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In Paris entdeckt Lucia Joyce ihre Leidenschaft für den Tanz.

Bild: zVg

Die Tochter von James Joyce

Die tragische Geschichte der Lucia Joyce

Im Hause Joyce war nur Platz für eine Kunstform. Die Tochter des berühmten Schriftstellers führte ein Dasein im Schatten ihres Vaters. Das Theaterkollektiv «der grosse tyrann» rückt ihr Leben nun ins Licht.

Von Helena Krauser

Zürich, 06.10.2022

12 min

Samuel und Lucia lernten sich in Paris kennen. Er besuchte sie immer wieder zu Hause, suchte ihre Nähe, verstand sich gut mit ihren Eltern. Lucia war begeistert von dem jungen Mann, sie hatten viele Gemeinsamkeiten, bald verliebte sie sich in ihn.

Doch dann kam raus: Samuel war eigentlich in seine deutsche Cousine aus Kassel verliebt und hat sich mit Lucia nur angefreundet, weil er ihren berühmten Vater vergötterte. Lucia war wütend und enttäuscht, die Beziehung brach ab. Kurz darauf feierte ihr Vater seinen fünfzigsten Geburtstag.

Auf dem Fest erwähnte Lucias Mutter nebenbei, dass sie auch Samuel eingeladen hatte. Lucia konnte nicht glauben, dass ihre Mutter ihr das antut und warf voller Wut einen Stuhl nach ihr. Daraufhin wies ihr älterer Bruder Giorgio sie in die Psychiatrie ein. Von diesem Tag an wandelte sich Lucias Lebensgeschichte immer mehr zu einer Leidensgeschichte – zwischen Kreativität und Wahnsinn.

Die störende Tochter des grossen Genies

Was klingt wie der Plot eines tragischen Romans, ist eine Episode – vielleicht sogar die entscheidendste – aus dem Leben von Lucia Joyce, Tochter von James Joyce, Patientin von Carl Gustav Jung, Geliebte von Samuel Beckett. Ihr Leben verlief im Schatten ihrer männlichen Weggefährten und blieb daher bisher weitestgehend unerzählt.

In Biografien über ihren Vater wird sie meist nur als die störende Tochter erwähnt, die ihren Vater davon abhielt, noch mehr geniale Werke zu schaffen. Diese Perspektive auf Lucia prägte ihr Leben und führte dazu, dass sie immer wieder als wahnsinnig bezeichnet und in Psychiatrien verwahrt wurde. Vor allem die Mäzeninnen von James Joyces hatten ein grosses Interesse daran, seine literarische Produktivität voranzutreiben und dafür zu sorgen, dass er nicht von seiner Tochter abgelenkt wird.

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Lucia Joyce (links) mit zwei Freundinnen Paris, 1928.

Mit diesem Schicksal ist Lucia ein Kind ihrer Zeit. Oder genauer gesagt, eine Tochter ihrer Zeit. Wahnsinn und Weiblichkeit waren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eng miteinander verknüpft. So manche künstlerische oder intellektuelle Karriere wurde mit dem Vorwand der psychischen Instabilität der Frau in Schranken gehalten.

So ging es Ende des 19. Jahrhunderts beispielsweise auch Emilie Kempin-Spyri, der Juristin, die als erste Frau in der Schweiz promovierte und habilitierte, aber in ihrem Heimatland nie als Anwältin arbeiten durfte und mit 45 Jahren entmündigt wurde. Oder Camille Claudel, die französische Bildhauerin, wurde nach dem Tod ihres unterstützenden Vaters in die Psychiatrie eingewiesen und dort praktisch vergessen.

Die Pathologisierung der Frau

Das westliche Denken war zu dieser Zeit stark über binäre Oppositionen organisiert. Die Frau verortete man auf der Seite des Irrationalen, was die Position des Mannes als vernünftiges Mitglied der Gesellschaft garantierte. Weiblichkeit an sich wurde in dieser Welt, in der der Mann als Norm galt, als defizitär und wahnsinnig angesehen. Daraus folgerte eine Pathologisierung der Frau.

«Der Wahnsinn von Frauen ist weniger ein psychiatrisches oder individuelles als vielmehr ein gesellschaftliches Problem», schrieb Sibylle Duda 1992 in dem Buch «WahnsinnsFrauen». Das Werk enthält dreizehn Porträts von Frauen, die als wahnsinnig galten.

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Lucia Joyce tanzend, Paris, 1929.

Lucia Joyce wurde in Zürich von dem Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung behandelt. Er konnte allerdings keine konkrete psychische Erkrankung bei ihr feststellen, erkannte aber ihr grosses Leiden.

Jung beschrieb, dass James Joyce und Lucia wie zwei Menschen seien, die auf den Grund eines Flusses zustreben. Während Joyce dabei taucht, ertrinkt Lucia. Mit anderen Worten: Er hatte unter Kontrolle, was in unkontrollierter Form vielleicht zur Schizophrenie führen konnte, während Lucia der Veranlagung erlag; sie stürzte hinab und ging unter.

So beschreibt das Theaterkollektiv «der grosse tyrann» in dem aktuellen Stück «Abgesang auf Lucia Joyce – Eine Wahnsinnsarie» das Schicksal der jungen Frau. Die Gruppe um Maude Hélène Vuilleumier, Liliane Koch und Wanda Wylowa erzählt die Geschichte von Lucia Joyce und verwebt dabei all die künstlerischen Disziplinen, die in Lucias Leben eine grosse Rolle spielten.

Ihre Geschichte sollte geheim bleiben

Wylowa und Koch übernehmen den Part des geschriebenen und gesprochenen Wortes, der Opernsänger Niklaus Kost bringt als Bariton die Kunstform von Lucias Bruder Giorgio mit ein. Der Tänzer Simon Fleury verkörpert Lucias Disziplin, den Tanz.

Das Kollektiv stützt sich bei der Erzählung grösstenteils auf das Werk «Lucia Joyce: Die Biographie der Tochter» von Carol Loeb Schloss. Das 2007 erschienene Buch ist eine der wenigen Quellen zu Lucia Joyce.

Sämtliche Briefe und Krankenakten wurden von ihrem Bruder Giorgio und ihrem Neffen Stephen vernichtet. Sie wollten nicht, dass Lucias Krankheitsgeschichte öffentlich diskutiert wird, sie gehörte ihrer Ansicht nach zu den dunklen Geheimnissen der Familie. Auch Samuel Beckett vernichtete die umfangreiche Korrespondenz zwischen ihm und Lucia, als Giorgio ihn dazu aufforderte.

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Simon Fleury, Wanda Wylowa (oben), Liliane Koch und Niklaus Kost bei der Probe für das Stück «Abgesang auf Lucia Joyce – Eine Wahnsinnsarie»

Bild: zVg

Gestützt auf die wenigen Informationen, die trotz dieser Hürden überliefert wurden, erzählt «der grosse Tyrann» Lucias Lebensgeschichte.

Lucia Joyce wurde 1907 in Triest, Italien, als Tochter von James Joyce und Nora Barnacle sowie als jüngere Schwester von Giorgio Joyce, geboren. Die Familie lebte in Triest in ärmlichen Verhältnissen, aber für ein Klavier war immer genügend Geld da. Sie verbrachten viele Abende gemeinsam singend und musizierend.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges entschied sich die Familie nach Zürich zu ziehen. Lucia lernte die neue Sprache schnell und nahm auch bald den lokalen Dialekt an. Zürideutsch wurde von da an eine Art Geheimsprache zwischen ihr und ihrem Bruder. Lucia war sehr gut in der Schule. Ihr Bruder weniger. Die beiden buhlten um die Aufmerksamkeit des Vaters. James Joyce schrieb in dieser Zeit «Ein Porträt des Künstlers als junger Mann».

Lucia entdeckt ihr Talent

Als Lucia vierzehn Jahre alt war, zog die Familie nach Paris. Auch dort lernte sie die neue Sprache schnell. Sie hatte einen eigenen Zugang zur Sprache, der James Joyce faszinierte. Sie erfand neue Worte, wechselte zwischen verschiedenen Sprachen hin und her – sie machte instinktiv, was er als rigide intellektuelle Disziplin betrieb.

In Paris fand Lucia zum Tanz. Sie studierte modernen Ausdruckstanz, befasste sich aber auch mit klassischem Ballett. Sie gründete ein Tanzkollektiv und wurde selbst schöpferisch. Lucia zog viel Selbstbewusstsein aus dieser Tätigkeit.

Eines Tages nahm sie an einem Tanzwettbewerb teil. Jede der acht Tänzerinnen sollte eine zwanzigminütige eigene Choreografie darbieten. Lucia übererfüllte diese Aufgabe. Sie entwarf und nähte auch noch ihr Kostüm, ein silbernes Kleid, bestückt mit schimmernden Schuppen. Ein Bein war ganz bedeckt, das andere nackt. Sie integrierte dieses besondere Erscheinungsbild in ihren Tanz und entwickelte dadurch eine ganz eigene Qualität. Zuschauende beschrieben ihren Tanz als archaisch, barbarisch und dann wieder sehr sensibel. Das Publikum verfiel in tosenden Applaus, aber die Jury entschied sich für eine andere Tänzerin, woraufhin sich die Zuschauenden beschwerten.

 

«Lucia Joyce – Avantgarde Natur

War explosiv und Künstlerin pur

In Erinnerung bleibt sie am Ende nur

Als tanzende Muse für Finnegans Wake.»

Refrain aus «Abgesang auf Lucia Joyce – Eine Wahnsinnsarie»


 

Lucias Familie war nicht begeistert, dass sie den Tanz als ihre Kunstform auserkoren hatte, sie hätte sich etwas «Anständigeres» für ihre Tochter gewünscht. Doch für sie war der Tanz nicht nur Beruf, sondern eine Bewältigungsstrategie. Lucia war temperamentvoll und trug einen Zorn in sich, der sich gegen die ganze Welt richtete. Der Tanz wurde zu einem Werkzeug, mithilfe dessen sie Kontrolle über ihren Körper und Geist ausübte.

In Paris lernte sie Samuel Beckett kennen. Als herauskam, dass er nur an James Joyce interessiert war, sagte ihre Mutter noch: «Niemand macht sich über meine Tochter lustig.» Mit der Einladung zum 50. Geburtstag fiel sie ihr dann aber doch in den Rücken. Und als mit der ersten Einweisung in die Psychiatrie Lucias Leidensweg begann, bot ihre Mutter keine Unterstützung mehr.

Die Beziehung zu ihrem Vater war sehr besonders und eng. In den Augen von C.G. Jung sogar zu eng. In Zürich hatte er versucht, die Beziehung zwischen James und Lucia zu lockern – er verlangte, dass James aus der Schweiz ausreise, da Lucia seiner Ansicht nach in James’ Nähe nicht gesunden könne.

Doch der Vater konnte und wollte nicht loslassen, behauptete zwar, er habe die Stadt verlassen, doch er checkte tatsächlich unter falschem Namen in ein Zürcher Hotel ein. Jung erklärte Lucias Verhalten damit, dass sie im psychischen System ihres Vaters gefangen geblieben sei und kein unabhängiges Seinsgefühl habe entwickeln können.

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«The Rainbow Girls» Tanzkollektiv von Lucia Joyce und Kolleginnen.

James Joyce glaubte auch nach der Einweisung daran, dass Lucia wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden könnte. Die Ärzte waren sich uneinig, manche hielten sie bloss für «neurotisch», andere diagnostizierten eine Schizophrenie. Lucia hörte auf zu tanzen und begann Drogen zu nehmen. Für eine Zeit lebte sie in Irland in einem kleinen Cottage, das sie komplett schwarz eingerichtet hatte, dann wieder in Frankreich.

Alleine gelassen

Ende der 30er-Jahre beschloss die Familie, aufgrund des Zweiten Weltkrieges, Frankreich zu verlassen und wieder in die Schweiz zu ziehen. Da sich Lucia zu der Zeit in der Psychiatrie aufhielt, beantragte James Joyce eine Genehmigung, um sie mit in die Schweiz zu nehmen. Als die Familie dann abreisen konnte, war die Genehmigung schon wieder abgelaufen. James wollte Lucia nicht in Frankreich zurücklassen, aber Nora und Giorgio überredeten ihn dazu. 1941 verstarb James Joyce. Lucia erfuhr in der Zeitung von seinem Tod.

Ihre Mutter und ihr Bruder haben sie nie wieder in Frankreich besucht. 1951 verstarb auch Nora. Die Vormundschaft ging mit dem Tod des Vaters an seine Mäzenin Harriet Shaw Weaver über. Sie veranlasste, dass Lucia in eine Psychiatrie in Northhampton gebracht wurde und war eine der wenigen Personen, die sie dort hin und wieder besuchte. 1982 verstarb Lucia Joyce in der Psychiatrie.

 

Abgesang auf Lucia Joyce – Eine Wahnsinnsarie

vom 7. Oktober bis 16. Oktober im Im Hyperlokal in Zürich