Latifa Echakhch bei der Eröffnung der Biennale Venedig am 21. April 2022 (Luigi Costantini/Keystone)

Latifa Echakhch bei der Eröffnung der Biennale Venedig am 21. April 2022

Bild: Luigi Costantini/Keystone

Porträt

«Es ist ein grosser Reichtum, überall und nirgends zu sein.»

Latifa Echakhch ist als Kind mit ihren Eltern von Marokko nach Frankreich ausgewandert. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihren eigenen Kindern in Vevey und in Martigny. Nun begeistert sie die Besucher:innen der Biennale Venedig mit ihrer Installation im Schweizer Pavillon. Ihr ist bewusst, dass ihr Auftritt als «Repräsentantin der Schweiz» eine politische Bedeutung hat

Von Meret Arnold

Venedig, 05.05.2022

8 min

Die Geschichte beginnt mit einem Klavier. «Ich wollte lernen, es zu spielen» sagt Latifa Echakhch. «Dazu brauchst du ein Klavier», antwortete ihr ein befreundeter Künstler, «und für das Klavier eine Wohnung und für die Wohnung ein Land.» Sie entschied sich für die Schweiz. 

Seit zehn Jahren lebt die in Marokko geborene französische Künstlerin mit ihren Kindern in Vevey und in Martigny. Egal, ob auch die Liebe oder andere Gründe sie in die Schweiz gebracht haben – es ist eine schöne Anekdote. Und sie führt uns direkt in den Schweizer Pavillon nach Venedig, für den die Künstlerin neue musikalische Wege beschritten hat.

«Ich hatte das starke Bedürfnis, meine Arbeit zu regenerieren und zu verstehen, wie ich bislang gearbeitet habe», erzählt Latifa Echakhch. Pausen scheint es in ihrer bisherigen Laufbahn tatsächlich wenige gegeben zu haben. Seit dem Abschluss ihrer Kunstausbildung Anfang der Nullerjahre in Frankreich – sie studierte in Grenoble, Cergy bei Paris und Lyon – hatte sie schnell Erfolg mit ihren grossen Installationen. Jährlich war sie in zahlreichen Gruppen- und zunehmend auch Einzelausstellungen vertreten. 2013 erhielt sie den Prix Marcel Duchamps, den wichtigsten französischen Kunstpreis, 2015 den Zurich Art Prize. Jüngst ist sie ins Programm der Pace Gallery aufgenommen worden, einer der mächtigsten Galerien im globalen Kunstmarkt. Der Einzelauftritt an der Biennale Venedig gilt als Sprungbrett in internationale Kunstgewässer.

«Es ist klar, dass die Biennale in Venedig nicht der ideale Zeitpunkt ist, um sich zu hinterfragen», gibt Latifa Echakhch zu. Sie hätte mit den bewährten Mitteln weiterfahren können. Doch sie nutzte das Projekt, um fremdes Gebiet zu erforschen. «Anstatt als visuelle Künstlerin zu arbeiten, tat ich so, als wäre ich eine Musikerin.» In der zweijährigen Vorbereitungszeit studierte sie die Instrumente, die Theorie und nahm Gesangsstunden. Dabei ging es ihr nicht darum, als Musikerin aufzutreten, sondern um grundlegende Fragen. «Was passiert in unserem Körper, wenn wir Musik hören oder spielen? Wie erfahren wir Zeit in der Musik? Und wie kann ich diese Wahrnehmungen in der visuellen Kunst einsetzen?»

 

Skulpturen aus Zeit 

Musik war in ihrem umfangreichen Oeuvre schon lange vor der Biennale präsent. So schuf sie 2012 ihre ersten «Tambours», kreisrunde Leinwände von knapp zwei Metern Durchmesser, auf die sie schwarze Tinte tropfen liess. Der Titel des Werks gab jeweils die Dauer an. «Als die Tintentropfen auf die Leinwand trafen, erzeugte es den Klang einer Trommel, also habe ich die Werke so genannt. Ursprünglich habe ich nicht an den musikalischen Charakter gedacht. Es ging mir um die Dauer des Tropfens. Aber das Ergebnis war Musik.»

Bevor sich der Fokus von Latifa Echakhch auf die Musik verschob, war es tatsächlich vor allem die Zeitlichkeit, die sie interessierte und die ihren Werken einen performativen Charakter gab. In Arbeiten wie dem Fresko «Cross Fades» oder «The Sun and the Set Series» überzog sie die Gemälde mit einer Schicht Zement, nur um diesen dann stellenweise wieder abzukratzen und Teile der Malerei freizulegen. Die Zementstücke bleiben als Spuren auf dem Boden liegen. Bei der Erschaffung ist die Künstlerin indes allein; es sind keine Performances, die für ein Publikum bestimmt sind. Aber die Sichtbarkeit des Prozesses verleiht den Kunstwerken zeitliche Tiefe und eröffnen Erzählräume. Was ist passiert? Kommt das Gemälde hervor oder verschwindet es?

Die Installation «The Concert» der Künstlerin Latifa Echakhch im Schweizer Pavillon an der Biennale Venedig.

Die Installation «The Concert» der Künstlerin Latifa Echakhch im Schweizer Pavillon an der Biennale Venedig.

(Bild: Andrea Merola/Keystone)

Was hören wir, wenn es wieder still ist?

Für ihren Auftritt im Schweizer Pavillon hat Latifa Echakhch diese Themen weiter zugespitzt. Dazu hat sie sich die Expertise und Erfahrung des Komponisten und Perkussionisten Alexandre Babel sowie des Kunsthistorikers und ehemaligen DJs Francesco Stocchi geholt. «The Concert» heisst die Ausstellung, deren Geheimnis am 23. April endlich gelüftet wird. Wer das Erlebnis eines Konzerts erwartet, liegt aber falsch. Vielmehr sollen die Besucherinnen und Besucher sich so fühlen, wie nach einem Konzert. Wenn man noch erfüllt ist von der Musik, diese aber bereits in Erinnerungsstücke zerfällt; wenn die Fragmente wie Echos in unserem Gedächtnis widerhallen: ein Refrain, der Part einer Geige, eine bestimmte Stelle mit dem Schlagzeug, aber auch visuelle Eindrücke wie ein Lichtspiel. «In einem Konzert ist man nie allein», beschreibt es Latifa Echakhch. «Man ist eine Masse von Menschen, die sich im gleichen Rhythmus bewegt. Erst nach dem Konzert bin ich wieder allein. Ich habe mein Gedächtnis wieder und meine persönlichen Erinnerungen an diese Musik. Was höre ich, wenn es still ist?»

In diesem Moment beginnt die Rekonstruktion des Vergangenen in der individuellen Erzählung. Im Verlust, den die Unwiederbringlichkeit der Zeit bedeutet, scheint bei Latifa Echakhch eine schöpferische Kraft und eine grosse Freiheit zu liegen. «Natürlich gibt es in meiner Arbeit Melancholie. Aber die zeitliche Verschiebung ermöglicht uns, uns neben die Dinge zu stellen und sie anders zu empfinden.» 

Das Gemeinsame in den persönlichen Erinnerungen

Immer wieder arbeitet Latifa Echakhch auch mit persönlichen Erinnerungen. Sie lässt Handyfotos von ihren Reisen auf riesige Theatervorhänge malen und verbindet sie mit persönlichen Gegenständen, die sie mit schwarzer Tinte überzieht. «Ich benutze solche Dinge als Ausgangspunkt für meine Erinnerungen. Dabei geht es mir nicht um meine eigene Geschichte. Wir alle haben das Gefühl, einzigartig zu sein. Aber in Wirklichkeit haben wir vieles gemeinsam. Eine erste Liebesbegegnung zum Beispiel ist nichts Aussergewöhnliches. Ich versuche meine Erinnerungen und Gefühle genau zu verstehen, um darin das Gemeinsame mit anderen zu finden.»

Damit hebt sie das Persönliche ins Politische. Erinnerungen, das zeigt unter anderem ihre Migrationsgeschichte, sind auch verknüpft mit «Enteignungen», so der Titel einer ihrer Werkgruppen. Als sie im Alter von drei Jahren nach Aixes-les-Bains in die Savoyer Voralpen kam, hörten ihre Eltern auf, zu Hause Marokkanisch zu sprechen. Sie waren darum bemüht, sich und ihre Kinder vollständig zu integrieren und nahmen dafür den Verlust der eigenen Kultur in Kauf. «Was viele als positiven Multikulturalismus bezeichnen, war für mich überhaupt kein Mulikulturalismus. Ich habe wie viele Einwanderer die Diskrepanz erlebt, weder zu der einen noch zu der anderen Kultur zu gehören», erzählt Latifa Echakhch.

Diesem Verschwinden gibt sie in zahlreichen Werken Ausdruck. In der Zeichnungsserie «Nois and Missing Words» von 2018 zum Beispiel bleiben von den poetischen arabischen Texten nur die diakritischen Zeichen übrig. 2007 entstand das erste Werk aus der Gruppe der «Dérives», in der sie sich mit der Ornamentik der islamischen Kunst und Architektur auseinandersetzt. Sie malte mit Teer ein riesiges Muster auf den Boden, sodass es unmöglich war, die ganze Form zu erfassen. Später entwickelte sie das Thema mit Acryl auf Leinwand weiter. Die Linien erscheinen wie Spuren der Künstlerin, deren Wege zu ihren kulturellen Wurzeln sich verwirren, ähnlich dem ziellosen Umherschweifen (Dérive), mit dem die Situationisten in den Sechzigerjahren die Stadt zu erkunden versuchten.

Der Reichtum, nichts zu repräsentieren

Früher hätte Latifa Echakhch gerne eine klare Identität gehabt. «Ich hätte gerne gesagt, ja, ich bin Marokkanerin, ja, ich bin Französin oder jetzt, ja, ich bin Schweizerin. Aber es stimmt nicht. Heute merke ich, dass es ein grosser Reichtum ist, nicht etwas zu repräsentieren, sondern überall und nirgends zu sein.» Bereits 2011 gab die Künstlerin an der Biennale in Venedig mit ihrer prominent platzierten Arbeit «Fantasia» einen Kommentar zur Idee des Nationalen ab. Sie säumte den Weg in den Giardini mit kreuz und quer stehenden leeren Fahnenstangen. Trotzdem ist ihr bewusst, dass ihr Auftritt als «Repräsentantin der Schweiz» im Schweizer Pavillon eine Bedeutung hat. «Ich habe mich entschieden, in der Schweiz zu leben. Es war nicht die Einwanderung meiner französischen Eltern, sondern meine eigene. Und darüber hinaus bin ich Teil der Geschichte der vielen ausländischen Künstlern, welche die Schweizer Kultur gebildet haben.»

Ganz ohne «richtige» Musik geht «The Concert» übrigens doch nicht vonstatten. Zur Ausstellung erscheint eine Schallplatte, die ein 21-minütiges Musikstück enthält. Alexandre Babel hat es in Berlin mit mehreren Musikern zusammen aufgenommen. «Man hört Musik, die Räume des Pavillons, den Kies der Giardini, die Echos unserer Gespräche. Die Platte komprimiert unsere zweijährige Recherche in einer musikalischen Partitur», schwärmt Latifa Echakhch. «Als ich die Platte gehört habe, hatte ich das Gefühl zu spüren, was ich in den letzten zwei Jahren an klanglicher Offenbarung erlebt habe.»

Dieser Text entstand in Kooperation mit swissinfo.ch