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Porträt

«Im Moment zu sein, ist ein sehr glücklicher Moment»

Gisela Hochuli ist der vierte Gast in unserer Reihe «Mach’s». Die renommierte Schweizer Performerin hat uns beim Mittagessen über den Dächern von Bern erklärt, was das genau ist: ihre Kunst der (einfachen) Handlung. Und sie schenkt unseren Leser:innen eine witzige Performance, für die es allerdings ein Auto braucht.

Von Mathias Balzer

Basel, 04.08.2022

11 min

Die Künstler:innen, die Kurator Chris Hunter einlädt, in diesem Magazin eine Performance-Anleitung zu veröffentlichen, treffen wir jeweils zum Essen. Die Gäste dürfen wählen: Gourmettempel, Lieblingsbeiz, Kebab-Stand, Picknick oder selber kochen: Alles ist möglich.

Gisela Hochuli schlägt ein Mittagessen im Rosengarten in Bern vor, ein lauschiger Park mit Aussicht über die Altstadt und die tiefblau schimmernde Aare. Die Künstlerin kommt gerade aus ihrem Büro beim Bundesamt für Sozialversicherungen. Sie betreut dort Forschungsprojekte in den Bereichen Familien-, Generationen- und Gesellschaftsfragen.

Der Büro-Job ist ihr Brot-Job, den sie einem Studium in Volkswirtschaft und Soziologie in Bern verdankt. «Schon im Gymnasium war ich gut in wissenschaftlichen Fächern, Mathe, Chemie oder Biologie.» Forschungsarbeit betreibt die 53-Jährige auch in ihrem eigentlichen Beruf, der Performance-Kunst. 

Performances zum Selbermachen

FRIDA schenkt ihren Leser:innen zwölf Performances zum Selbermachen. In unserer vom Künstler Chris Hunter kuratierten Serie «Machs» stellen wir zwölf Performance-Künstler:innen aus der Schweiz vor. Wir laden sie dafür zum Essen ein. Im Gegenzug präsentieren die Künstler:innen jeweils eine Performance-AnleitungDiejenige von Ernestyna Orlowska findest Du am Ende dieses Artikels.
Solltest Du der Aufforderung folgen, und die Performance im privaten Kreis nachstellen, bitte lass es uns wissen. Foto, Video, Erlebnisberichte – alles ist erlaubt.
Nach einem Jahr werden die zwölf Performances samt Euren Erlebnissen in einer Publikation dokumentiert.
Es ist ganz einfach: «Mach’s!»

Das geht beispielsweise so: Die Künstlerin betritt die Galleria Augusta auf der Insel Suomenlinna, vierzig Minuten Fährenfahrt von Helsinki entfernt. Am Boden liegt ein Klumpen Schnee, den sie von draussen in die Galerie gebracht hat. Sie schaut ihn an, kauert hin, nähert sich ihm und entspinnt dann während 26 Minuten einen Dialog. Sie «zeigt» dem Schnee die Galerie, trägt den Klumpen den Wänden, den Fenstern, den Heizkörpern nach, legt ihn auf den Kopf, setzt sich darauf, der Klumpen zerfällt, sie schlittert auf seinen Überresten herum, spielt mit diesen, bis der Schnee verschwunden ist. «Snowpiece» heisst das Stück.

Die unspektakulären Dinge des Alltags

Hochuli arbeitet ortsspezifisch. Sie ist weit gereist, und lässt sich von Orten und Räumen inspirieren. Und sie arbeitet mit Gegenständen – oder wie in diesem Fall mit Materie. «Gegenstandsuntersuchung» nennt sie das. Ein Klumpen Schnee, ihr Körper und die vage Vorgabe, dass sie, solange performt, bis der Schnee geschmolzen ist. Die Handlung selbst ist Improvisation. Es gibt kein Narrativ, keine Erzählung. Das Kunstwerk bleibt offen für die Assoziationen des Publikums. 

«Ich trete in einen Dialog mit Gegenständen und Räumen», erklärt sie während des Essen. Sie Crêpes mit Eierschwämmen, der Schreibende Siedfleischsalat. 

Die Gegenstände stammen aus ihrem Alltag, ihrer Umgebung: eine Schnur aus ihrem Bauernhaus in Ruppoldsried. Ihre Mütze, Glocken, ein rotes Tuch, Grasbüschel, ihre Kleidung, ihre Haare. Es sind Dinge des Alltags, unspektakuläre Dinge, die durch Handlung und Aufmerksamkeit zu …, ja zu was eigentlich werden? Zu Kunst, Reliquien, Requisiten? Hochuli sagt, sie könnte mit jedem Gegenstand in einen solchen Dialog treten. Zur Demonstration streicht sie mit ihren Händen über den Tisch, fasst an die Kanten, ertastet die Rückseite des Tischblattes. «Ich frag mich, was macht der Tisch mit mir» – und augenblicklich beginnt ihr Körper zu arbeiten. 

Der Körper ist Hochulis Weltwahrnehmungsorgan, was er im Grunde ja bei allen Lebewesen ist. Nur hat sie ihn trainiert, ihm andere Ebenen der Wahrnehmung beigebracht, ihn zum Forschungsinstrument gemacht. Anders als im Büro-Job, wo Forschung über den Intellekt läuft, setzt sie mit dem Körper auf reine Intuition, auf den Erinnerungsschatz des Körpers.

Kunst der Handlung

Ihre Performances gleichen ein wenig einem Tanz auf dem Hochseil, Absturzgefahr inbegriffen. Denn was macht sie, wenn die Intuition ausbleibt? «Es kann gut sein, dass da ein Moment lang nichts ist. Dann ist eben nichts. Es geht eben gerade nicht nur um tun, tun, tun, sondern ebenso sehr um Sein. Deshalb lass ich Leerstellen gerne zu.» 

«Kunst der Handlung», ist eine sprechende Bezeichnung, für das, was Hochuli macht, eine Mischung aus Flow und Denken. «Kunst des Moments» wäre auch passend, denn sie sagt: «Im Moment zu sein, ist ein sehr glücklicher Moment.» Und im Gespräch wird klar, dass dies ihre eigentliche Arbeit ist. Während andere im Atelier Malen, Darstellen oder Texte lernen, übt sie Da-Sein. Teilweise in ihrem Atelier im Progr in Bern. Aber sie performe oft auch im Wald, nur für sich. «Einfach, weil ich es so gerne tu.»

Auf ihre Auftritte bereitet sie sich mit Chi Gong und Meditation vor. «Ich versuche mich in einen Zustand zu versetzen, wo ich ganz bei mir bin, und zugleich offen für alles, was um mich herum passiert.» Aus diesem Zustand heraus, versuche sie zu agieren. Und natürlich gelingt dieses Im-Moment-Sein nicht immer gleich gut. Im schlimmsten Fall bekomme sie während der Performance das Gefühl, neben sich selbst zu stehen. Glücklicherweise passiere das selten. 

Die Schule

Kein Narrativ, keine Story, no entertainment, minimale Mittel: Hochulis Kunst entstand, im Unterschied zu neueren Spielarten der Performance, vor dem Hintergrund der Bildenden Kunst. 2001 bis 2005 hat sie diese an der ZHdK in Zürich studiert. Die Dozentin, Monica Klingler, hat sie mit der Performance in Berührung gebracht. Ruedi Schill in Luzern war ein weiterer wichtiger Lehrer. Künstler:innen wie Boris Nislony, Esther Ferrer, Eva Fuhrer oder Niki de Saint Phalle nennt sie als Inspirationsquellen. Fluxus, Happening, die klassische Performance eben.

Gisela Hochuli während ihrer Performance «Ohne Titel 1» 2017 am Festival Interakcje in Polen.

Gisela Hochuli während ihrer Performance «Ohne Titel 1» 2017 am Festival Interakcje in Polen.

Bild: Dariusz Kołek

«Ich fühle mich dieser alten Schule zugehörig», erklärt sie. «Performance», und darüber ärgert sie sich, «ist mittlerweile zum Allerweltsbegriff geworden.» Selbst Manager, Köche oder Comedians würden «performen». Hochuli plädiert für einen sorgfältigeren Umgang mit dem Begriff, und schlägt vor, im Zusammenhang mit den Spielarten, die aus den Darstellenden Künsten kommen, dem Tanz und dem Theater, nicht von Performance, sondern von Performing Arts zu sprechen. 

«Performance ist mittlerweile zum Allerweltsbegriff geworden.»

Die Allerweltsverwendung des Worts, könnte man, so zeigt unser Gespräch, auf zwei Arten lesen: Die ursprüngliche Bedeutung, die aus der Avantgarde kommt, wurde bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Oder: Die Kunst der Performance war und ist so kräftig, bedeutend und auf vielen Ebenen inspirierend, dass sie eben in sehr viele Lebensbereiche eingeflossen ist. «Life is art enough», der alte Wahlspruch der radikalen Antikunst-Avantgarde, oder Beuys’ «Jeder ist ein Künstler» ist in gewisser, vielleicht auch verdrehter Weise, Wirklichkeit geworden.

Fern dieser Abschweifung ist jedoch klar: Die Performance hat an Bedeutung gewonnen. Hochuli sagt: «Noch zu Beginn der Nullerjahre wurden Auftrittsmöglichkeiten und Festivals vor allem von den Künstler:innen selbst organisiert. Das waren spezialisierte, kleine Zirkel, ähnlich wie beim experimentellen Free-Jazz.» Das habe sich geändert. Die Institutionen brauchen Live-Events und haben ihre Türen geöffnet. Gefördert und gefordert von Verbänden wie PANCH oder Visarte gibt es mittlerweile auch eine Richtgage für eine Performance:
1200 Franken. 

«Das gilt für die Schweiz», so Hochuli. «Anderswo sieht es immer noch viel schlechter aus.» Sie selbst könnte von ihrer Kunst nicht leben, obwohl sie zu den etablierten Performer:innen gehört. Sie erhält Einladungen von Festivals, Museen oder Kunsträumen weltweit, ist in ganz Europa, China, Nord- und Südamerika aufgetreten. Ihre Projekte werden von der öffentlichen Hand wie Pro Helvetia, Stadt und Kanton Bern oder von Stiftungen regelmässig gefördert. «Als ich 2014 den Performance-Preis Schweiz 2014 erhielt, habe ich überlegt, ganz auf die Karte Kunst zu setzen. Ich hab es aber nicht gemacht.» Zum einen mache sie ihren Brot-Job gerne, zum anderen gebe er ihr auch die Freiheit, künstlerisch weiterhin keine Kompromisse machen zu müssen. Ihren Brot-Job verdankt sie jedoch einem solchen.

Erst das Brot, dann die Kunst

Die Tochter einer Hochbauzeichnerin und eines Architekten musste sich auf ihrem Weg zum Kunststudium in Zürich in Geduld üben. Im Elternhaus im aargauischen Kölliken war Kunst zwar präsent. Museums- und Atelierbesuche waren Familienprogramm. Die Mutter, ihren Beruf für die Kinder aufgebend, malte zu Hause. Trotzdem sagte der Vater zum Wunsch der Tochter, Kunst zu studieren, erstmal kategorisch «Nein». 

«Das war typisch für diese Generation. Meine Eltern stammten aus der Unterschicht, die Grossväter waren einfache Handwerker. Für die Tochter will man eben nur das vermeintlich Beste.» 

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Gisela Hochuli während ihrer Performance «In touch with M.O.», einer Hommage an Meret Oppenheim, 2014 in Genf. Bild: Eilane Rutishauser.

Bern, wo Hochuli Volkswirtschaft und Soziologie studierte, war Ende der 1980er-Jahre eine bewegte Stadt. Die Musik- und die freie Theaterszene nahmen Fahrt auf, nach dem Abbruch des Hüttendorfes Zaffaraja hatte die Jugend die Reithalle zurückerobert. Die Punk-Devise «Selbermachen!» war Programm. Norbert Klassen und Janet Haufler brachten den Geist von Fluxus an die Aare.

Die junge Studentin realisierte neben dem Studium erste Aktionen und Videos mit einer Performance-Gruppe, arbeitete später in Theaterprojekten mit Meret Matter und Isabelle Jacobi, beteiligte sich an Drag-Shows in der Reithalle. Und schliesslich machte sie doch das Kunststudium in Zürich. Die Leidenschaft hatte sich durchgesetzt. Und zwischen Brot und Kunst herrscht mittlerweile eine angenehme Balance. 

Es gibt ein Video aus der Reihe mit dem eigenartigen Namen «Food, Sex, Art», in dem Hochuli im Garten ihres Landhauses vor der Kamera kocht: Aus Restkartoffeln vom bereits abgeernteten Feld macht sie Röschti, garniert mit Apfelmus und Spiegelei. Sie halte auf dem kleinen Hof keine Tiere, aber sie züchtet Äpfel, Gemüse, Salate. Das Landleben würde sich immer noch romantisch anfühlen. Andersherum sei die Natur auch brutal, beispielsweise, wenn der Hagel ihr den ganzen Salat verwüste. Das Land scheint jedoch ein guter Ort zu sein, um sich in der «Kunst der einfachen Handlung» zu üben. Und diese dann, ab und zu, in die Zentren der Kultur zu tragen.

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Solltest Du der Aufforderung folgen, und die Performance im privaten Kreis nachstellen, bitte lass es uns wissen. Foto, Video, Erlebnisberichte – alles ist erlaubt.
Nach einem Jahr werden die zwölf Performances samt Euren Erlebnissen in einer Publikation dokumentiert. Es ist ganz einfach: «Mach’s»!