Monika Varga und Michael Wolf in «Ja oder Nein» von Lukas Holliger, FRIDA Magazin

«Bitte beantworten Sie die Frage mit einem Ja oder Nein.»

Bild: Ayse Yavas

Gespräch mit Lukas Holliger

Befördert die direkte Demokratie den Populismus?

Der Basler Theaterautor Lukas Holliger nimmt in seinem neuen Stück die Argumente der SVP auseinander. Er fragt, was passiert, wenn sich das politische System an den digitalen Rhythmus anpasst und nur noch Schwarz oder Weiss kennt.

Von Helena Krauser

Zürich, 28.09.2022

9 min

Ein roter Apfel, als Symbol für die Schweiz, wird von fünf Maden zerfressen. Jede Made ist mit einer anderen Farbe gekennzeichnet. Sie stehen für die EU, die FDP, die CVP, die Grünen und Grünliberalen und die SP. Daneben steht die rhetorische Frage: «Sollen Linke und Nette die Schweiz zerstören?» und die Antwort: «Lieber SVP wählen!».

Das Wahlplakat der Volkspartei sorgte im Sommer 2019 für heftige Diskussionen, auch parteiintern. Einige SVP-Politiker äusserten sich gegenüber den Medien dezidiert kritisch zu der Kampagne: «Was versprecht ihr euch von dieser unsäglichen Bildsprache? Wer soll einen da noch ernst nehmen?», fragte etwa der damalige Zürcher SVP-Nationalrat Claudio Zanetti.

Zurückgezogen hat die Partei das Plakat aber nicht. Warum auch? Es war nicht das erste und auch nicht das letzte SVP-Plakat, das für Aufsehen sorgte. Und geschadet hat der Partei die populistische Bildsprache sowieso nicht, sie ist nach wie vor die stärkste Kraft in der politischen Schweiz.

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Ein Mitarbeiter der Plakatgesellschaft hängt im August 2019 das Kampagnenplakat der SVP auf. (Ennio Leanza/Keystone)

Für Lukas Holliger, den Basler Theaterautor, war dieses Plakat die Überschreitung einer roten Linie. Schon länger hatte er sich mit den populistischen Methoden der Volkspartei befasst und Notizen für die Erarbeitung eines Theaterabends gesammelt. Während der Coronazeit stellte er die Arbeit dann fertig. Entstanden ist ein Dialogstück mit dem Titel «Ja oder Nein – eine Partei im Kreuzverhör». Es ist der Versuch, Ordnung in das politische Material der SVP aus den letzten 20 Jahren zu bringen. Was passiert, wenn man die problematischen Ansätze weiterdenkt, welches Menschenbild, welches Weltbild entsteht dabei?

In der Diskussion um das Madenplakat stellten Kritiker den Vergleich zu einer ähnlichen Illustration her, die 1931 in der Nazi-Zeitschrift «Der Stürmer» veröffentlicht wurde. Damals sollte der Wurm, der sich durchs Fruchtfleisch biss, die Juden verkörpern.

«Man muss sich irgendwann fragen, wie viel davon Ahnungslosigkeit ist und wie viel ein bewusstes Spiel ist, um zu provozieren. Aber was ist das für eine Provokation, wenn man sich einer Sprache bedient, die historisch völlig diskreditiert ist?», fragt Holliger eine Woche vor der Premiere, als wir ihn für einen Probenbesuch im Sogar Theater in Zürich treffen.

ukas-holliger-foto_werner_geiger_im FRIDA Magazin

Lukas Holliger
wurde 1971 in Basel geboren. Der schweizerisch-österreichische Autor schreibt Prosa, Theatertexte, Libretti und Hörspiele.

Holligers Bühnentexte wurden bisher ins Polnische, Russische, Ukrainische, Chinesische und Griechische übersetzt. 2003 wurde er in der Kritikerumfrage von «Theater Heute» als bester Nachwuchsautor nominiert. 2013 stand er auf der Shortlist für den Hörspielpreis der Kriegsblinden, die bedeutendste Auszeichnung für Autoren deutschsprachiger Hörspiele.

2015 erschien sein Prosadebüt «Glas im Bauch», 2017 sein Romandebüt «Das kürzere Leben des Klaus Halm», das für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde. 2021 erschien mit dem Erzählband «Unruhen» seine dritte Prosa-Publikation.

Bild: Werner Geiger

Er habe lange mit der Frage gekämpft, wie er sich als Theaterautor zu einer Partei verhalten soll, die ihn so wütend macht, erzählt er. «Wut ist ein schlechter Ratgeber beim Schreiben. Ich habe gemerkt, ich brauche eine Dramaturgie, einen Mechanismus.» Also hat er die Figur einer beharrlichen Moderatorin entworfen, die ihren Studiogast, den fiktiven SVP-Politiker Hans-Ueli Schaub, ins Kreuzverhör nimmt.

In einer Konsequenz, die höchste Konzentration und starke Nerven erfordert, denkt sie die Aussagen der SVP zu Ende, wiegt sie gegeneinander auf und legt sie dem Politiker zur Zustimmung oder Ablehnung vor. Er darf jeweils nur mit Ja oder Nein antworten. «Als ich gemerkt habe, dass die Moderatorin diesen juristischen Duktus braucht, mit dem sie kausal alles auffächert, schrieb sich das Stück wie von alleine. Als wäre es selbst eine Maschine. In dem Moment habe ich auch gemerkt, dass ich jetzt nicht mehr Rücksicht darauf nehmen kann, ob es zu dicht wird oder zu umständlich. Es ist diese Maschine, die denkt», so Holliger.

Die Moderatorin gibt dem SVP-Politiker Schaub also die Regel vor, die für die Stimmberechtigten in der Schweiz bei jeder Abstimmung gilt. Entscheide ich mich für Ja oder Nein? Die Möglichkeit der Enthaltung klammert Holliger bewusst aus. «Enthaltungen sind im Resultat ja nicht sichtbar. Wir sagen null oder eins. Darin besteht die digitale Logik unserer Demokratie.» Diese Vereinfachung in der Politik ist, was Holliger für problematisch hält. Es gibt nur ein Schwarz-Weiss-Denken.

Monika Varga und Michael Wolf in «Ja oder Nein» von Lukas Holliger, FRIDA Magazin

Ausreden und Erklärungen sind in diesem Interview nicht erlaubt. Monika Varga interviewt als Moderatorin den SVP-Politiker, gespielt von Michael Wolf.

Bild: Ayse Yavas

Wird durch diese Voraussetzung populistische Politisierung befördert? Ist im Endeffekt die Schweiz gerade wegen ihrer direkten Demokratie besonders gefährdet für populistische Parteien? Ist es das, was uns das Stück vermitteln will? «Nein», sagt Holliger. «Die Schweiz ist nicht besonders anfällig für Populismus, weil wir hier so häufig abstimmen, dass Initiativen auch wieder korrigiert und dem Volk erneut vorgelegt werden. Das ist die Qualität der direkten Demokratie, um die uns so viele Länder beneiden.»

Ist dann das Ja oder Nein also am Ende gar nicht so entscheidend? Holliger bringt das Beispiel der Masseneinwanderungsinitiative. Die Initiative konnte wegen völkerrechtlicher Bestimmungen trotz Annahme durch das Schweizer Stimmvolk nicht vollständig umgesetzt werden, woraufhin die SVP die Durchsetzungsinitiative lancierte, die eine wort- und sinngetreue Umsetzung der Volksabstimmung forderte. Diese Initiative wurde dann vom Volk mit 58,9 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. «Das ist alles innerhalb eines halben Jahrzehnts passiert. Ich denke, dieses direktdemokratische Korrektiv ist eine grosse Qualität.» Deshalb drehe sich sein Stück auch nicht um die Frage, ob die direkte Demokratie ein gutes System ist oder nicht. Vielmehr wolle er die politische Praxis der SVP thematisieren. 

Wie funktionieren also die Mechanismen der SVP und spielt das ständige Fragen nach Ja oder Nein der Volkspartei in die Hände? «Ich glaube schon», sagt Holliger, ohne zu zögern. «Es gibt keine andere Partei in der Schweiz, die durch das ständige Lancieren neuer Initiativen, die anderen Parteien so sehr vor sich hertreibt. Die SVP konnte sich zu lange darauf verlassen, dass sie die Stimmung mit grossen Plakatkampagnen und Gratiszeitungen in den Briefkästen schnell aufheizen kann und die Überhand gewinnt.»

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Das Plakat der Kampagne «Raus aus der Massentierhaltung»

Bild: Massentierhaltung.ch

Bei der Kampagne zur Initiative gegen Massentierhaltung zog das Ja-Komitee eine Referenz zu Plakatkampagnen der SVP. Links im Bild stehen sichtlich traurige Schweine dicht beieinander auf einer schwarzen Fläche, während ein einzelnes Schwein fröhlich auf die grüne Bildhälfte springt, wo es von einem weiteren Schwein erwartet wird.

Die Parallelen zu den SVP-Plakaten bei der Masseneinwanderungsinitiative, auf denen ein einzelnes schwarzes Schaf von weissen Schafen aus der symbolisierten Schweiz gekickt wurde, sind eindeutig. Die populistische Bildsprache scheint sich durchzusetzen. Ist es für linke Parteien und Organisationen ratsam, diese Methoden von der SVP zu übernehmen?

«Ich fürchte manchmal, der Populismus ist die einzige Sprache, die noch eine Wirkung hat.»

«Aber das kann natürlich auch ein Teufelskreis werden. Ausserdem finde ich es sehr problematisch, dass Sachfragen so emotional aufgeladen werden», sagt Holliger und plädiert für mehr Sorgfalt bei der Wortwahl.

Man müsse aufpassen, dass nicht irgendwann jemand kommt und sagt: «Ihr nennt eure gegnerischen Parteien Maden, dann lasst sie uns wie Maden behandeln.» So werde permanent ein zynisches Spiel mit den Wählerinnen und Wählern gespielt und versucht, das Böse in ihnen wachzukitzeln. «Das spricht nicht für ein grosses Verantwortungsgefühl», so Holliger. 

Hans-Ueli Schaub, der fiktive SVP Politiker im Stück, verfällt immer wieder in ein abwiegelndes Lachen. Man sieht ihm an, dass er so versucht, das Gesagte zu relativieren. Das ist ein Mechanismus, den man auch aus realen Talkshows kennt. Politikerinnen und Politiker wollen so verhindern, dass sie für ihre Aussagen haftbar gemacht werden. In Holligers Stück wird das Lachen des Politikers seziert, bis es ihm vergeht. 

 

 

«Ja oder Nein – eine Partei im Kreuzverhör»
von Lukas Holliger

vom 29.9 bis 1.12 im Sogar Theater in Zürich
und vom 2.12 bis 17.12 im Neuen Theater in Dornach.