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Regula Stämpfli an einer Tagung in Zürich.

Foto: KEYSTONE/Gaetan Bally

Interview mit Regula Stämpfli

«Gegen Diskriminierung hilft nur die Verfassung»

Sexismus- und Mobbingvorwürfe in Kultur und Medien machen aktuell Schlagzeilen. Die Missstände sind allerdings alles andere als neu. Was kann getan werden, damit sich tatsächlich etwas ändert, und welche veralteten Vorstellungen müssen wir hinter uns lassen? Ein Gespräch mit der Politologin und feministischen Podcasterin Regula Stämpfli.

Von Helena Krauser

Zürich, 16.02.2023

5 min

Medienhäuser wie Tamedia, Tanzschulen in Basel, Zürich und Lausanne: Die Berichte über Sexismus und sexualisierte Gewalt in der Schweiz häufen sich. Besonders oft wird von Fällen aus der Kultur- und Medienbranche berichtet. Dass Sexismus dort Realität ist, lässt sich also nicht mehr bestreiten. Was kann getan werden, damit sich tatsächlich etwas ändert?

Regula Stämpfli: Die Kultur- und Medienbranche muss von Grund auf verändert werden: Wir brauchen Quoten, Amtszeitbeschränkung, mehr Intendantinnen, Chefredaktorinnen, und zwar aus der Schweiz. Die Deutschen bringen meist noch mehr Hierarchie in die Branche – ein Problem, das viel zu wenig besprochen wird. Das grundlegende Problem ist auch, dass die Männer und die wenigen Frauen in Kultur- und Medieninstitutionen denken, sie gehören zu den Guten, den Feminist:innen, den Progressiven. Dabei reinszenieren sie ständig «die Revolution ohne feministisches Potenzial», wie ich dies einmal im «ensuite» genannt habe.

Anmerkung der Redaktion: Im Magazin «ensuite – Zeitschrift zu Kultur & Kunst» veröffentlichte Regula Stämpfli im Mai 2021 einen Artikel mit dem Titel: «Weltveränderung ohne feministisches Potenzial». Darin beschreibt sie den Theatermacher Milo Rau als «Archetyp eines revolutionär begabten Weltveränderers ohne feministisches Potenzial.» 

Wird in der Schweiz gesellschaftlich ausreichend entschieden gegen Sexismus, sexualisierte Belästigung und sexuelle Gewalt vorgegangen? Falls nicht, was wäre nötig?

Alle Schweizer Institutionen leiden unter der späten Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts: Experten sind durchwegs Männer. Zählen Sie mal die SRF Reihe «Tagesgespräch» – die Männerquote ist entsetzlich hoch. Wenn Frauen zu Wort kommen, dann nur, weil sie entsprechende Positionen innehaben oder aus dem Ausland stammen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben nachgezählt. Seit Beginn des Jahres: 24 Männer und neun Frauen.

Was geschieht, wenn nun ein Bericht von sexualisierter Gewalt auf den nächsten folgt und klar wird, dass selbst die «woken» Unternehmen nicht frei davon sind? Bleibt dann das Erstaunen darüber irgendwann aus? Stumpfen wir ab?

Es gilt, von der normalen Empörungsspirale und Medien Abstand zu nehmen und die Institutionen auf ihre Rechte und Pflichten einzuklagen. Es braucht den politischen Druck und die Lobby und das Geld – alles Mangelware in einer Gesellschaft, in der «sexistische Enteignung» üblich ist.

Anmerkung der Redaktion: In der «Die Podcastin»-Folge vom 23. April 2022 sprechen Regula Stämpflin und Isabel Rohner über das, was Regula Stämpflin hier als «sexistische Enteignung» bezeichnet: «Die Unsichtbarmachung von Frauen und die Verhinderung der Kapitalbildung für Frauen und dem daraus folgenden Zwang, halt irgendwie Geld zum Überleben machen zu müssen, bleiben im 21. Jh. brennendes Thema.»

Wie empfinden Sie den medialen Umgang mit dem Thema?

Die Journalistinnen und Journalisten wissen meist nicht, wen als Expertinnen zu befragen. Alle Jahre wieder beginnt dieselbe Spirale mit den gleichen Fragen und Antworten seit den wilden, freien und feministischen 1980er-Jahren. Insofern ist der Fortschritt minim. Aber dies hängt mit dem Medienwandel zusammen, also alles etwas schwierig. 

Wo genau sehen Sie den Zusammenhang mit dem Medienwandel?

Der Medienwandel bringt ein Klick-, Quoten- und Aufmerksamkeitsregime nicht nur in den Boulevard, sondern auch in den öffentlich-rechtlichen Medien. Deshalb reden wir oft über politische Themen, die für uns Schweizer:innen völlig irrelevant sind, wie beispielsweise die Krisen und Kapriolen in den US-Midterm-Elections. Twittertrends entscheiden über Themen, nicht die demokratische Relevanz. So geht es auch mit Expert:innen. Es findet kein Check-up statt, wer Expertin ist und wer nicht. So können Leute ohne namhafte Publikation, ohne akademischen Grad, ohne einen Ausweis der Expertise in diesem Fachgebiet, zu Themen Auskunft geben, zu denen andere viel besser Bescheid wissen. Bei den Politologen ist dies immer der Fall. Die reden über alles, während Politologinnen höchstens mal zu Frauenthemen Auskunft geben dürfen. 

In der Basel Dance Academy wird der Schulleiterin Bodyshaming und Machtmissbrauch vorgeworfen. Gehen wir gesellschaftlich anders mit Frauen um, die ihre Macht missbrauchen als mit Männern?

Frauen und Männer wählen weniger Frauen, denken weniger von Frauen, trauen Frauen weniger zu, lesen weniger Frauen als Männer, taxieren Frauen und deren Aussehen. Frauen in Machtpositionen haben es momentan aufgrund der Polarisierung eh schwer. Wie gesagt: Gegen Diskriminierung, Hass und Ausgrenzung hilft nur die Verfassung. Ich fordere: Macht endlich mal vorwärts mit dem Gleichstellungsgesetz, und sei es auch nur punkto Lohngleichheit! Und schickt die Ewiggestrigen durch Amtszeitsbeschränkung endlich in Pension!

Wie kann in einem so körperbezogenen Beruf wie dem von Tänzer:innen, eine klare Linie zwischen konstruktiver Kritik und Verletzung der persönlichen Integrität gefunden werden?

Ich glaube, im Fall der Dance Academy geht es darum, den, aus dem vorherigen Jahrhundert stammenden, teils körpervergewaltigenden Beruf der Ballerina ins 21. Jahrhundert zu überführen. Ich sage dies seit Jahren: Die Klassik muss sich komplett erneuern, es gibt so viele tolle unabhängige Kompanien, die das schon tun – schauen wir nach Belgien und zur fabelhaften Anne Teresa De Keersmaerker. Aber auch da: Die patriarchalen Strukturen halten sich hartnäckig, leider auch in Frauenköpfen. 

Aktuell wird vor allem viel über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gesprochen. Warum ist das so? Wie unterscheidet sie sich von Übergriffen in der Freizeit, beispielsweise im Nachtleben?

In Clubs sind Frauen meist in Gruppen und unter Freund:innen. Zudem ist Freizeit, Nachtleben und Party nicht durch eine Hierarchie geprägt.


Dr. Regula Stämpfli ist Politphilosophin mit Schwerpunkt Hannah Arendt, Political Design, Digital Transformation, Code-Management, Social Media & Demokratietheorie. Die Schweizer Publizistin ist Bestseller-Autorin, unabhängige wissenschaftliche Beraterin für die Europäische Union und gilt international als eine der anerkanntesten Expertinnen für Politik, Medien, Gender und Digitalisierung.