Das Bild «Winterwlad» des Berner Malers Paul Ascan Demme, gemalt 1897, aus der Sammlung des Kunstmuseums Solothurn.

Das Bild «Winterwlad» des Berner Malers Paul Ascan Demme, gemalt 1897, aus der Sammlung des Kunstmuseums Solothurn.

Bild: zvg Kunstmuseum Solothurn

Kunst-Kolumne

Ein Winterwald, der keiner ist

In der Kolumne «Staub und Häppchen» schreibt Naomi Gregoris jeden Monat über ein Kunstwerk aus dem Archiv eines Schweizer Museums – und stellt es in Bezug zur Gegenwart. In der letzten Folge geht es um Kunst und Natur.

Von Naomi Gregoris

Basel, 12.12.2023

4 min

Für diese letzte Kolumne von Staub und Häppchen widme ich mich einem Thema, das in der zeitgenössischen Kunst endlich Einzug gefunden hat, aber auch bei Werken des 19.Jahrhunderts als eine Lesart dienen kann: Die Klimakrise. (Verfolgen Sie dazu unbedingt den Westschweizer Künstler Julian Charrière).

Als es vergangene Woche bei uns geschneit hat, zog statt der heimeligen Grundstimmung der Schmerz bei mir ein. Seit ich weiss, was an unumkehrbarem Wandel in den nächsten Jahren bevorsteht, kommt er öfters vor, dieser Schmerz. Dass er aber selbst vor so einem banalen Gefühl wie Freude über Schnee nicht Halt macht, stimmt mich umso trauriger.

Als ich Trost in den Winterbildern der Sammlung des Kunstmuseums Solothurn suche, stosse ich auf ein Bild, das mich überrascht. Inmitten andächtiger Schneelandschaften prangt ein Gemälde in den schönsten Grün- und Brauntönen.

Darauf zu sehen ist ein mit altem Laub bedeckter Weg, der an kargen Bäumen vorbei in einen Wald führt. Auf dem Weg steht eine Figur ganz in Schwarz, vermutlich eine Frau, die ein dunkles Kopftuch trägt. Nur die Augen- und Nasenpartie ist zu sehen, die Frau schaut nach links in den Wald hinein und scheint in Gedanken versunken.

Traumwelt oder Realität?

«Winterwald» lautet der trügerische Titel des Bildes, und ich frage mich, wie der Künstler, ein Berner namens Paul Ascan Demme, auf diese selbstbewusste Bezeichnung kommt. Ist der Inbegriff eines Winterwaldes nicht schneeschwere Äste vor einer trüben Wintersonne? Fröhlich rodelnde Brueghel-Kids, ein verlorener Schellenursli im Schneesturm?

Mit viel gutem Willen sind auf diesem Bild ein paar wenige Schneeflocken zu sehen, scheinbar willkürlich platzierte Farbspritzer, als hätte der Künstler im letzten Moment noch seinem Titel gerecht werden wollen. Ich will nicht lügen: Beim zweiten Blick hat’s auch was von Schimmel.

Ich reime mir etwas zusammen, indem ich mir das Entstehungsjahr anschaue. 1897. Symbolismus vielleicht, die Kunst der Traumwelten, meistens auf der eher dramatischen Seite, aber nicht immer. Ein weiteres Winterbild schiesst mir in den Kopf, ein ganz wunderbares, schauen Sie’s sich an, auch wenns nur auf Wikipedia ist: «Gestade der Vergessenheit» von Eugen Bracht.

Ist es das, was Paul Demme uns zeigen will, eine innere Welt, ein Wunsch, ein Traum? Meine Angst?

Ich bleibe an der Figur hängen, die Frau mit selbstbewusster Postur, ruhend, kontemplierend. Sie weiss, bilde ich mir ein, dass die Natur über Kräfte verfügt, die sie nicht versteht, die wir heute noch nicht verstehen, auch wenn unsere Strategien der Ausbeutung das Gegenteil behaupten.

Auch hier empfehle ich ein Kunstwerk, das ist die letzte Kolumne, da kann ich mit Tipps aus den Vollen schöpfen: «Die Wurzeln des Lebens» («The Overstory») von Richard Powers.

Es ist ein Kunstwerk, aber ein literarisches, und lassen Sie sich nicht vom Titel abschrecken, er ist mindestens so grauenhaft wie das Buch gut ist. Es geht darin um Verbindung und um Bäume und um die Klimakrise und es ist das perfekte Buch zu diesem Bild.

In einer Stelle heisst es da:

«Menschen haben keine Ahnung, was Zeit ist.

Sie denken, es sei eine Linie, die sich aus den drei Sekunden hinter ihnen erstreckt und in den drei Sekunden Nebel vor ihnen verliert. Sie sehen nicht, dass Zeit eine Ausbreitung ist. Eine Ausbreitung sich umwickelnder Ringe, immer weiter nach aussen, bis zur feinsten Haut des Jetzt, das nur dank all jenem existiert, was vor ihm gestorben ist.»

Mit diesen Worten lasse ich Sie, diese Kolumne und Paul Demmes Winterwald. Dessen Geheimnis nicht der fehlende Schnee ist, sondern was Tieferliegendes und Versöhnliches, ein Zeichen dafür vielleicht, dass nicht relevant ist, was damals war und heute ist. Sondern wie wir heute mit dem zusammenhängen, was vor uns geschah.

Kunst ist ein Portal, sagte ein weiser Mensch einmal zu mir, und ich würde zum Ende dieser Kolumne, die immer das Heute im Damals gesucht hat, noch einen Schritt weitergehen:

Kunst ist nicht nur ein Tor, sie ist eine Verbindung.

Und deshalb mein allerletzter Tipp an dieser Stelle: Setzen Sie sich ihr immer wieder aus, auch wenn sie in Archiven oder unbesuchten Sälen vor sich hin darbt. Es wird Sie prägen. Und die Zukunft hoffentlich auch.