel plumpsen: Plopp, Sache erledigt.