Elisabeth Bronfen bei der Vernissage zur Ausstellung «Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau» im Aargauer Kunsthaus.

Interview Elisabeth Bronfen

«Weibliche Solidarität in öffentlichen Räumen ist eine Fiktion»

Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat die Ausstellung «Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau» im Aargauer Kunsthaus kuratiert. Im Interview erklärt sie, warum Frauen nicht in das Konzept des Künstlergenies passen, und warum das Thema «Frauen in der Kunst» trotz aller Bemühungen ein sehr fragiles bleibt.

Von Helena Krauser

Aarau, 14.09.2022

9 min

Frau Bronfen, Sie haben die Anfrage vom Aargauer Kunsthaus erhalten, eine Ausstellung mit Werken aus der Sammlung zu kuratieren. Aufgrund der vielseitigen Werke von Künstlerinnen, die Sie dort entdeckt haben, entscheiden Sie, in Ihrer Ausstellung nur Arbeiten von Frauen zu zeigen. Waren Sie erstaunt darüber, welche Kapitel, oder Zentren der Intensität, wie Sie sie nennen, sich aus den Werken ergeben haben?

Teilweise. Mir war klar, wenn ich eine Ausstellung mit weiblichen Künstlerinnen mache, werden Arbeiten über Körper eine Rolle spielen. Ich habe diese Perspektive aber stark ausgeweitet. Wir starten mit dem kritischen Blick auf den weiblichen Körper, darauf folgen aber immer mehr Bilder, die den Körper im Schwebezustand und in der Transformation zeigen. Was ich auch schon im Vornhinein wusste, ist, dass es ein Kapitel zu Gesichtern geben wird. Mich interessiert die Frage: Wie stellt sich die Künstlerin selbst dar, wie stellt sie ihr Gesicht dar? Das dritte Kapitel, das ich mir schon vorher überlegt hatte, thematisiert den deutschen Begriff «Frauenzimmer», der sowohl die Frau als auch das Zimmer, in dem sie wohnt, beschreibt. Dabei geht es um Selbstempfindung, Raumempfindung, Interieur, Innen, Aussen, Wand und Haut.

Die anderen beiden Kapitel haben sich aus den Arbeiten selbst entwickelt. Ich war erstaunt darüber, wie viele schweizer und deutsche Künstlerinnen sich mit der Popkultur beschäftigen. Einerseits mit Popikonen, wie zum Beispiel bei Dorothy Iannone und Manon oder aber mit Alltagsobjekten. Was mich auch überraschte, sind der Witz, die Leichtfüssigkeit, die Lust am Experimentieren, das Zusammenspiel von Visuellem und Text, die vielen Werken innewohnen. Das hat etwas Fröhliches.

Manon, Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau, Ausstellung im Aargauer Kunsthaus kuratiert von Elisabeth Bronfen, Interview: Helena Krauser FRIDA Magazin

MANON (*1940), Die graue Wand oder 36 schlaflose Nächte, 1979

Hätten sich andere Kapitel ergeben, wenn der Anspruch der Ausstellung zwar derselbe gewesen wäre, aber Werke von männlichen und weiblichen Künstlern integriert worden wären?

Wahrscheinlich schon. Donatella Maranta zum Beispiel hat kleine Gouachen von Alltagsgegenständen gemalt  (Serie Ordentliches Portrait einer unordentlichen Familie). Die Bilder entstanden während ihrer Schwangerschaft, als sie das Haus nicht so gut verlassen konnte. Sie hat gemalt, was sie um sich herum gefunden hat. Das hätte ich von Männern so nicht erwartet. Mir war es aber wichtig, nicht von Anfang an eine bestimmte Vorstellung von «der Frauenkunst» zu haben, sondern die Ausstellung anhand der Werke, die da sind, zu konzipieren. Es gibt ganz verschiedene Arten, wie Künstlerinnen sich ausdrücken. Wichtig war mir die sexuelle Differenz, also die Herangehensweise, innerhalb derer wir nicht von einer bestimmten Vorstellung von der Frau als eine unhinterfragte Norm innerhalb einer patriarchalen Kultur ausgehen.

Donatella Maranta, Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau, Ausstellung im Aargauer Kunsthaus kuratiert von Elisabeth Bronfen, Interview: Helena Krauser FRIDA Magazin

Donatella Maranta, Häfi / Schnappis / Zapfenzieher / Tigerfinkli / Schoppen / Maus / Telefon (aus der Serie Ordentliches Portrait einer unordentlichen Familie), 1998

Im Booklet der Ausstellung kann man die Biografien der Künstlerinnen nachlesen. Was auffällt, ist, dass viel von Pausen und Brüchen in der Karriere berichtet wird, häufig aufgrund der Familienplanung. Das kennt man von Künstlerbiografien weniger…

Ja, was Künstlerinnen stark von Künstlern unterscheidet, sind ihre Lebenswege. Hätte ich zuerst das Booklet mit den Kurzbiografien geschrieben und dann die Ausstellung gemacht, wäre sie ganz anders geworden. In den Biografien der Künstlerinnen geht es auch viel um schwere Themen wie Krankheit, Verzweiflung, frühen Tod und Selbstmord. Ich bin aber sehr froh, dass ich das nicht gemacht habe, denn so ist mir aufgefallen, wie spannend und frisch es ist, mit einem neuen Blick auf diese Arbeiten zu schauen und auch Bezüge zwischen ihnen zu entdecken.

 

Dorothy Iannone, Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau, Ausstellung im Aargauer Kunsthaus kuratiert von Elisabeth Bronfen, Interview: Helena Krauser FRIDA Magazin

Dorothy Iannone (*1933), Ohne Titel (aus der Serie People), 1967

Wie kommt es, dass Frauen nicht in das Konzept des Künstlergenies passen?

Es ist eine Mischung aus der Frage des Zugangs zu Bildung und dem, was gesellschaftlich von Frauen erwartet wurde. Eine Frau durfte bis ins späte 19. Jahrhundert keine Universität besuchen und es wurde erwartet, dass sie rechtzeitig das Essen für ihren Mann kocht. Es hat aber auch viel mit den Kunsthistorikern und Kunstkritikern zu tun, die ab dem 20. Jahrhundert eine ganz klare Vorstellung einer Künstlerbiografie hatten. Die Vorstellung beinhaltete diese Idee des Genies, eine Ausbildung, einen Meister, der ihn fördert und Preise. Diese Vorstellungen passten überhaupt nicht mit der Lebensrealität der Frauen zusammen.

Miriam Cahn, Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau, Ausstellung im Aargauer Kunsthaus kuratiert von Elisabeth Bronfen, Interview: Helena Krauser FRIDA Magazin

Miriam Cahn, Morgengrauen (Detail), 1981

Schaut man auf die letzten 100 Jahre zurück, lässt sich feststellen, dass es immer wieder Zeiten gab, in denen stark darauf geachtet wurde, dass vermehrt Kunst von Frauen ausgestellt wird. Diese Bemühungen hielten aber nie lange an. Was braucht es, damit die aktuelle Welle nicht wieder abebbt? 

Ich kann eigentlich nur auf das abgegriffene Wort «Nachhaltigkeit» zurückgreifen. Ich dachte ja schon Ende der 90er, jetzt haben wir es geschafft. Da habe ich mich geirrt. Die Nachhaltigkeit ist nur gegeben, wenn sich die Haltung bezüglich Künstlerinnen auch in der Kunstkritik und der Sammlungspolitik ändert. Man muss aber auch verstehen, dass man nur sammeln kann, was da ist. Im 19. Jahrhundert werden wir nicht wahnsinnig viele tolle Künstlerinnen entdecken, weil es einfach kaum welche gegeben hat. Ich bin nicht für Quoten, aber ich denke, es ist sinnvoll zu überlegen, ob es auch Frauen gibt, die zum Konzept der nächsten Ausstellung passen würden. Vielleicht auch, wenn sie inhaltlich sperrig dagegen stehen. Ich finde es immer toll, wenn Künstlerinnen ausgestellt werden, aber eine Ausstellung wie «Pionierinnen» in Paris ist vielleicht etwas weniger nachhaltig, als wenn man Künstlerinnen einfach immer mitdenkt bei der Konzeptierung einer neuen Ausstellung. Der Mehrwert ist offensichtlich, es ist ein breiteres, grösseres, bunteres und vollständigeres Archiv.

Wir sollten immer wieder daran denken, wie fragil das Ganze ist. Wir müssen ständig weiter kämpfen. Das ist aber etwas Gutes, weil so müssen wir diese feministische Haltung immer wieder neu denken und von verschiedenen Seiten beleuchten. So wird es eine produktive Geschichte, Vorbilder sind dabei sehr wichtig.

Ist die Nachhaltigkeit eher gegeben, wenn mehr Frauen in Entscheidungspositionen sind?

Ja, das ist, was wir jetzt schon sehen. Es gibt heute sehr viel mehr Kunsthistorikerinnen als vor fünfzig Jahren. Dadurch entstehen auch andere Kuratorinnen und Direktorinnen an Kunsthäusern. Dass sich dadurch auch der Kunstmarkt verändert, sehe ich jetzt allerdings nicht. Der Kunstmarkt hat einfach sehr viel mit Geld zu tun.

Hannah Villiger, Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau, Ausstellung im Aargauer Kunsthaus kuratiert von Elisabeth Bronfen, Interview: Helena Krauser FRIDA Magazin

Im Vordergrund: Hannah Villiger, Arbeit (12-teilig), 1980/81

Kann man davon ausgehen, dass Frauen an solchen Schlüsselpositionen andere Frauen fördern?

Nein, überhaupt nicht. Was wir jetzt leider erkannt haben, ist, weibliche Solidarität in öffentlichen Räumen ist eine Fiktion. Aber die Tatsache, dass immer mehr Frauen in diese Positionen kommen, ändert schon etwas. Es ist oft so, dass eine einzige Frau im Vorstand nicht viel verändert, wenn aber drei Frauen da sind, können sie etwas bewirken. Dann ändert sich auch die Gesprächskultur. Ich bin gerade mit mehreren Frauen in einen Vorstand gewählt worden, und die Mitarbeitenden haben gesagt, «hier hat sich aber schlagartig etwas verändert». Weil wir uns gut absprechen und dann ganz anders reden. Wenn ich jetzt da ganz alleine wäre, hätte ich Sorge.

Im Kunstmuseum Basel ist aktuell ein Raum Werken von Künstlerinnen und deren Freundschaften gewidmet. Wie wichtig sind solche Freundschaften untereinander, um als Künstlerin erfolgreich zu sein?

Ich denke, Freundschaften zwischen den Künstlerinnen sind ganz wichtig. Aber Netzwerke aufbauen, Seilschaften bilden, das ist leider etwas, was Frauen noch nicht so gut können. Männer hingegen machen das häufig sehr erfolgreich: Gruppen bilden, Generationsabfolgen bilden. Künstlergenie und Freundschaft sind überhaupt kein Widerspruch.


Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau… Eine Geschichte der Künst­lerinnen

Vom 27.August 2022 – 15. Januar 2023 im Aargauer Kunsthaus

Frauen in der Sammlung

Fokusräume & Projekte im Kunstmuseum Basel