Corsin Fontana während dem Aufbau seiner Ausstellung in der Galerie Tony Wüthrich in Basel. Frida Magazin

Corsin Fontana während dem Aufbau seiner Ausstellung in der Galerie Tony Wüthrich in Basel.

Bild: Kenneth Nars

Kunst

Corsin Fontana – was tun Sie in Zeiten des Zweifels?

Corsin Fontana ist 80 geworden und stellt in Basel seine neusten Arbeiten aus. Ein kurzes Gespräch über ein langes Künstlerleben, über Musik, das Reisen, Einfachheit und Rezepte gegen den Zweifel.

Von Mathias Balzer

Basel, 15.05.2024

10 min

Herr Fontana, Sie widmen sich jetzt seit 60 Jahren der Kunst. Hat es sich gelohnt?

Corsin Fontana: Ich würde es genauso wieder machen. Im Rückblick war es ein Geschenk, dass ich in etwas eingestiegen bin, dass mir anfangs fremd war. Die Beschäftigung mit Kunst wurde mir von zu Hause her nicht in den Schoss gelegt. Ich habe beim «Bündner Tagblatt» in Chur eine Lehre als Offsetdrucker gemacht – und da war das Bündner Kunstmuseum ganz in der Nähe. Dort begann meine Beschäftigung mit Kunst.

Gab es so etwas wie eine Initialzündung, die Sie zur Kunst gebracht hat?

Ja. Es gab eine frühe Begegnung mit dem Maler und Plastiker Matias Spescha. Ich ging zu seinem Bruder Hendri in die Sekundarschule in Domat/Ems. Eines Tages kam Matias in die Klasse – aus Paris damals noch. Und er hat uns erzählt, was für einen Beruf er hat. Er hat eine Zeichnung an die Wandtafel gemacht und uns erklärt, wie diese aufgebaut ist. Da habe ich erstmals begriffen, dass Künstlersein ein Beruf ist.

Begannen Sie damals mit dem Zeichnen?

Richtig los ging es während meiner Lehre. Da gab es manchmal Zeitfenster, in denen ich mit dem Papier, den Farben und Materialien, die gerade da waren, zu malen und zeichnen begann. Das waren meine ersten Werke.

Corsin Fontana

Der Künstler Corsin Fontana, geboren 1944, zeigt seine Werke seit 1968 in zahlreichen Einzelausstellungen und beteiligt sich an Ausstellungen in nationalen und internationalen Institutionen. Fontana ist in Domat/Ems aufgewachsen, lebte seit 1965 in Basel und pendelt heute zwischen Basel und Graubünden.

Sie sind 1965 nach Basel gezogen. Warum nach Basel?

Einerseits, weil es genug weit weg von zu Hause war. Andererseits hatte man mir gesagt, dass Basel eine wichtige Kunststadt mit einer lebendigen Szene sei. Ich arbeitete damals etwa eineinhalb Jahre als Offsetdrucker bei Frobenius. Ich verkehrte bald in den einschlägigen Lokalen, wie etwas der Rio Bar, wo ich Marcel Schaffner, Niki Hasenböhler und dem damaligen Direktor der Kunsthalle, Arnold Rüdlinger, begegnete. Oder in der Galerie Riehentor Lenz Klotz und Wolf Barth. Diese Kontakte und Gespräche waren wichtig.

Sie sind Autodidakt. Gab es – auch ohne entsprechende Ausbildung – irgendwann den Moment, in dem Sie sagten: So, jetzt bin ich Künstler?

Ich weiss nicht, ob ich das so beantworten kann. Die Begegnung mit Speschas Werk war sicher ausschlaggebend. Seine Arbeiten strahlten schon damals eine unheimliche Ruhe aus, die mich sofort für die Kunst einnahm. Den entscheidenden Impuls gab aber mein Vorgesetzter in der Druckerei in Basel. Er erfuhr, dass ich zeichnete und malte und wollte eines Tages die Bilder sehen. Er kam zu mir nach Hause in die Küche, wo ich an Aquarellen arbeitete. Er lobte meine Arbeit sehr, sagte aber auch: «Schön und recht, was du hier machst. Aber wenn du Künstler werden willst, musst du deinen Beruf aufgeben. Beides nebeneinander geht nicht.»

Das sagte er einem damals 22-Jährigen?

Der Mann war sehr überzeugend. Er riet mir: «Häng den Beruf an den Nagel, sonst bist du noch mit 65 in unserem Betrieb.» Ich habe ein paar Tage später gekündigt – und hatte Glück; denn kurz darauf erhielt ich erstmals das eidgenössische Kunststipendium. Das machte natürlich Mut, den Weg als Künstler einzuschlagen. Das Stipendium hat sicher auch geholfen, dass ich ein Atelier im Atelierhaus Klingental bei der Kaserne beziehen konnte. Dort konnte ich über 40 Jahre arbeiten.

Ein weiterer wichtiger Impuls für Ihre Entwicklung war das Reisen.

Ja. Anfang der Siebzigerjahre machte ich mit meiner damaligen Freundin eine erste grosse Reise – alles per Autostopp. Nach Palermo, mit dem Schiff nach Tunis, durch Algerien und von da in die Wüste, in die Oasenstadt Tamanrasset. Wir fuhren hinten auf offenen Lastwagen, die Datteln in den Niger transportierten – und auf dem Rückweg Schafe. Wir haben – wegen der Sandvipern – auch immer auf den Datteln geschlafen.

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Blick in die aktuelle Ausstellung bei Tony Wüthrich in Basel.

Sie haben in den frühen Siebzigerjahren mit Naturmaterialien gearbeitet, mit Schweinsblasen, Spinnweben oder liessen die Wüstensonne «malen». War das ein Resultat dieser Reise?

In gewissem Sinne schon. Abends machten wir jeweils mitten in der Wüste Rast. Die Dattel- und Schaftransporteure kochten nach dem Gebet Essen und Tee auf dem Feuer. Oft kamen dann Nomaden, Tuaregs, dazu, die irgendwo in der Nähe mit ihren Kamelen oder Ziegen unterwegs waren. Wir konnten mit niemandem ausser dem Fahrer, der etwas Französisch sprach, reden. Aber trotzdem hat die, wie soll ich sagen, die tiefe Menschlichkeit dieser um das Feuer sitzenden Gemeinschaft, mich geprägt. Wohl seit damals wehre ich mich gegen die Einflüsse unserer Überflussgesellschaft.

Deshalb die – vermeintliche – Einfachheit ihrer Kunst?

Ja. Die Schlichtheit und aufs Nötigste reduzierte Lebensweise dieser Menschen hat mich schon sehr fasziniert und geprägt.

War diese Erfahrung auch hilfreich, um sich eine Existenz als Künstler aufzubauen? Sie haben ja eine Weile auch als Älpler gearbeitet.

Ja, ich habe ein paar Mal die Alp gemacht. Da gibt es diese schlichte Lebensweise ja auch. Es war einerseits die Gelegenheit, Geld zu verdienen; andererseits konnte ich dem allzu üppigen Leben aus dem Weg gehen. Und dort oben merkt man schnell, dass dieses Leben mit Romantik wenig zu tun hat. Das Leben der Bergbauern ist existenziell; es ist hart.


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Etwas anderes, das Ihr Werk prägt, ist die Musik, die Sie von Ihren Reisen aus Nordafrika zurückgebracht haben. In der grossen Einzelausstellung im Bündner Kunstmuseum 2021 wurde diese Sammlung thematisiert.

Es ist die Musik der Berber, der Araber und Afrikaner, die mich zeitlebens fasziniert. Ich habe diese auf den Reisen erstmals live gehört. Aber eigentlich bin ich in meiner frühen Jugend über den Schulfunk erstmals auf diesen Sound gestossen. Dort gab es jeweils Porträts von Ländern zu hören, an deren Ende jeweils die Musik von dort gespielt wurde. Das Fremdartige, Repetitive und Tranceartige der afrikanischen Musik hat mich schon damals gefesselt.

Auch Ihre Bilder leben von Repetition und kleinen Verschiebungen, wie in der aktuellen Ausstellung bei Tony Wüthrich zu sehen ist. Ist Ihre Malerei von dieser Musik beeinflusst?

Ja, vielleicht; aber dieser Einfluss ist eher ein unmerklicher, kein direkter Vorgang. Das Repetitive ist auch prozesshaft. Meine Bilder entstehen langsam, oft über Monate, da ich mit Ölkreide arbeite, Schicht um Schicht auftrage, aber jede auch austrocknen muss. Das heisst, ich muss zwischen jeder Schicht zwei, drei Wochen warten – wobei ich natürlich an verschiedenen Bildern parallel arbeite.

Das tönt nach einem sehr ruhigen Prozess.

Ich war noch nie ein Schnellmaler; ich habe meine Arbeit immer bedächtig gemacht.

Das gab und gibt mir Zeit, den jeweils nächsten Schritt zu überlegen. Das geht mal schneller, mal dauert es eben lange. Wichtig ist mir letztendlich, dass das Resultat immer ein Sinnliches ist.

Sie können auf 60 Jahre Kunst zurückblicken. In dieser Zeit gab es sicher auch Phasen des Zweifels. Was war es, das Sie immer weitermachen liess?

Es sind schon die Ausstellungen, die Begegnung mit dem Publikum und mit anderen Künstlern, die Resonanz, die Gespräche, die mich anspornen und weiterbringen. Und dann ist da natürlich der nicht nachlassende Drang, mich künstlerisch auszudrücken.

Und wenn die Arbeit stockt, die Ideen ausgehen, man nicht mehr weiterkommt – gibt es da ein Rezept?

Die Zeiten des Zweifels sind schon die schwierigsten. Mein Rezept dagegen ist: Warten, Zeit verstreichen lassen, bis ich neu reflektieren kann. Eine gute Methode ist auch: Einfach weiterarbeiten, ohne die Arbeit gleich zu werten. Weiterarbeiten, auch wenn das Resultat noch nicht befriedigend ist. Denn die meisten Ideen entstehen ja erst während der Arbeit. Und so wächst letztendlich das eine aus dem anderen heraus.

 

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Blick in die aktuelle Ausstellung bei Tony Wüthrich in Basel.

Wenn Sie zurückschauen auf die letzten 60 Jahre Kunstentwicklung, was denken Sie?

In einem gewissen Sinn war ich immer eigenständig genug, um nicht immer nach links und rechts zu schauen. Ich habe meistens an das geglaubt, an dem ich dran war. Aber natürlich ist man nicht alleine. Man vergleicht, sieht andere Werke, die einem im eigenen Weg bestätigen. Oder es gibt Künstler, deren Arbeiten zu einem wichtigen Bezugspunkt werden. Für mich waren das zum Beispiel die Stillleben des italienischen Malers Giorgio Morandi. Ihre Einfachheit, die Zurückhaltung bei der Farbgebung, die reduzierte Palette. Für mich ist das Farbigkeit, jenseits aller Buntheit.

Sie haben Ihre Zelte in Basel mittlerweile fast ganz abgebrochen und leben seit über vier Jahren in Cumbel in der Val Lumnezia. War das eine Stadtflucht?

Der Impuls an einem ruhigen Ort zu leben, kam von meiner Frau Sonia. Als wir dann 2018 aus dem Atelier in der Kaserne rausgeworfen wurden und zwei Jahre später die Ateliers in der Alten Gewerbeschule in Basel ebenfalls gekündet wurden, war es einfacher loszulassen. Und in gewissem Sinne ist es schon eine Art Heimkehr.


Corsin Fontana

Vernissage: Samstag, 18. Mai, 15 bis 18 Uhr.
Dauer der Ausstellung: bis 29. Juni.
Tony Wüthrich Galerie, Basel.