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Unterwegs in Graubünden

Val Tasna (Schweiz) Alp Valmala

Im Mai 2022 findet der Journalist Samuel Herzog 16 Postkarten aus dem Jahr 1966, geschrieben von einer Osamine, adressiert an Schaki Bùfftù, wohnhaft in Port-Louis, der Hauptstadt der fiktiven Insel Lemusa. Im Sommer 2022 unternimmt er eine Reihe von Ausflügen in die Gegenden, die auf den Postkarten von Osamine abgebildet sind. Er fotografiert und schreibt jeweils einen kurzen Text über das, was er selbst vor Ort erlebt.

Von Samuel Herzog

Saas, 14.09.2022

8 min

Ich glaube, er hält mich für ein entlaufenes Schaf. Misstrauisch schaut mich der Border Collie an, duckt sich leicht, bekommt etwas Eisernes in seinem Blick. Er starrt mir direkt in die Augen. Ich schaue weg, denn ich will ihn nicht provozieren. Ein paar Sekunden später wende ich mich vorsichtig wieder in seine Richtung. Nun fixiert er meine Knie, die sofort zu zittern beginnen. Ich merke, wie sich mein ganzer Körper versteift und weiss nicht recht, was ich jetzt tun soll. Am liebsten würde ich unsichtbar werden, unriechbar, unhörbar, unbeissbar.

Dann gebe ich mir einen Ruck und rufe dem Tier ein freundliches «Hallo» zu, «Hallo, kleiner Hund, du liegst falsch, ich bin kein Schäflein!» Mein heiseres «Hallo» klingt wie ein Blöken und ich komme mir etwas blöd vor. Aber die Worte wirken Wunder. Der Border Collie entspannt sich, richtet sich auf, wendet sich ab und trippelt davon in Richtung Alp Valmala.

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Rückseite der Postkarte, die Osamine aus dem Val Tasnan geschrieben hat.

Ich stehe am Westufer des Tasnan, dessen graukalte Bergwasser sich mit Wucht in Richtung Inntal gurgeln. Seit Ardez begleiten mich Regenwolken, ab und zu reissen sie auf und die Sonne bricht kurz durch, dann wiederum lassen sie einen feinen Wasserschleier zu Boden schweben, der die Haut benetzt und die Kleider klebrig werden lässt. Auf der gegenüberliegenden Talseite sind jetzt gerade ein paar milchige Lichtstrahlen unterwegs, heben da ein Stück Weide und etwas niedriges Buschwerk aus dem Schatten, lassen dort ein paar Lärchen, Arven und Kiefern leuchten.

Dazwischen weiden Hunderte von Schafen. Aus dieser Distanz sehen sie aus wie cremefarbene Ameisen, die sich auf zahllosen Pfaden durch einen gleissend grünen Bau bewegen. Es geht schon auf den Abend zu und einige der Tiere traben bereits in Gruppen Richtung Tal, wo sie wohl gemolken werden und die Nacht verbringen. Das Bimmeln der kleinen Glocken an ihrem Hals mischt sich mit dem dumpfen Brausen des Flusses, den Pfiffen von Murmeltieren in meinem Rücken und dem gelegentlichen Gebell der Hunde. Die Schafe sind so zahlreich, dass ihr Duft das ganze Tal erfüllt, eine Mischung aus getrocknetem Gras, feuchter Wolle und Stall.

Die Legende eines Hirten fällt mir ein, der einen besonders aromatischen Käse produzierte, indem er die Euter und Zitzen seiner Tiere vor dem Melken mit einer Kräuteressenz einrieb und mit einem magischen Lied besang. Ich habe die Geschichte auf dem himmelblauen Verpackungspapier eines ziemlich nichtssagenden Aufstrichs aus dem Val Leumasnun gelesen. Sie begann mit den Worten «Vor Zeiten lebte in unserem Tal ein alter Mann, der nur drei Schafe besass, aber die Hände eines Zauberers». An weitere Details erinnere ich mich nicht.

Wollte man auch den Schafen der Alp Valmala eine solche Behandlung zukommen lassen, bräuchte es wohl wenigstens hundert Hirten. Ich stelle mir vor, wie sie im dämmrigen Licht eines Sommerabends alle gleichzeitig die Zitzen ihrer Tiere beschwören, ein gewaltiges Murmeln aus hundert Hälsen, das in ein melodiöses Röcheln übergeht, anschwillt, zu einem kehligen Chorgesang zusammenfindet, wieder auseinanderbricht und allmählich verebbt.

Wahrscheinlich wäre der Chant da Val Tasna weit über die Grenzen des Unterengadins hinaus berühmt, ein mystisches Alpenerlebnis, das sich kein Besucher der Gegend entgehen lassen dürfte. Ich stünde hier mit Touristen aus aller Welt auf einer hölzernen Plattform, umschwirrt von begeisterten Ausrufen in Arabisch, Chinesisch, Hindi und Russisch, umglitzert von den Bildschirmen zahlloser Smartphones, auf denen die Hirten und ihre Schafe tatsächlich die Grösse von Ameisen hätten. Auch der Käse aus dem Tal wäre berühmt, er hiesse Il Bun da Valmala und man könnte ihn in einem kleinen Holzhäuschen neben dem Busparkplatz kaufen.

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Vorderseite der Postkarte, die Osamine aus dem Val Tasnan geschrieben hat.

Als Osamine 1966 durch das Val Tasnan wanderte, gab es hier ebenfalls Schafe. Leider schweigt sie sich über deren Anzahl aus. Sie erzählt nur, dass sie eine Weile hinter einer Gruppe von Böcken herging und beschreibt, dass deren Hoden im Engadin in viel Butter gebraten werden. Eine kulinarische Tradition, die sich offenbar verloren hat.

Erst jetzt fällt mir auf, dass sich zwischen den hellen Schafen auch ein paar dunkelbraune und sogar schwarze Tiere tummeln. Die Hunde erkennt man daran, dass sie sich viel schneller bewegen, den Berg hinauf und hinunter rasen. Oder sind das junge Schafe auf der Suche nach ihren Müttern? Auch der Border Collie, der mir vorher kurz Angst gemacht hat, wird da irgendwo seiner Arbeit nachgehen, mit reinem Gebiss und bestem Gewissen.

Was wäre wohl passiert, wenn ich ihn nicht angesprochen hätte? Vielleicht stünden wir immer noch wie eingefroren da. Oder er hätte mich zu der Herde getrieben und ich würde nun versuchen, mich wie ein Schaf zu benehmen. In dem Moment fällt mir ein, dass ich gar nicht weiss, ob das Milchschafe sind, die da vor mir über die Abhänge ziehen. Vielleicht wird hier gar keine Käse produziert, sondern Fleisch – und weiter unten im Tal wetzt schon ein Metzger seine Messer.

 

Hoden vom Schaf

Auch heute weiden Schafe im Val Tasna. In den riesigen Herden wandern auch einige Böcke umher. Was mit ihren Hoden geschieht, wenn sie geschlachtet werden, ist unbekannt. In Butter gesottene Hoden zählen heute leider nicht mehr zu den Spezialitäten des Unterengadins.

 

 

Alpenaustern schlürft man nicht

Im Mai 2022 findet Samuel Herzog, Künstler und Journalist aus Zürich, bei einem Pariser Brocanteur einen Stapel von 16 Postkarten, geschrieben von einer Osamine, adressiert an Schaki Bùfftù, wohnhaft Rue de Bendalis 7 in Port-Louis, der Hauptstadt der fiktiven Insel Lemusa.

Die Vorderseiten der Postkarten sind mit unbeholfenen Aquarellen versehen, die verschiedene Gegenden im Graubünden zeigen. Auf den Rückseiten schildert Osamine ihre Abenteuer en route und oft auch ihre kulinarischen Erfahrungen. Über die Verfasserin ist so wenig bekannt wie über den Adressaten. Aufgegeben wurden die Karten allesamt am 27. Juni 1966 auf dem Postamt der Gemeinde Leumasnun. 

Im Sommer 2022 unternimmt Samuel Herzog eine Reihe von Ausflügen in die Gegenden, die auf den Postkarten von Osamine abgebildet sind. Er fotografiert und schreibt jeweils einen kurzen Text über das, was er selbst vor Ort erlebt.

Für das Kunsthausfest im Bündner Kunstmuseum am 26. November 2022 (mehr Informationen) entwickelt Herzog aus den kulinarischen Spezialitäten, die Osamine auf ihren Karten anspricht, eine Reihe von 16 verschiedenen Tischbildern. Tischbilder sind ornamentale oder narrative Arrangements aus verschiedenen Nahrungsmitteln, inszeniert auf schwarzen Unterlagen. Diese Bilder werden im Anschluss an ihre Erschaffung sofort verzehrt.

Die Postkarten von Osamine, die Texte und Bilder von Herzog und Fotografien der Tischbilder werden im Dezember 2022 zu einem Buch zusammengeführt, das kurz vor Weihnachten in der Edition Frida erscheint.